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Montag, 6. Juli 2015

mein alltäglicher surrealismus .... - die nadja springt unterm bücherturm hervor

André Breton: Nadja. Übersetzung und Nachwort von Max Hölzer. Neske, Pfullingen 1960
 (Band 406 der Bibliothek Suhrkamp, 1974, ISBN 3-518-01406-4).

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Also -ich nehme an, auf dies Goethe-Sprichwort bezieht sich der Autor André Breton
am Anfang seiner surrealistischen "Nadja"-Erzählung bezieht ...

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WER BIN ICH? WENN ICH MICH AUSNAHMSWEISE AUF ein Sprichwort beziehe: warum kommt in der Tat nicht alles darauf an, zu wissen, mit wem ich »umgehe«? Ich gestehe, daß mich dieses Wort verwirrt, denn es sucht zwischen bestimmten Wesen und mir seltenere Beziehungen zu begründen, unausweichlichere, bestürzendere, als ich dachte. Es sagt viel mehr, als es sagen will, es läßt mich zu Lebzeiten die Rolle eines Gespenstes spielen, offenbar spielt es auf das an, was ich aufhören mußte, zu sein, um der zu sein, der ich bin. Wenn ich es, kaum mißbräuchlich, in diesem Sinne nehme, gibt es mir zu verstehen, daß die objektiven Äußerungen meiner Existenz, die ich nämlich für solche halte, mehr oder weniger vorsätzliche Äußerungen, nur der in die Grenzen dieses Lebens eintretende Teil einer Aktivität sind, deren wirkliches Feld mir ganz und gar unbekannt ist. ...
(Beginn der "Nadja"-Erzählung - S. 7 der 1. Auflage ....)





Nadja 
ist ein Roman des französischen Surrealisten André Breton. Der Text wurde 1928 geschrieben und kam nochmals 1962 in einer überarbeiteten Fassung heraus. Der Roman beginnt mit dem unerwarteten Aufeinandertreffen des Autors mit einer jungen Frau, die sich Nadja nennt und auf ihn eine gewisse Faszination ausübt. Tatsächlich war Breton im Oktober 1927 in für ihn zehn „surrealistischen“ Tagen mit Léona Delcourt zusammen und erhielt von ihr in den folgenden vier Monaten eine Reihe von Briefen und Zeichnungen.

Nadja ist eine Persönlichkeit, die außerhalb der Realität zu leben scheint. Sie irrt ohne Ziel durch die Straßen von Paris, ihr Name ist nicht einmal ihr richtiger Name. Sie erklärt, dass sie sich für den Namen selber entschieden habe und dass auf Russisch Nadja der Anfang des Wortes für Hoffnung sei. Dem Autor wird rasch bewusst, dass Nadja eine befremdliche Macht der Faszination umgibt, die ihr ihre Schönheit verleiht. So wird Nadja in den Augen Bretons eine Art Symbol für das, was er sich als Surrealismus vorstellt, sie ist Sinnbild der Liebe, die zur verrückten Liebe (l’amour fou) zu werden droht. Sie ist Symbol der Verherrlichung des Lebens und gleichermaßen im Besitz seherischer Fähigkeiten, wie eine Reihe „objektiver Zufälle“ verdeutlicht. 


Zeichnung von Léona Delcourt:
Qui est elle? , 1926
(deutsch: Wer ist sie?),
 Abbildung im Buch (1928)
Dieses Wesen, das übernatürlich zu sein scheint, gerät in eine paradoxe Situation. So wie sie ein Zeichen der Liebe ist, ist Nadja auch einsam. Zudem deutet sie auch an, dass sie sich zur Zeit ihrer Ankunft in Paris einige Male prostituiert habe. Die „magische Kreatur“ wird von der Realität zu einer psychisch Kranken gemacht, ihre Visionen als auditive und visuelle Halluzinationen abgetan. Zuletzt gerät die von den Surrealisten zum Symbol der Herrlichkeit des Lebens Gekürte in eine psychiatrische Anstalt, ein Ende, das in vollkommenem Gegensatz zu dem Namen steht, den sie sich selbst gegeben hatte. 

André Breton verharrt das ganze Buch hindurch in seiner Rolle als Beobachter, der Nadja gegenübersteht und seine Objektivität bewahren möchte, zudem darum kämpft, nicht selbst dem Wahnsinn zu verfallen, in den Nadja ihn hineinziehen möchte. Offen kritisiert er die Psychiatrie, nachdem die junge Frau dort eingeliefert wird.


Bildnis André Breton - nach einer
Abb. im Buch
Nadja bittet André Breton, ihr ein Buch zu widmen, damit von ihr eine Spur bleibe, so als wenn sie eine Ahnung vom tragischen Ausgang ihres Lebens gehabt hätte. Das von Breton dann geschriebene Buch ist sehr vielschichtig: Der Autor spart willentlich mit beschreibender Prosa und fügt stattdessen Abbildungen hinzu, die besuchte Orte zeigen, getroffene oder erwähnte Leute, Gemälde oder Zeichnungen befreundeter Surrealisten, seiner selbst oder die von Nadja. Sie werden zu einer Art Parallelgeschichte, die mit dem Text des Buches kommuniziert, und manchmal heben die Bilder gewisse Sätze des Textes hervor (die Fotografien sind häufig von einem wörtlichen Textzitat untertitelt).

Der Roman schließt mit einer Definition der Schönheit, die berühmt wurde: „Die Schönheit wird wie ein BEBEN [im Original: KONVULSIV] sein oder sie wird nicht sein.“

WIKIPEDIA


http://www.site-magister.com/nadja.htm
Möglicherweise will das Leben wie eine chiffrierte Botschaft entziffert werden.

(Eintrag auf dem Rücken des Schutzumschlages von Bretons deutscher "Nadja"-Ausgabe von 1974)


Diesen "Nadja"-Suhrkamp-Text von 2002 in der Übersetzung von 
Karl-Heinz Bohrer können Sie hier mit Anmerkungen 
nach einem pdf-Dokument der Uni Ulm lesen ... - 
Besonders hinweisen möchte ich auf die Kritik der 
Psychiatrie zur damaligen Zeit - auf den S. 116-121























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Ähhh - ich bin über die Recherche zu Jacques Lacan und Slavoj Zizek auf mein eingelagertes Nadja-Buch gestoßen, dass ich mühsam dann unten aus einem Bücherturm von ca. 1 Meter Höhe herausziehen und bergen konnte - das Ganze war schon irgendwie passend surreal und bizarr - denn "Nadja" kam quasi aus dem Nichts aus meinem Unbewussten herangeflattert, als ich von Lacans Theorie las, die sich  ver"einfacht" [sic!] in vier Grundannahmen zusammenfassen lässt:
  • Das Ich entwickelt sich im Spiegelstadium, welches die grundlegende Matrix der Subjektivität bildet.
  • Das Subjekt ist ein Sprachwesen, das heißt durch die symbolische Ordnung der Sprache geprägt: „Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert.“
  • Das Subjekt ist ein begehrendes Subjekt. Da das Objekt des Begehrens (Objekt klein a) immer schon verloren ist, ist es ein grundsätzlicher Mangel, der das Begehren des Menschen aufrechterhält.
  • Die menschliche Psyche konstituiert sich in der unauflösbaren Trias Imaginäres-Symbolisches-Reales (RSI).
Und keine Angst - ich verstehe das ja auch alles nicht - aber es ist doch gut, dass Lacan und Zizek - und vielleicht sogar Breton in seiner "Nadja" darüber nachgedacht haben - und gut - dass wir hier drüber gesprochen haben ... - schöne Ferien noch ...