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Montag, 17. August 2015

Pflanzenrechte - eine Magna Carta Florum


Wir brauchen eine Magna Carta Florum

Die Intelligenz der Pflanzen sitzt in den Wurzeln. Der Mensch sollte das nicht länger ignorieren ...

Eine "aufgeblühte" Rose von Jericho - nach einjähriger Trockenheit zu Weihnachten mit heißem Wasser übergossen ....

Menschenrechte - ist klar ...! Tierschutz - okay ... (Massentierhaltungen und Schlachthöfe - da haben wir uns im Laufe der Evolution dran gewöhnt - wie an das Steak zu Mittag ...) - Naturschutz (trotz Grillparty im Naturschutzgebiet ... - na ja - wir passen ja auf ...) - aber nun - nun sollen es auch noch International abgesicherte "Pflanzenrechte" sein ... -: Jetzt gehts aber los ... ???!!!


Pflanzen sind durchtrieben, sagt der Pflanzenneurobiologe Stefano Mancuso - und Pflanzen sind klug. Sie sollen deshalb unbedingt Rechte bekommen. Pflanzen - die gleichen in ihre strukturellen Aufbau unserem Internet. Oder besser umgekehrt: Die Internetstruktur ist aufgebaut wie eine Pflanze. Für die meisten von uns klingen diese Aussagen sicher schräg. Nicht jedoch für den Pflanzenneurobiologen Stefano Mancuso, der in Florenz das Internationale Labor für Pflanzenneurobiologie leitet; Manusco ist ein überzeugter Anhänger der Pflanzenrechte.

Und er weiß: Auch Tiere galten in der westlichen Philosophie und Wissenschaft jahrhundertelang als Sklaven ihrer Instinkte, unfähig zu denken. Die Forschung hat diese Sicht längst entkräftet. Wir wissen, dass Wale singen und Bienen zählen können. Sie haben jedoch etwas gemeinsam, nämlich ein wenn vielleicht auch winzigkleines Gehirn. Pflanzen aber haben aber kein Gehirn - beziehungsweise wir haben es bis jetzt noch nicht recht sezieren können. Wie können also diese Pflanzen dann sich ihnen stellende Probleme lösen, intelligent handeln und auf Reize reagieren?

„Unsere heutige Vorstellung von Intelligenz ist eine brutale Vereinfachung“, sagt Mancuso. „Wir stellen uns Intelligenz als Produkt des Gehirns vor, geradeso, wie Urin ein Produkt der Nieren ist.“ Und doch - bereits Charles Darwin, der Pflanzen akribisch studierte, war einer der ersten Wissenschaftler, die ausscherten und erkannten, dass Pflanzen sich bewegen und auf Sinneseindrücke reagieren – also empfindungsfähig sind. Darwin beobachtete darüber hinaus, dass eine pflanzliche Keimwurzel „wie das Gehirn eines niederen Tieres funktioniert“.



„Intelligenz ist die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Darin sind Pflanzen ausgesprochen gut.“ Um ihren Energiebedarf zu decken, richten sich die meisten nach der Sonne aus. Andere jagen Tiere, von Insekten über Mäuse bis hin zu Vögeln. Die Venusfliegenfalle ist das bekannteste Beispiel, aber es gibt mindestens 600 fleischfressende Pflanzenarten, die komplexe Lockmittel und blitzschnelle "Beiß"-Reaktionen ausgebildet haben. Pflanzen werben außerdem trickreich darum, für ihren Nachwuchs Bestäuber anzulocken, sie täuschen und belohnen, jüngsten Forschungsergebnissen zufolge unterscheiden einige sogar qualitativ und lassen ihren Pollen nur für die besten Bestäuber keimen. Zudem haben Pflanzen eine unglaubliche Vielfalt an giftigen Stoffen entwickelt, mit denen sie Feinde abwehren. Sie versprühen sie nicht freigiebig, sondern leiten sie oft nur in das eine Blatt, das angeknabbert wird. Pflanzen sind also so durchtrieben wie sparsam wie effizient.

