"

Mittwoch, 12. August 2015

Holocaust-Gedenken in Bielefeld - und angekettete Drahtesel


Mahnmal: Auf Anregung von Holocaust-Überlebenden wurde das Pult mit den Namen von 1.849 Ermordeten von einer Friedensgruppe der Bielefelder Altstädter Nicolai-Kirchengemeinde aufgestellt. Die Kosten von 60.000 D-Mark wurden mit Spenden finanziert. Aus versicherungsrechtlichen Gründen ist die Stadt Bielefeld inzwischen Eigentümerin. - Foto: © Sarah Jonek | www.nw.de 


In Bielefeld gibt es ein Mahnmal für NS-Opfer direkt vor dem Hauptbahnhof, von dem aus seinerzeit über 2.000 Juden aus Ostwestfalen von den Nationalsozialisten zwischen 1938 und 1945 deportiert und in Todeslager gebracht wurden - ... übrigens neben weit über 100 "Stolpersteinen" - die verteilt im Stadtgebiet vor relevanten Grundstücken gelegt wurden und werden ...

Und die Namen von 1.849 ermordeten NS-Opfern sind heute auf diesem Sammel-Mahnmal vor dem Bahnhof verzeichnet. Es wurde 1998 für all diese Betroffenen geschaffen vom Architekten Hartmut Falkenberg, damals ein Mitglied einer Friedensgruppe der Bielefelder Altstädter Nicolai-Kirchengemeinde, die 1998 das Mahnmal aufstellen ließ, das heute der Stadt gehört. Falkenberg hat das Mahnmal wie folgt beschrieben: "Die Pulte umreißen nur unvollständig ein Volumen, deuten etwas an. Dieser Charakter des Fragilen und Fragmentarischen entspricht ihrer Aufgabe: Dem Verweis auf eine Dimension des Ortes, die sich nur in der Reflexion erschließt und eine wachsende Beunruhigung hinterlässt." Die Form des Mahnmals ist mit den Holocaust-Überlebenden abgestimmt worden, mit denen die Friedensgruppe vor dem Entwurf des Mahnmals gesprochen hat. Diesen Menschen fühlt man sich verpflichtet. 

Also - das ist nun mal ein Mahnmal, wie es sich der Münchener Stadtrat für seine Kommune wahrscheinlich auch vorstellen kann - als Kompromiss im bundesweit bekanntgewordenen "Stolpersteine-Streit" - denn diese "Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig werden nach einem jüngst schon wieder erneuerten entsprechenden Ratsbeschluss von der Stadt München nach wie vor abgelehnt - aber von vielen betroffenen Nachfahren der betreffenden NS-Opfern ausdrücklich erwünscht ...

Corpus delicti am Mahnmal vor dem Bielefelder Hauptbahnhof - Foto NW






































Aber auch diesen - im Gegensatz zu den "Stolpersteinen" sichtbar hoch"gebockten", nicht am Boden verlegten und damit nicht "zertretbaren" - Namenstafeln droht Missachtung und Unbill - wie eben hier jüngst in Bielefeld - nämlich nun beispielsweise durch das Anketten von Fahrrädern an diesem ehrwürdigen Monument - und dann auch durch die spontane Beseitigung eben dieser deplatzierten Vehikel - wogegen nämlich nun Gesetz und Ordnung dräuend den Finger heben und der Amtsschimmel hörbar wiehert ...

Der Bielefelder SPD-Landtagsabgeordnete Günter Garbrecht ist nämlich empört: "Welches Bild bietet das Mahnmal zur Erinnerung an die Deportierten. Wir kämpfen dafür, das keine Aufmärsche von Rechten vor dem Bahnhof stattfinden, dulden aber die Verschandelung als Fahrradparkplatz", wettert der 65-Jährige, der seit 2000 im Landtag sitzt. 

Am 29. Juli hat er zum ersten Mal ein Bild des grünen Damenrads an dem Mahnmal auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht und angekündigt: "Meine Geduld ist erschöpft, ich schreite selbst zur Aktion."

Garbrecht hat sich an sämtliche Behörden gewandt. Aber: "Auf dem Bahnhofsvorplatz herrscht offenbar die organisierte Nicht-Zuständigkeit." Weder Bahn noch Stadt hätten sich geregt. "Die Bundespolizei hat den Fall zur Bielefelder Polizei weitergereicht, die wiederum zum Ordnungsamt der Stadt. Passiert ist nichts", sagt Garbrecht.

An Langzeit-abgestellten Fahrrädern lässt das Ordnungsamt seit dem Frühjahr leuchtende Banderolen anbringen mit der Aufforderung, die Fahrräder zu entfernen. Geschieht nichts, werden die Räder einige Wochen später abgeholt und ins Fundbüro gebracht. An dem Rad vor dem Mahnmal befand sich keine Banderole. Die Bahn wäscht ihre Hände in Unschuld. Zwar gehört ihr der Bahnhofsvorplatz, doch es gebe einen "Gestattungsvertrag", und danach sei die Stadt dort für den Verkehr und die Ordnung zuständig. "Es gibt aber eine Arbeitsgruppe von Stadt und Bahn, die sich mit der Abstellsituation und der Beseitigung von Fahrradleichen befasst", berichtet ein Sprecher (getreu dem Motto: ... und wenn du nicht mehr weiter weißt - begründe einen Arbeitskreis) ...


