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Mittwoch, 29. Juli 2015

Stolpersteine München - und anderswo ...


DPA | SPIEGEL.de


Erinnerung an NS-Opfer

München lehnt Stolpersteine ab

Die sogenannten Stolpersteine erinnern in vielen Städten an Opfer des Nationalsozialismus. In München soll es sie jedoch nicht geben - das hat der Stadtrat nun bestätigt. Befürworter der Gedenksteine sind empört.

Soweit die nackte Meldung ...

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Stolpersteine: Alltägliche Gedenk-"In|klusion" statt NS-"Ex|klusion"

Für die einen sind sie eine mit Füßen getretene "Ehrung im Straßenschmutz". Für die anderen bedeuten sie Innehalten und Verbeugung: die "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig, der mit diesen Messingplaketten im Boden an die Einzelopfer der NS-Gewaltherrschaft erinnert. 

Auch im Sinn der derzeitig gesellschaftlich diskutierten Prämisse einer allgemeinen "Inklusion" und der vieldiskutierten Fremdenfeindlichkeit mit ihrer immer noch durch Vorurteile belasteten Scheu vor "Andersartigkeiten" - wird es höchste Zeit, die radikal ausgegrenzten und durch die NS-"Exklusion" brutal separierten, "niedergeführten" und "ausgemerzten" NS-Gewaltopfer in die Erinnerungsarbeit und ins Gedenken - ganz selbstverständlich - mit in unseren allgegenwärtigen Alltag hineinzunehmen, um die Umstände dieser Gewalt und Menschenverachtung auch heute gesellschaftlich aktuell zu kommunizieren. Und über einen "Stolperstein", 10 x 10 cm klein, stolpert man nicht tatsächlich, aber er legt sich uns in den Weg - gibt Anstoß - und man darf daran Anstoß nehmen - und ins Gespräch kommen ...


Denn: "Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst", schreibt der Sozialpsychologe Harald Welzer in Anlehnung an Jean Baudrillard ...

Diese europaweit aktive Stolperstein-Aktion des Künstlers Gunter Demnig ist die sicherlich zur Zeit bedeutendste Initiative, eben diese längst abgespaltenen Schicksale in das gesellschaftliche Kollektiv-Bewusstsein zurückzubeordern - und ist damit ein notwendiger Teil erfolgreicher gesellschaftlicher und auch individueller innerer Inklusion und Gewaltprophylaxe.

Vielleicht einfacher ausgedrückt: Zur einer "inneren Barrierefreiheit" gehört auch das Anstoß nehmen und die permanente und erfolgreiche Aufarbeitung all der Schrecklichkeiten, Schranken und Hindernisse durch die NS-Herrschaft, die das kollektive schlechte Tätergewissen auch unserer Altvorderen über all die Jahre hinweg einfach längst verdrängt und so zu einem zähen fast undurchdringlichen Wust in uns allen Nachgeborenen kollektiv aufgetürmt und verdichtet hat ... - eine solche kontinuierliche Aufarbeitung dient jedoch dem allmählichen Abbau dieser inneren Sperren - durch die Integration der Geschichte und der Geschichten und durch die Hineinnahme in den individuellen Alltag - und eben nicht die Verdrängung oder das Leugnen - durch "Abspaltung" oder durch die Zuweisung in besondere separate Gedenk-Sonderareale [von wegen: die "Gnade der späten Geburt" - H. Kohl]


Zu der von der prominenten Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKM) Charlotte Knobloch auch in der Vergangenheit mehrfach geäußerten kritischen Haltung zu den Stolpersteinen: "Menschen treten auf die Stolpersteine oder gehen achtlos über sie hinweg", ist festzustellen, dass jede Art von öffentlich aufgestellten Gedenkstätten und Denkmälern, seien sie an den Wänden und Mauern befestigt und damit aufgehängt [!] oder auf den Boden gestellt und verankert oder im Boden verlegt, immer in der Gefahr sind, von Andersdenkenden geschändet zu werden, mit Graffitis besprüht und im Übermut beschmiert zu werden, zerstört zu werden ... 
Auch auf den Stelen des zentralen Berliner Mahnmals für die Holocaust-Opfer ruhen sich die Schüler und Jugendlichen von den nächtlichen Eskapaden ihren Klassenfahrten aus, und wegen schlechten Betons bröckeln die Stelen bereits hier und da ...

