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Montag, 10. August 2015

rose = eine rose = eine rose = eine rose

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Wer kennt nicht die berühmte Zeile “Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose…” aus dem Gedicht “Sacred Emily” (1913) von Gertrude Stein. 

Diese Tautologie erschien in dem 1922 veröffentlichten Buch Geography and Plays. Im Gedicht ist die ersterwähnte „Roseder Name einer Person. Stein variierte später den Satz in anderen Werken, so zum Beispiel schrieb sie 1935 „A rose is a rose is a rose is a rose“ in Lectures in AmericaAuf Englisch ist dieses Zitat auch ein Wortspiel, das mit dem phonetischen Gleichklang des Namens "Rose" mit Eros und "a rose" spielt. Es wird oft interpretiert als „Die Dinge sind, was sie sind“ - "Es is´, wie es ist, weil´s so ist!"  - doch das ist nur eine der Wahrheiten an die wir uns nur annähern können ...

Für Gertrude Stein drückte der Satz aus, dass der Name einer Sache deren Bild und die damit verbundenen Gefühle verkörpert. Mit dieser Deutung knüpft Stein nahtlos an den Universalienstreit an, in dem „der Name der Rose“ von Petrus Abaelardus und anderen als Beispiel für die Verknüpfung von Begriff und Objekt verwendet wurde.

„Rose is a Rose is a Rose is a Rose“

Aber bekannt geworden sind die Worte vor allem durch ihr Kinderbuch Die Welt ist rund (The World is Round), das 1939 erschien. Einer der ersten US-amerikanischen Kinderbuchverlage, Young Scott Books, der ein Jahr zuvor gegründet wurde, hatte bekannte Schriftteller um eine Geschichte für Kinder gebeten. 

Ihr Zögling Ernest Hemingway winkte ab, aber Gertrude Stein sagte im Alter von 65 Jahren zu und schrieb die Geschichte eines kleinen weinerlichen Mädchen namens Rose (es geht hier also nicht um eine Blume), das oft singen muss, gern nachdenkt, suchen, finden und benennen möchte und ihren Lehrern nicht vertraut, die sagen, dass die Welt und die Sonne und der Mond und die Sterne rund sind, und alles „drehte sich immer rundherum immer rundherum“. Und als sie sich einmal beim Singen in einem Spiegel sah, stellte sie fest, dass auch beim Singen „ihr Mund rund (war) und drehte sich immer rundherum immer rundherum“. Und sie fragte sich, „war denn hierzulande alles nur rund drehte sich immer rundherum immer rundherum“? Aber den Bergen, die sich so hoch erheben, würde es sicher „gelingen, alles zum Stillstand zu bringen“. Also beschloss sie, mitsamt einem blauen Gartenstuhl auf die Spitze eines Berges zu klettern, um auf die Welt hinunterzusehen. 
Unterwegs sah sie einen Baum, und sie dachte ja er ist rund aber rundherum werde ich Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose einschnitzen und dann ist’s einfach da und ich höre nirgends mehr irgendwas das mir in der Nacht Angst macht. (…) So nahm sie also ihr Taschenmesser, sie hatte weder einen Füller noch eine Feder von einem Huhn und sie hatte auch keine Tinte da konnte sie nichts tun, sie würde einfach auf ihrem Stuhl stehen und rundherum immer rundherum aber nicht krumm Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose Rose ist eine Rose in die Rinde ritzen bis es ganz herum reichte. (…) Und Rose vergaß die Dämmerung vergaß die rosige Dämmerung und vergaß den Sonnenschein vergaß sie war da allein ganz allein und ritzte vorsichtig in die Ecken rein, die Ecken der Os und Rs und Ss und Es in Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose(Die Welt ist rund. Ritter 2001, S. 70–72) | aus: http://juttas-schreibtipps.blogspot.de/

Allerdings sind und waren nicht alle begeistert von Steins charakteristischem Stil der Wortwiederholungen, auch nicht die Verleger, denen sie trotz aller Kritik unerschütterlich und hartnäckig Ihre Werke zusandte. In dem berühmt gewordenen Absagebrief  nahm 1912 der Verleger A.C. Fields sarkastisch Steins Stil der Wortwiederholung auf und schrieb:

“Sehr verehrte gnädige Frau, 
ich bin nur einer, nur einer, nur einer. Nur ein Mensch, einer zur Zeit. Nicht zwei, nicht drei, nur einer. Nur ein Leben zu leben, nur sechzig Minuten pro Stunde. Nur ein Paar Augen. Nur ein Hirn. Nur ein Mensch. Da ich nur einer bin, nur ein Paar Augen habe, nur eine Zeit habe, nur ein Leben habe, kann Ich Ihr Manuskript nicht drei- oder viermal lesen. Nicht einmal einmal. Nur ein Blick, nur ein Blick genügt. Kaum ein Exemplar ließe sich hier verkaufen. Kaum eins. Kaum eins.”

