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Freitag, 7. August 2015

... sei schnell zum hören - langsam zum reden - verzögere den zorn

Felix Nussbaum: Das Geheimnis | 1939, Öl auf Leinwand - © akg-images/VG Bild-Kunst | republik-online.at


Ein jeder Mensch 
sei schnell zum Hören, 
langsam zum Reden, 
verzögere den Zorn.
Jakobus 1,19

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Das ist in der Herrnhuter Losung von heute der Lehrtext. Ich will hier ja dieses Blog nicht zu einer Bibel-Studierstube umbauen - aber ich finde diesen Tagesimpuls für diese Zeit der allgegenwärtigen totalen Kommunikation - des Redens, des Quatschens, der Handymanie und des facebook-Shitstorms - schon so bemerkenswert, dass ich mich einmal damit näher befassen möchte.

Zunächst einmal habe ich mir die "Bibel - in gerechter Sprache" geschnappt und habe den Text in einer zeitgemäßen Übersetzung im Zusammenhang gelesen:

Macht euch dieses klar, meine lieben Schwestern und Brüder: Jede und jeder von euch sei schnell zum Zuhören bereit, zögere jedoch mit dem Reden und dem Zürnen.
Und dann heißt es dort weiter ab Vers 20-27:
Denn wer zornig ist, tut nicht, was Gott als gerecht anerkennt. Deshalb legt jede Art von Schmutz und überhaupt alle Schlechtigkeit ab. Nehmt stattdessen besonnen das Wort an, das Gott euch eingepflanzt hat und das euch retten kann. Folgt dem Wort, das in euch wirkt, indem ihr es in die Tat umsetzt und euch nicht etwa mit dem Hören begnügt. Sonst betrügt ihr euch selbst. Denn die das Wort nur hören und nicht auch tun, sind wie Menschen, die ihr Gesicht, von Gott geschaffen, im Spiegel betrachten, und kaum dass sie sich umdrehen, schon vergessen haben, wie sie beschaffen sind. Die aber, die das vollkommene Gesetz der Freiheit engagiert studieren und nicht zu den vergesslichen Hörerinnen und Hörern zählen, sondern dabeibleiben und es in die Tat umsetzen, werden glücklich sein bei dem, was sie tun. Diejenigen, die meinen, gottesgläubig zu leben, ihre Zunge aber nicht beherrschen und also ihr Herz betrügen, deren Gottesgläubigkeit kommt bei Gott nicht an. Die Gottesgläubigkeit, die Gott akzeptiert, ist diese: die hilfsbedürftigen Menschen in ihrer Not aufzusuchen und beizustehen und sich nicht in die Ausbeutungsstrukturen der Welt verwickeln zu lassen.

Der Jakobusbrief wurde bereits seit Luther in der Evangelischen Kirche immer etwas stiefmütterlich behandelt. Luther passten die Aussagen nicht, er war ihm zu ungehobelt, zu ungeordnet, einfach zu untheologisch ... eine Verhaltens-Maßgabe eher ... Über Passagen aus dem Jakobusbrief selbst wird deshalb selten gepredigt, da schwingt immer ein moralischer Zeigefinger mit - und er entlarvt mitunter "gnadenlos" - z.B. durch sein Bild oben vom "Widerspiegeln" - den Leser des Briefes selbst, oder eben denjenigen, der vielleicht professionell sich damit auseinanderzusetzen hat ...

Im Jakobusbrief geht es fast durchgehend um Hören und Reden und Tun - insofern fast ein "diakonischer" Brief ... - hier um vielleicht ein zu oberflächliches Zuhören und dem, was dann von dem Gehörten an folgerichtiger Re-aktion erfolgt: Oftmals verkommt die schrille alltägliche Geräuschkulisse in unserer Welt heutzutage zum "weißen Rauschen" - durch die lauten mit Werbung durchwachsenen Medien und der schnellen abgehackten und "mailverkürzten" und handytauglichen "Sprache" - besonders verbreitet in der jungen Generation ... - denn Rede- und Zuhörzeit ist beim Handyfonieren oft echtes Geld ... - wir hören zwar - aber wir nehmen nicht auf - wir nehmen nicht wahr - vor allem werden Nuancen verschluckt - Nuancen, die vielleicht etwas vom Charakter eines Menschen preisgeben, von seiner "Philosophie" und seiner Biographie - von seinem Sosein ... - damit wir "angemessen" re-agieren können ...