Anders als Knobloch äußert sich der neue Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, der seit Jahren das "tolle Projekt" der Stolpersteine unterstützt. "Die kleinen Messingsteine lassen uns immer wieder mitten im Alltag innehalten", sagte Schuster jetzt in Würzburg. Durch die Steine werde einem bewusst, dass die Opfer der nationalsozialistischen Terrorherrschaft "mitten unter uns" gelebt hatten: "Es waren Nachbarn. Und auch wenn es heute keine Angehörigen mehr gibt: Sie sind nicht vergessen."

Gunter Demnig hat die Stolpersteine wohl bewusst nicht als "Grabsteine" oder Grabstein-Ersatz konzipiert, auch nicht als "Kenotaph" - als ein Scheingrab - sondern als ein einfaches "Gedenkzeichen", als 10 x 10 cm kleine Hinweisschildchen - wie Hausnummern vielleicht, nur dass eben hier statt der Nummern die echten Klarnamen der Opfer genannt werden - man kann davor stehenbleiben, beim Lesen des Namens den Kopf beugen - und sich so auch ein wenig vor dem Opfer verneigen - einfach kurz innehalten ... - Ein "Stolperstein" legt sich uns direkt in den Weg  - an einer Gedenktafel läuft man wohl zumeist vorbei und vorüber ...

Boden-Denkmäler sind eine bewährte Form historischer Erinnerung. Vor dem Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität in München [!] erinnern Bodenkeramiken des Bildhauers Robert Schmidt-Matt seit 1988 an die Mitglieder der Weißen Rose. Wie die Flugblätter, die Sophie und Hans Scholl einst in den Lichthof der Universität warfen, liegen sie da. Wird die Erinnerung an die Geschwister Scholl an diesem Ort damit mit Füßen getreten?

Nicht die Opfer oder die "Erinnerung" werden beim Darübergehen "mit Füßen getreten", sondern wenn überhaupt, diese kleinen Hinweisplaketten, die als ein Gedenk-Angebot zu werten sind, an denen man Anstoß nehmen soll  - und die Anstoß geben sollen - zum Erinnern, Nachdenken und zur Diskussion ...

Die dezentrale Form dieser Gedenkkultur nimmt das Einzelopfer in den Blick - und in den "alltäglichen" schnöden Alltag - und lässt so erahnen, welch ungeheures Ausmaß die NS-Verbrechen in den einzelnen Familien und Gemeinden und in den Nachbarschaften angenommen hatten - und wie überall - bis in den letzten Winkel hinein - die tödliche Jagd auf Menschen gemacht wurde, die nach der faschistischen Ideologie der Nationalsozialisten als "Andersartig" und deshalb als "Bedrohung" für "Blut und Erbgut" eines willkürlich definierten "arischen Volkskörpers" aussortiert wurden  ...


Zentrale besonders "feierliche" und pompös gestaltete und errichtete Gedenkstätten werden vielleicht bei offiziellen Kranzniederlegungen und zu entsprechenden Gedenkdaten aufgesucht - und dann erst im nächsten Jahr wieder - vielleicht mit dem Schützenverein und "Ich hatt' einen Kameraden", intoniert von der Bundeswehr-Kapelle ...

Link zu den SZ-Artikeln dazu ... 


Stolperstein zur Erinnerung an meine Tante Erna Kronshage (Link) in Sennestadt






Verwandt mit Gunter Demnigs "Stolpersteinen" sehe ich auch diese Aktion: 

Das Berliner Künstlerkollektiv ZENTRUM FÜR POLITISCHE SCHÖNHEIT (ZPS) hat im Juni 2015 zum "Marsch der Entschlossenen" aufgerufen. Etwa 5000 Demonstranten zogen zum Platz der Republik und hoben auf der Reichstagswiese symbolische Gräber aus - als Protest gegen die europäische und deutsche Flüchtlingspolitik. Mit der Aktion will das ZPS vor Augen führen, worüber beim "Deutschen Volk" eigentlich Konsens herrschen sollte: das Sterben von Asylsuchenden bei der Flucht - vor allem übers Mittelmeer - muss ein Ende haben. 

Quelle: art - das Kunstmagazin - Bild: politicalbeauty.de