Gertrude Steins Glaube an sich selbst war allerdings unerschütterlich. “Ich bin ein Genie”, davon war sie überzeugt. Zu Recht.  aus “Im Zimmer meines Lebens”, Edition Ebersbach | Quelle


Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Das ist doch – ja, richtig – von Gertrude Stein, jener viel und leidenschaftlich umstrittenen Amerikanerin, die behauptete, daß es ihr Französischer Pudel Basket gewesen sei, der ihr mit seinem rhythmischen Milch-Schlecken den Unterschied zwischen Prosa und Poesie beigebracht habe; es ist von jener Autorin, bei der die New Yorker Grafton Press, der sie aus Paris das Manuskript ihres Buches „The Making of Americans“ zum Druck gesandt hatte, anfragen ließ, ob sie die englische Grammatik überhaupt richtig beherrsche.

Eine seltsam-selbstbewusste und eigenwillige Frau: 1874 in Alleghany (Pennsylvanien) geboren, aufgewachsen in San Franzisko, studierte sie in Radcliffe und später an der Johns-Hopkins-Universität Psychologie. Wie Proust und Joyce von den führenden Philosophen ihrer Zeit – Bergson und Freud – beeinflußt wurden, so ließ sie sich von ihrem berühmten Lehrer William James leiten.

Doch William James förderte nicht nur die Psychologin, sondern auch die Autorin Gertrude Stein. Ihr auffälligstes Stilmittel ist die scheinbar nicht endenwollende Wiederholung einiger Sätze, von ihr selber als „insistence“ bezeichnet.

Eines der wichtigsten Kapitel der „Psychology“ trägt den Titel „The Stream of Consciousness“ (der Bewußtseinsstrom), ein Ausdruck, der von James geprägt und später zu einem terminus technicus der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts wurde. Die Schriftstellerin fordert, dass die Sprache wie ein Strom sein müsse, in dem ein Gedanke in den anderen, ein Wort in das andere fließt. Im monotonen Fluß der Zeit könne es nicht Anfang noch Ende, sondern nur „eine fortgesetzte Gegenwart“ geben.

Weder das Studium noch Amerika vermochten Gertrude Stein lange zu halten. 1903 siedelte sie nach Paris über, wo ihr berühmtes Quartier 27, rue de Fleurus bald zu einem Treffpunkt aller derjenigen wurde, die damals weder Rang noch Geld hatten, aber die Zukunft der Malerei und der Literatur für sich in Anspruch nahmen.

Über diese ereignisreiche Zeit in Frankreich, in die der erste Weltkrieg fällt, berichtet die Autorin in –
Gertrude Stein: „Autobiographie von Alice B. Toklas“; Verlag Die Arche, Zürich; 296 S.
Das ist ein kurzweiliges und interessantes Buch, in einem für die Verfasserin sehr wenig typischen Stil geschrieben und keineswegs vom „monotonen Fluss der Zeit“ getragen. Von der ersten bis zur letzten Seite unterhält es und belehrt es. Horazisch-grimmelshausenscher kann es gar nicht hergehen. Auch Sinn für Humor fehlt der Autorin nicht; davon zeugt schon der Titel.

So wie Defoe die Autobiographie Robinson Crusoes, schrieb sie die Autobiographie ihrer Freundin, die sich als fiktive Erzählerin allerdings sehr im Hintergrund hält, um Gertrude Stein und ihr Atelier ins rechte Licht zu rücken. Und das ist auch der Mühe wert: „Damals war mancherlei von Matisse, Picasso, Renoir und Cézanne da, aber auch sehr viel andere Sachen. Zwei Gauguins waren da und Manguins und ein großer Akt von Valloton, der so aussah wie die Odaliske von Manet, war’s aber nicht, und auch ein Toulouse-Lautrec war da.“

Entdeckerleidenschaft hatte Gertrude Stein gepackt. Sobald sie von einem jungen Maler hörte, suchte sie ihn und seine Bilder auf und kaufte oft etwas, zum Beispiel für 150 Franken das jetzt berühmte „Kleine Mädchen mit den Blumen“ von Picasso und bei der Vernissage des Indépendants erwarb sie „La Femme au Chapeau“ von Matisse. Seit dem Tag, an dem Gertrude Stein dieses verspottete und aufs heftigste angegriffene Bild kaufte, war die Freundschaft zwischen ihr und Matisse besiegelt.

