"

Mittwoch, 5. August 2015

Heute schon gebetet ??? - impuls für die woche ...


Für den Song: Hier clicken ...


ONE OF US - JOAN OSBORNE




Wenn Gott einen Namen hätte, wie würde er heißen
und würdest du Ihn mit seinem Namen ansprechen,
wenn du Ihn in seiner Herrlichkeit gegenüberstehen würdest?
Und was würdest du Ihn fragen, wenn du Ihm nur eine Frage stellen könntest?

Refrain:

Yeah, yeah, Gott ist großartig
Yeah, yeah, Gott ist gut
Yeah, yeah, Gott ist großartig

Was wäre, wenn Gott einer von uns Menschen wäre,
so ein Schmutzfink von Mensch, wie wir welche sind,
nur ein Fremder im Bus,
der seinen Weg nach Hause finden will?

2. Strophe

Wenn Gott ein Gesicht hätte, wie würde es aussehen?
Würdest du es sehen wollen,
wenn das heißen würde, dass du glauben müsstest
an Dinge wie den Himmel, Jesus, die Heiligen
und an alle Propheten?

Refrain:

Yeah, yeah, Gott ist großartig
Yeah, yeah, Gott ist gut
Yeah, yeah, Gott ist großartig

Was wäre, wenn Gott einer von uns Menschen wäre,
so ein Schmutzfink von Mensch, wie wir welche sind,
nur ein Fremder im Bus,
der seinen Weg nach Hause finden will?

3. Strophe

Der seinen Weg nach Hause finden will,
zurück in den Himmel will, alleine,
den keiner anruft,
den Papst aus Rom vielleicht mal ausgenommen.


**************************************


Hallo, lieber Gott ....

Wenn Miriam beten will, holt sie ihr Handy aus der Handtasche. Sie hält das Telefon ans Ohr und sagt: »Hallo, lieber Gott, ich bin’s mal wieder, die Miriam.« Dann fängt sie an: Sie bittet und dankt, erzählt von Sorgen und von guten Momenten, von Erlebnissen am Tag. »Viele Passanten denken sicherlich, ich würde mit einer guten Freundin telefonieren«, sagt die 29-jährige Betriebswirtin aus Münster und lacht. Der imaginäre Anruf ist ihr Draht zu Gott. 

So stand es in Christ und Welt.de - und ich bin einigermaßen verblüfft: Da regen mich diese laut und überall redenden Dauer-Handybenutzer auf der Straße, in den öffentlichen Verkehrsmitteln dermaßen auf - und ihr Gepiepse von nichtabgeschalteten Handys bei Gottesdiensten und Konzerten und im Theater oder Kino - und ich habe das schon mehrfach als permanente "Kultur"-Verrohung und als eine neue Art von "Umweltschmutz" gebrandmarkt - und nun dieses: Von diesen vielen Kontroll- und Überprüfungs-Quatschern ("Schatz, wo bist Du gerade ... ???") da beten einige - tatsächlich ...
Ich meine zwar, Jesus hat zum Beten - bereits vor 2000 Jahren - eine Verhaltensregel aufgestellt, die da lautet: 
Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn  sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.
Jesus kannte ja noch keine Handys - und er meinte zu wissen, dass die Leute, die "an den Straßenecken" beten, das tun, "um gesehen zu werden" - ganz im Gegensatz zu Miriam, die ja die Masse sucht, um in ihr mit ihrem unauffälligen Telefoniergehabe unterzutauchen während ihres Handygebets - für sie selbst ist das sicherlich fast so wie im "stillen Kämmerlein"... - aber Jesus prangerte eher die Leute an, die z.B. immer als Letzte so gegen 10.04 Uhr sonntagvormittags in den Kirchen-Gottesdienst eindringen, ganz bis vorn durch das Kirchenschiff hasten, in die allererste Stuhlreihe - einfach auch, um gesehen zu werden ... - denn sonst würden sie stickum - ohne Aufwand und "heimlich, still und leise" - sich mit schlechtem Gewissen auf die allerletzten Notstühle pflanzen ...