„Jede Entscheidung einer Pflanze basiert auf eine Kosten-Nutzen-Rechnung: Wie löse ich ein Problem mit möglichst geringen Ressourcen?“, schreibt Mancuso in seinem Buch Die Intelligenz der Pflanzen, das er mit der Journalistin Alessandra Viola veröffentlicht hat (auf Deutsch erschienen bei Kunstmann, 2015). Anders gesagt: Pflanzen reagieren nicht einfach auf Bedrohungen und Gelegenheiten. Sie entscheiden, wie weit sie bereit sind zu gehen. Sie können also abwägen - und kleine Strategien entwickeln ...




Am kultiviertesten ist ihr zumeist nicht sichtbare unterirdische Unterbau: So ist zu beobachten, dass Wurzeln nicht wahllos wuchern, sondern sich gezielt in die Positionen bringen, wo sie Wasser und Mineralstoffe aufnehmen und die Konkurrenz zu umgehen können. Wurzeln ändern im Wachstum durchaus ihren Kurs, um einem Hindernis auszuweichen, was bedeutet, dass sie es mit einem innewohnenden Konglomerat an differenzierten Sinnen gleichsam „sehen“ können.

Der Mensch "als Krone der Schöpfung" brüstet sich stolz mit seinen fünf überlebenswichtigen Sinnen. Die Bio-Wissenschaft geht davon aus, dass Pflanzen mit mindestens 20 Sinne ausgestattet sind. Sie können damit Luftfeuchtigkeit messen, die Erdanziehung wahrnehmen und elektromagnetische Felder erspüren. Pflanzen sind außerdem höchst kommunikativ. Neben flüchtigen Verbindungen – dem Grund, warum manche Pflanzen duften und andere stinken – kommunizieren sie auch mit elektrischen Signalen und sogar über Vibrationen - mit einer Art Zeichen"sprache". Pflanzen warnen ihre Artgenossen, wenn Gefahr droht, und sie erkennen sogar ihre nächsten Verwandten. Sie reagieren nachweislich anders auf Sprösslinge derselben Eltern als auf fremde. Mancuso und Viola gehen sogar so weit, dass sie Pflanzen Verhaltensweisen attestieren, die an Schlaf oder Spiel erinnern.

Mancuso hat inzwischen die Beweise dafür gefunden, dass sich der Schlüssel zur "Intelligenz" der Pflanze in ihrem Wurzelkeim oder in den Wurzelspitzen befindet. Er und seine Kollegen nahmen Signale auf, die von diesem Teil der Pflanze ausgehen. Dieselben Impulse senden die Nervenzellen eines Tiergehirns aus. Eine Wurzelspitze allein mag nicht allzu viel leisten können, aber die meisten Pflanzen haben ja ein Netzwerk und Verbund von Millionen dieser Wurzeln.

Anstelle eines einzigen leistungsstarken Gehirns, so argumentiert Mancuso, verfügen Pflanzen also über Millionen rechnender Einheiten. Die Stärke dieser evolutionären Entscheidung ist, dass eine Pflanze selbst dann überleben kann, wenn sie 90 Prozent oder mehr ihrer Biomasse verloren hat - also wenn sie quasi schon "abgestorben" ist. 

„Das war der Hauptantrieb in der Evolution der Pflanzen“, sagt er. „Pflanzen sind aus einer immensen Anzahl einfacher Module aufgebaut, die als Schnittpunkte eines Netzwerks interagieren.“

Aus dem Disney-Film "Die Wüste lebt" erinnere ich Szenen, in denen nach einem unvermittelten Regenschauer aus dem dampfenden fast kochenden Wüstensand plötzlich einige Keimlinge hervorschießen, die oft jahrelang im "Wartestand" verharrten - und die Wüste begrünen ... Und bei einer "Rose von Jericho" können wir mit einem Schuss warmen Wassers eine Wiederbelebung erzielen ... Diese vertrocknet aussehenden Gebilde werden oft auf Jahr- und Weihnachtsmärkte angeboten ...