Gertrude Stein nach einem Porträt von Picasso 1906
Auch mit dem jungen Pablo Picasso hatte sie eine sehr herzliche Freundschaft geschlossen, und nie spricht sie ohne eine gewisse Rührung von diesem liebsten ihrer Freunde: „Er hatte etwas von der Einsamkeit eines Stierkämpfers an der Spitze einer Schar.“ Aber sie kann ihn auch wohlwollend einen „gutaussehenden Schuhputzer“ nennen. Er wiederum hätte ihr seine Zuneigung nicht besser beweisen können als mit jenem Porträt, für das sie ihm mehr als achtzigmal sitzen mußte, während ihr Fernande, Pablos schöne Freundin, aus den Fabeln La Fontaines vorlas.

Diese Freundschaften (es sollten noch viele andere hinzukommen, so mit Juan Gris, Braque, Max Jacob, Rousseau, mit Guillaume Apollinaire, mit Hemingway, Ezra Pound, James Joyce) trugen für das Schaffen der Schriftstellerin reiche Früchte.

Von den Impressionisten lernte sie, daß Erinnerung eine objektive Anschauung unmöglich macht. Lange Zeit hatten Maler nicht gewagt, Rot auf einer weißen Häuserwand oder in einem grünen Rasen zu entdecken. Die Impressionisten hatten es sichtbar gemacht. Und die nächste Generation ging konsequent einen Schritt weiter und zeigte, daß unsere gesamte visuelle Auffassung – Form und Farbe eingeschlossen – von „Erinnerung“ bestimmt und durch Erziehung verdorben ist. Gertrude Stein wollte das auf die Literatur übertragen und versuchen, die Dinge in ihrer „reinen Existenz“ in die Gewalt der Sprache zu bekommen. Dazu begann sie mit der Beschreibung einfacher Gegenstände ihrer Umgebung. Das Ergebnis war die Gedichtsammlung „Tender Buttons“.

Kritiker in Amerika, England und Frankreich tadelten sie heftig und nannten ihre Werke
Gertrude Stein, Porträt von Andy Warhol, 1980
unverständlich und eine Zumutung für den Leser. Belustigt und ohne Bitterkeit berichtet Gertrude Stein über solche Vorhaltungen. Immer wieder beteuert sie, daß ihr die Meinung des Lesers völlig gleichgültig sei, ja, ein Einverständnis zwischen Autor und Leser könne überhaupt nicht zustande kommen, da die Erinnerungs- und Erlebniskette jedes Menschen verschieden sei. Sie geht sogar noch weiter und schreibt im Henry-James-Kapitel ihres
„Four in America“: „Klarheit ist unwichtig, da niemand zuhört und niemand weiß, was du meinst... Aber wenn du genügend Vitalität ... besitzt, so werden ... viele einsehen müssen, daß du weißt, was du meinst; und sie werden dir darin zustimmen, daß du das meinst, was du weißt.“ So ist auch jener Vers von der Rose zu verstehen, die eine Rose eine Rose eine Rose eine Rose und darum (das behauptet jedenfalls Gertrude Stein) röter als andere poetische Rosen ist. Es war bestimmt nicht im Sinne der Dichterin, dass sich so viele Kritiker und Leser über diese Zeile den Kopf zerbrachen.

Wir kommen nicht herum um die Frage, ob Gertrude Stein in ihrem Werk wirklich das erreicht hat, was sie erreichen wollte: durch Intensität, durch Vitalität, durch „insistence“ zu überzeugen? Obwohl es jedem Leser überlassen sein soll, diese Frage für sich zu beantworten, muß ich gestehen: Nein, sie überzeugt mich nicht – jedenfalls nicht durch ihr literarisches Werk, das zwar weite Perspektiven eröffnet, sie aber selber nicht ausfüllt.

Wohl aber überzeugt und begeistert sie durch ihre Persönlichkeit, der sich die Größten ihrer Zeit verbunden fühlten! Sie überzeugt durch die Kühnheit ihrer Forderungen, durch ihre theoretischen Einsichten in das Wesen der modernen Kunst.

Ihr Einfluß auf die jüngere amerikanische und englische Literatur ist groß und vielleicht jetzt noch nicht abzusehen. (Vergessen wir nicht, daß sie den jungen Hemingway „entdeckte“ und förderte.) Thornton Wilder nannte sie die „Mutter der Moderne“. 

Katharina Hoke | Die Zeit-Archiv 1960






Anmerkung: Gertrude Steins Sprach-Verständnis folgend müsste ich - wenn ich es für mich richtig verstehe - das vierblätterige Kleeblatt ungefähr so beschreiben:



Ein Kleeblatt          
= ein Kleeblatt 
= ein Kleeblatt 
= ein Kleeblatt 
= Glück