Und deshalb ist Miriams Zwiesprachen-Gebet per Handytarnung mit Gott auch nicht so zu werten - etwa als Show - als Wichtigtuerei - als Gag für andere ...  Das ist vielmehr eine  - ihre - Form "moderner" und zeitgemäßer Gottesansprache bzw. Gottes"anrufe" ... 

Ich bin davon überzeugt, dass Miriam auf alle ihre Sätze Reaktionen erhält - vielleicht nicht immer direkt digitalverbal, aber gefühlsmäßig - durch eine gewisse Gewissheit die sich spontan mitteilt auf eine bisher unlösbare Frage, die sie ihrem Gott vorgetragen hat - eine Antwort, die sie nonverbal "hört" und spürt im Innern ... - Gottes "Leitungen" sind gegenüber den digitalen Leitungen und den Funkübertragungsfrequenzen "technisch" klar überlegen und ständig geschaltet - und immer in "Alarm- und Notrufbereitschaft" - nicht so formal und so überprüfend wie hier auf Erden ("Gott - wo bist Du gerade ..." - obwohl das ja auch eine theologisch hochspannende Frage wäre...) - und man benötigt keine Netiquette, wie die Höflichkeitsfloskeln im Netz genannt werden, mit Gott kann man schon auch "einfach drauflos quatschen" - der olle Luther hat in Matthäus 12, 34b-35, Jesus folgendermaßen übersetzt: Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus seinem guten Schatz des Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz ...

Also diese Attribute sind per Handy am Ohr im Gespräch mit Gott nicht mal gerade mir nichts dir nichts so einfach veränderbar und abräumbar, wie es denn gerade passt ...

Tja - fragt "Christ und Welt" folglich weiter: Beten via Telefon, via Twitter: Ist das traditionelle Beten im Stillen mit gefalteten Händen passé?

»Auch beim Beten zeigt sich der Trend zur starken Individualisierung, besonders bei jüngeren Menschen«, sagt Heinzpeter Hempelmann, evangelischer Theologe und Religionssoziologe. Viele wollen ihren Glauben, ihre Spiritualität selbst in die Hand nehmen und nach eigenen Vorstellungen ausleben. »Man möchte nicht in der Liturgie untergehen, sondern sich als religiöses Subjekt entfalten.«  Das Beten, ja der eigene Glaube, er ist Teil der Individualität geworden, die es zu gestalten gilt. Statt das Vaterunser oder das Credo aufzusagen, suchen immer mehr Menschen abseits des Gottesdienstes nach kreativen Zugängen zu Gott.

Da wird berichtet von mit Buntstiften gezeichneten Gebeten - wobei aber die einzelnen Farben schon wieder in irgendwelche Bedeutungsformeln und Regeln gegossen werden (Braun = Demut; und Rot ist nicht etwa die Liebe, sondern das "Blut Christi" ...). 

Neulich beim Liborifest in Paderborn fielen mir vor einer wunderschönen kleinen Kapelle in Domnähe große bedruckte Fahnen auf: "Heute schon gebetet ???" stand da in großen Lettern - und auf einer weiteren Fahne die Bezeichnung "Praystation" ... - und Ordensschwestern verteilten winzigkleine Kärtchen mit kleinen kurz-prägnanten Gebeten und Impulsen darauf - als Wegzeichen zum Gebet mit Gott - und schon beim Lesen entsteht ja ein Gebet - wird eine "Leitung geschaltet" ... - mitten im Volksfest-Trubel - mitten in der Stadt - neben dem Qualitäts-Bratpfannen-Verkaufsstand - "mit über 70-jähriger Tradition" ...: "Schauen Sie mal Zuhause nach - ob ihre Oma nicht auch schon unsere guten 'Joki-Pfannen' (oder so ähnlich) hatte" ... (Und gebetet hat die Omi wahrscheinlich auch ...).

