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Donnerstag, 20. August 2015

Navid Kermani: Ungläubiges Staunen

Nun will ich ja in meinem Blog hier nicht mehr so viel "Copy & Paste" verwenden, doch wenn ich heute die neue ZEIT durchblättere, bleibt mir fast nichts anderes übrig, als ausführlich aus einem Interview mit Navid Kermani zu zitieren, der als "gelernter" Adorno-Schüler und bekennender Muslim nun den christlichen Glauben in Kunst und Mystik aus seiner Begegnung beschreibt.
Ich finde das in dieser Zeit äußerst spannend, wo bei dem Stichwort "Islam" ja zumeist die Klappe "IS" fällt ...
Lesen Sie selbst ...
Navid Kermani | nach DPA | FR


Navid Kermani 
(persisch ‏نوید کرمانی‎ [næviːd ɛ cɛrmɑniː], * 27. November 1967 in Siegen -

C.H.Beck Verlag, 303 Seiten
ISBN-10: 3406683371
ISBN-13: 978-3406683374
ist Schriftsteller und Orientalist. 1967 wurde er in Siegen als Sohn iranischer Einwanderer geboren. Er hat über die Ästhetik des Korans promoviert. Kermani war Festredner im Bundestag zum 65-jährigen Bestehen des Grundgesetzes und rühmte in seiner bewegenden Ansprache dessen Integrationskraft. Am 18. Juni 2015 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt. Am 21. August erscheint sein neues Buch »Ungläubiges Staunen« (C. H. Beck), der Versuch einer sinnlichen Annäherung an den christlichen Glauben ...






Hier ein Ausschnitt aus dem ZEIT-Interview (DIE ZEIT, 20.08.2015 Nr. 34 - S. 38/38):