Da Pflanzen keine einzelnen Organe oder zentralisierten Funktionen haben, können sie eine Räuber-Beute-Beziehung (also so etwas wie "Fressen - und Gefressenwerden") zulassen, ohne dabei ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren. Das Internet wurde aus demselben Antrieb entwickelt und gelangte zur selben Lösung. Hätten Pflanzen ein einziges Gehirn – oder ein Herz oder ein Paar Lungen –, wären sie wesentlicher einfacher zu vernichten - aber ein Pflanzenteilaspekt reproduziert sich innerhalb eines Exemplares  immer wieder neu - und bildet so Wurzel, Blätter, Stängel usw. ... Es macht deshalb Sinn, eine Pflanze als ein zusammengewachsenes Volk anzusehen, und nicht als Individuum. So wie der Tod einer Ameise nicht den Untergang des Ameisenvolks bedeutet, so verhindert die Zerstörung eines Blatts oder einer Wurzel nicht, dass die Pflanze einfach weitermachen kann.

Pflanzen haben ein anderes Raum-Zeit-Empfinden als wir. Sie bewegen sich und handeln für unsere "Tempo"-Wahrnehmung so langsam, dass wir ihre Reaktionen kaum wahrnehmen - und wenn, dann nur in Zeitraffer und Zeitlupe und unter dem Mikroskop - und im Laufe des Jahres durch Wachstum und Verfärben, Blühen und Verblühen.

Der Romanesco gehört zu den wenigen Pflanzen, die in ihrem Blütenstand gleichzeitig Selbstähnlichkeit und damit eine fraktale Struktur sowie Fibonacci-Spiralen aufweisen.
So kommt es, dass nur wenige Forscher das Verhalten und die Intelligenz von Pflanzen studieren. Doch unser Desinteresse könnte uns das Überleben kosten. Pflanzen machen heute 99 Prozent der Biomasse des Planeten aus. Man muss sich das vergegenwärtigen: Alle Tiere – Ameisen, Blauwale, wir – weniger als ein Prozent. Das Handeln des Menschen führt jedoch ein Massenaussterben herbei. Pflanzen wurden in der Geschichte des Planeten immer wieder ausgerottet, oft gediehen sie danach besser als je zuvor. Doch es gibt keine Garantie, dass es wieder so sein wird ... Man erkennt das an Waldbrand-Schneisen im Süden Europas, die sich quasi selbstständig wieder aufforsten ...

20.000 Arten sind Wissenschaftlern derzeit bekannt. „Jeden Tag sterben Pflanzenarten aus, die wir nie kennengelernt haben“, warnt der Neurobiologe. „Ich glaube, dass Pflanzen bei aller Vielfalt nicht gerne verschwinden.“ Sicher ist, dass wir von ihnen abhängig sind. Nicht nur als Rohstoffe und Nahrung, sondern auch wegen des Sauerstoffs, den wir atmen, und wegen des Regens. Pflanzen sind die Triebkräfte vieler biophysischer Vorgänge, die unsere Erde bewohnbar machen. „Es geht nicht darum, die Pflanzen - als "Individuum" - zu schützen“, sagt Mancuso. „ „Die Pflanzen werden uns überleben. Es geht um den Erhalt der Menschheit: Wir sind fragile und abhängige Organismen.“

Darum ist Mancuso der Ansicht, dass der Mensch etwas sehr Radikales in Betracht ziehen sollte: Pflanzenrechte - eine Magna Carta Florum

„Wir können die Debatte nicht länger aufschieben. Was für ein Nonsens, ist man versucht zu sagen. Aber als bei den alten Römern die Forderung aufkam, dass auch Frauen und Kinder Rechte haben sollten, fiel ihre Reaktion ähnlich aus. Pflanzenrechte sind der einzige Weg, wenn wir unseren Untergang abwenden wollen.“


Nach einem Beitrag von Jeremy Hance - Redakteur des Umweltmagazins Mongabay und Guardian-Autor - abgedruckt in Der Freitag | Nr. 33/2015 | 13.08.2015