Es wird aus einem "cristlich-ökumenischen Gebetshaus" berichtet, wo zur lauten geistlichen Beat-Musik (Ohrenstöpsel gibts umsonst - wem's zu laut ist ...) viele verschiedene Menschen jeweils nach eigenem Gusto flüstern, schluchzen oder schreien, oder schreiben und kritzeln, liegen oder in die Runde laufen oder Gebets-Gesten einüben  ...

In diesem neuen Pluralismus sieht Religionssoziologe Hempelmann eine Gefahr für die großen Kirchen: »Viele sehnen sich nach einer mündigen Religiosität, nach einer liberalen Kirche und sind von den Konfessionskirchen enttäuscht.« Althergebrachtes wird nicht rundherum abgeleht. Tradition ist, was gefällt. Alles kann, nichts muss, und jeder, wie er will. Die Haltung gegenüber Gott hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. »Dieser Gedanke, den es früher gab: Alles, was ich besitze, verdanke ich Gott, der findet sich heute bei der Jugend nicht mehr wieder«, hat Hempelmann herausgefunden. Mit der Säkularisierung sei die Gottesfurcht zurückgegangen. Doch das sei nicht mit einer Verarmung der christlichen Lebenswelt gleichzusetzen. »Der christliche Glaube ist im Laufe der Zeit eben mitgewachsen«, sagt Hempelmann. Vor Gott wird nicht mehr demütig und unterwürfig geschwiegen, sondern viele Menschen begegnen Gott "auf Augenhöhe" - face to face ... Und dazu benötigt der suchende Mensch vielleicht eine Anleitung. Er sucht nicht unter dem Begriff "Gebet" sondern unter den Begriffen "Inspiration oder Meditation" - und "betet" dann nicht etwa Wort für Wort die Anleitungsformeln nach - sondern entwickelt sich einen ihm individuell passenden Stil für das Zusammensein mit Gott in der Zwiesprache.

»Also - Beten beginnt doch da, wo man sich an Gott adressiert, wo man ihn gezielt anspricht,« meint  die Handy-Miriam. In ihrer jungen Gemeinde sind schon viele verschiedene Gebetsarten ausprobiert worden: das Stundengebet, Rosenkranz, Taizé-Gebete und -Gesänge, auch ignatianische  und asiatische Spiritualitätsformen. Alle beten anders. Die eine muss dabei in Bewegung sein, spricht laut oder ganz leise, der andere geht in den Schneidersitz oder kniet sich hin, die Dritte geht zum Gebet manchmal in die Kirche. Andere erzählen davon, dass sie vor allem auf dem Fahrrad gut das Gespräch mit Gott finden. 

Und doch: noch immer gilt wohl dieser uralte Spruch mit dem dräuenden Zeigefinger: "Not lehrt Beten" ... - und der Duden definiert folgerichtig: Beten ist »um Hilfe bitten« und »anflehen«...  Doch das löst bei jungen Menschen inzwischen eigentlich nur ein schlechtes Gewissen aus: "Ich möchte Gott auch danken - und ihn einfach teilhaben lassen an mein Leben - und dem, was mich so umtreibt ...".

Das Gebet ist also mitten in den Alltag angekommen und hat die Sonntagsnische der Kirchen verlassen - und das allabendliche "Mach mich fromm - dass ich in den Himmel komm" ist einem freien Text gewichen. Die kleine Franziska betete neulich: "Lieber Gott - mach meinen kranken Wellensittich wieder gesund ...".
Und das ist gut so ... Sie hätte das auch in ihr Kinder-Handy sprechen können ... - Gott wird tun, was er kann ...
Übrigens: in der rechten Sidebar hier im Blog-Layout finden Sie einen Link zu "Sacred-Space" - einem kleinen Impuls zu einem Online-Gebet ...