Die ZEIT: Sie suchen in Ihrem Buch nach Heiligengeschichten, in der christlichen Überlieferung wie in der Gegenwart, auf Ihren Reisen in den Kosovo, nach Syrien. Was treibt Sie dabei?
Kermani: Der Protestantismus hat vor allem versucht, Religion verstehbar zu machen: Dass jeder die Bibel versteht, war ein Leitgedanke, der auch absolut plausibel ist und eine notwendige Reaktion auf eine verknöcherte Orthodoxie war. Aber in der Bewegung, die der Protestantismus in Gang gesetzt hat, hat Religion zunehmend ihr Mysterium eingebüßt. Es ist das Verstehen wichtig, aber auch das Nicht-verstehen-Können. Und dieser Moment des Nichtbegreifens, das Geheimnis, das über uns steht, aber unser Schicksal bestimmt – das ist im Laufe des 20. Jahrhunderts sehr redlich ausgemerzt worden. Religion soll heute zu allem eine richtige Meinung vertreten – sei es zu Flüchtlingen, sei es zur Lohnentwicklung. Aber darauf, dass man Flüchtlingen hilft und Löhne gerecht sein sollen, kann man schon selber kommen, dazu braucht man keine Religion. Ich brauche Religion, um Gott zu erfahren, den ich nicht unbedingt verstehe, aber vielleicht in Momenten der Verzückung wie der Not als eine Wirklichkeit erlebe.
Aber was heißt das?
Wie ist denn Religion entstanden? Jemand geht durch die Wüste und ist den Naturgewalten ausgesetzt, der Sonne bei Tag, der Kälte bei Nacht, und über keines von beiden hat er Macht. Er kann sich vielleicht mit Kleidung schützen und wird sich dennoch fürchten vor Gewitter oder beten um Regen. Je mächtiger der Mensch später wurde, desto geringer erschien ihm das Mysterium. Wir spüren nicht mehr im Alltag wie der Mensch vor tausend Jahren, dass es Dinge gibt, die außerhalb von uns sind, auf die wir keinen Einfluss haben. Und doch gibt es sie, erlebt sie jeder von uns, dem ein Kind geboren wird oder der seinen Vater, seine Mutter sterben sieht – auch der religiös unmusikalischste Mensch spürt, dass es Unbegreifliches, ja Wundersames gibt. Er wird es nur nicht mit Gott assoziieren. Aber es gab auch Mystiker, gerade im Islam, die das Wort Gott hinter sich gelassen hatten – einfach weil es ein Wort war. Und denken Sie an die jüdische Tradition des Unaussprechlichen.
Wo bleibt die Aufklärung? Nirgends taucht bei Ihnen das heilige Wort der Moderne auf.
Natürlich will ich nicht hinter die Aufklärung zurück, meine intellektuellen Schlüsselerlebnisse verdanke ich dem Kanon der 68er, meine Bibel als junger Mensch war Adorno. Aber zur Aufklärung gehört genuin, sich ihrer Grenzen und Gefahren bewusst zu sein. Vernunft ist niemals blinde Verstandesgläubigkeit, sondern immer auch die Einsicht in die Grenzen des Verstandes.
Sie haben eine moderne Heiligengestalt in der Wüste gefunden: Pater Paolo vom Kloster Mar Musa in Syrien, der sich für eine »Freundschaft zwischen Christentum und Islam« einsetzte und vom IS entführt wurde. Was heißt das für Sie, Freundschaft zwischen Christentum und Islam?
Ich meine nicht das Klischee des interreligiösen Dialogs, bei dem sich alle an den Händen halten und doch jeder meint, dass er die Weisheit gepachtet hat und der andere bitte schön erst einmal seine selbstkritischen Hausaufgaben erledigen soll. Ich meine nicht einmal Freundschaft. Was Pater Paolo zum Beispiel gibt, ist die Liebe zum Fremden – auch dort, wo man dogmatisch unterschieden bleibt. Pater Paolo ist verliebt in den Islam, wie er selbst schrieb.
Pater Paolo - Foto: kontinente org.
Dabei hat er nie einen Zweifel gelassen, dass er ein gläubiger Katholik ist, nie hat er die Unterschiede zu überdecken versucht. Ich war im Kloster Mar Musa und habe es erlebt: Die Liebe dieses modernen christlichen Heiligen hat sich auf die Muslime übertragen, die Tag für Tag die Mönche und Nonnen besuchten, mit ihnen plauderten und mit ihnen schwiegen und selbst in einer bilderlosen Ecke seiner Kirche beteten. Liebe im Sinne Pater Paolos ist etwas, das über unseren Verstand und über Toleranz hinausgeht – uns über uns selbst hinauswachsen lässt, über unser kleines, beschränktes Ich. Beispiele gibt es in der Geschichte: bei den Sufis oder beim heiligen Franziskus, der mitten in der Zeit der Kreuzzüge für den Sultan betet. Es gibt eine Hingabe, die sich auf andere Menschen übertragen kann. Aber dass so ein Mensch wie Pater Paolo, der den Koran besser kennt als die meisten Muslime, der mit dem syrischen Volk während der Revolution solidarisch war und sich damit gegen die syrischen Amtskirchen gestellt hat, ein Christ, der den Islam immer und immer wieder gegen seine Kritiker im Westen verteidigt hat – dass dieser Mensch von Dschihadisten entführt, womöglich getötet worden ist, das will nicht in meinen Kopf und muss doch hinein. Als Muslim sollte man einem Priester wie Pater Paolo die Füße küssen.
Sie erzählen, wie Ihr iranischer Großvater auf einer Europareise 1963 in christlichen Kirchen seinen Gebetsteppich ausbreiten konnte. Das wäre heute wohl undenkbar.
Doch, solche Erfahrungen können Sie heute noch überall auf der Welt machen. Je weiter Sie in die Dörfer vordringen, je weniger aufgeklärt also die Menschen sind (lacht), desto weniger haben die Menschen ein Problem mit dem anderen Glauben. Das habe ich oft erlebt, in Südamerika genauso wie in Indien oder Ägypten. Die Volksfrömmigkeit erschien mir oft toleranter. Die Wortführer des Fundamentalismus sind stets die Studierten. Die Elenden geben allenfalls den Mob, der aufgestachelt wird oder heute in Syrien und im Irak zum Kanonenfutter wird. Und – weil Sie nach der Gewalt der Religion fragten – so schlimm die Verbrechen sind, die aus dem Glauben kamen und immer noch kommen, sie reichen nicht an jene Verbrechen heran, die aus den Großideologien des 20. Jahrhunderts entstanden sind, in denen sich der Mensch absolut setzte.