Schon fast zum Gewohnheitsrecht für Biker verkommen: Drahtesel parken am Holocaust-Mahnmal - Foto: waymarking.com/gallery/image.



Daher macht Garbrecht presse- und mediengerecht - wie es sich für einen SPD-Landtagsabgeordneten auch gebührend schickt - seine Drohung war: Der gelernte Werkzeugmacher setzt den Bolzenschneider an [im "Blitzlichtgewitter" der zuvor einbestellten und eingeladenen Fotoreporter und dem Surren der Kameras und vor den rotblinkenden Mikrofonen] und --- kneift das Schloss tatsächlich hörbar knackig durch. Das grüne Fahrrad nimmt er anschließend mit. Und da das Fundbüro freitags pünktlich um 12 Uhr schließt, schickt sein Büro eine E-Mail:
"Günter Gabrecht (MdL) hat ein Fahrrad gefunden. Dieses verunstaltete wochenlang das Mahnmal vor dem Hauptbahnhof und ist in Verwahrung genommen worden." Montag will der Politiker das Rad im Fundbüro abliefern ..." 
Und von nun an ist zumindest die Bielefelder Bevölkerung durch die Medien, die natürlich in großen lokalen Aufmachern und den lokalen Radio- und TV-Sendungen von diesem "Fall" berichten, aufgeschreckt - und prompt in verschiedene Lager gespalten: 
  • der einen Gruppe ist das ganze Prozedere ziemlich egal - und sie sieht in der Aktion des MdL nur eine persönliche Public-Relation-Sommerloch-Aktion ... (man muss diese Dinge auch endlich mal ruhen lassen können ...)
  • eine weitere Gruppe unterstützt Herrn Garbrecht in dieser Aktion - und sagt: "Richtig so!" - endlich mal einer, der das "zack-zack" geregelt kriegt: zupacken - anpacken ...
  • und ein Lager sagt: Wie kann ein Landtagsabgeordneter einfach selbst bestimmen, was Recht & Ordnung ist - das ist Selbstjustiz - wo kämen wir mit einem solchen juristischen Wildwuchs hin - wenn das Jedermann machen würde ...??? ...
  • aber alle Lager betonen eigentlich unisono, dass das Parken und Anketten von Fahrrädern an diesem Mahnmal "gar nicht geht" - schon aus "Anstand" - und das damit das Mahnmal "auch irgendwie entehrt" würde ... 
  • "Falls jemand Anzeige erstattet, werden wir prüfen, ob es sich um Sachbeschädigung handelt. Diebstahl kommt wohl nicht in Frage, wenn das Rad zum Fundbüro gebracht wird", erklärt dazu der  Bielefelder Polizeisprecher Michael Kötter - [inzwischen hat wohl jemand diese erwartete Anzeige gegen Garbrecht erstattet ...]
  • und Hans Zinnkann, Sprecher der Landtagsverwaltung antwortet auf die Frage, ob Landtagsabgeordnete bei derartigen Aktionen auf ihre Immunität bauen könnten: "Um das zu beantworten, müsste zunächst einmal eine Strafanzeige vorliegen." Würde tatsächlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, müsste die Landtagspräsidentin informiert werden. Im Falle eines begründeten Verdachts würde diese dann den Rechtsausschuss einschalten, der würde eine Empfehlung für den Landtag abgeben, der dann entscheiden könne. Zinnkann weiter: "Für eine Aufhebung der Immunität scheint dieser Fall aber nicht relevant zu sein."
Die Stelen des zentralen Holocaust-Denkmals 
in Berlin als Ruheplätzchen

Inzwischen hat Herr Garbrecht sogar schon abermals ein weiteres Fahrrad dort vom Mahnmal weggeknipst - komme für ihn da, was da wolle ...

Das ist also auf der einen Seite sicherlich ein Sturm im Wasserglas, angepustet vom persönlichen Selbstdarstellungswillen eines MdL - auf der anderen Seite bei der Frage, wie es mit der Erinnerungs- und Gedenkkultur in der deutschen Seele 70 Jahre nach Ende der NS-Herrschaft bestellt ist, jedoch hochbrisant - gerade eben auch in der Diskussion um die "Stolpersteine" - nicht nur in München - und beispielsweise den Liege- Ausruh- und Rastplätzen, die auf den Stelen des zentralen Holocaust-Denkmals in Berlin aufgemacht werden ...

Aber wie hält man das Gedenken an die NS-Opfer 70 Jahre danach angemessen aufrecht ... ??? - und was ist schlicht daran ein pädagogisches Problem - denn was was Fritzchen nicht lernt - lernt Fritz nimmermehr ...

mit Dokus aus der NW vom 08. und 12.08.2015


Stolperstein in BI-Sennestadt