In Apostelgeschichte 8, Vers 26 - 40, wird von einem "Kämmerer aus dem Morgenland" berichtet, der auf dem Weg in seiner Kutsche im Buch des Propheten Jesaja liest; den Philippus aber, nachdem er vom Heiligen Geist extra dorthin berufen wird, dann auch befragt: "Verstehst du auch, was du da liest?", worauf der Kämmerer antwortet: "Wie sollte ich das verstehen können, solange mich nicht jemand anleitet?" ... Also - das gesprochene oder geschrieben Wort, das kommentierte oder untertitelte Bild, muss oft mit den Hör-, Seh- und Verstehensgewohnheiten eines Gegenübers "kompatibel" gemacht - in Ein-klang gebracht werden ...

Und da sagen die Fernsehmacher, die Sequenzen eines Spots bis zur nächsten Szene sollten eine ganz bestimmte Länge - von vielleicht im Schnitt einer halben Minute - auf keinen Fall überschreiten ... - denn das aktuelle Aufnahme- und "Aha"-Potenzial des Zusehers sei "in unserer schnelllebigen Zeit" doch rasch erschöpft ... Das sind dann also unsere "Hör-und Seh-Zu"-Gewohnheiten, auf die hat man uns nun per Medium jahrelang hin dressiert. Und schon nach dem Abspann der Sendung wissen wir nicht mehr genau, was wir eigentlich da gesehen haben - Fakten jedenfalls können wir meist nicht mehr rekapitulieren... - also "wie Menschen, die ihr Gesicht, von Gott geschaffen, im Spiegel betrachten, und kaum dass sie sich umdrehen, schon vergessen haben, wie sie beschaffen sind" ...  - oder auch: "Verstehst du auch, was du da gesehen hast?" - "Nein - wie sollte ich das verstehen können, solange mich nicht jemand anleitet?" - Die Märchen unserer Kindheit und die Bibelverse im Konfirmandenunterricht, die wir hörten und fast auswendig aufsagen konnten, waren immer länger als so eine "Aufmerksamkeits-Sequenz" heutzutage ... Aber wir bemerken das ja auch beim alltäglichen Zeitungslesen, was lesen (also "hören" mit den Augen ...) wir da tatsächlich - und was überlesen wir rasch, weil es zu lang ist, zu kompliziert, nicht "flüssig genug formuliert" ... - was haben die Comic-Hefte mit ihren Sprechblasen und die Emotions-Zeichensprache ;-)) in der Mail uns in dieser Hinsicht eingebrockt ... ???

Ja - und was führt uns dann davon zu irgendeiner Aktion als Re-aktion auf das Gelesene/Gehörte, zu einer diesbezüglichen davon ableitbaren Tat ? Was turnt uns dazu an ? Ich habe noch heute morgen gelesen, eine Faustregel besage, dass 90 % zum Beispiel der Online-Leser im Internet oder auf den sozialen Netzwerken in Bezug auf Gehörtes und Gelesenes einfach passiv bleiben, 9 % interagieren, indem sie z.B. den "Gefällt mir"-Knopf bei "facebook" drücken oder den Beitrag zu Freunden und Mitinteressierten weiterleiten. Und nur 1 % der Leser kommentieren den aufgenommen Fakt, bilden sich dazu einen Gedanken, den sie als Re-aktion mitteilen möchten - aber - das sind vor allem jene, die sich unverstanden fühlen, die Kritik üben wollen ...

Nun - diese Zahlen zeigen überraschender Weise an, wie sehr eigentlich die Menschen im Internet Vers 19 von Jakobus 1 bereits verinnerlicht haben: Schnell - ja superschnell - Surfen und Zuhören/Lesen/Aufnehmen (=... sei schnell zum Hören ...) jedoch passiv bleiben oder zögern mit einer allzu lauten Bewertung des Aufgenommenen  =90 % (=... sei langsam zum Reden) bzw. einer tatsächlichen Re-aktion zum Thema - zumeist aber kritisch und aufgebracht = nur 1% (=... verzögere den Zorn ...)  ...

Die Studie sagt also, dass die meisten Personen dieses einen letzten reaktiven Prozentes "sich unverstanden fühlen" - also im Sinne von Jakobus 1,19 wohl tatsächlich eher "zürnen", zornig werden ...
Aber - wer zornig ist, neigt zu überschießenden und unangemessenen Re-aktionen, wird meistens ungerecht in seinen Worten und Taten.

Nun gibt es aber seit Kindesbeinen der Menschheit den allermeisten Menschen ein von Gott sehr genial "eingepflanztes" und weise eingerichtetes Instrument, das uns jeweils "retten" kann, uns davor bewahrt, um in gewissen Situationen größeren Schaden anzurichten. Dieses Instrument ist die Schranke zwischen Hirn und Mund (= Erst denken - dann reden ...) Diese Schranke verhindert, dass sich Gedanken zu schnell ihren Weg zum Mund bahnen, sondern vorher noch einmal geprüft und überdacht werden können.

Bei manchen Menschen ist diese Schranke sehr ausgeprägt vorhanden, in einem hervorragenden Zustand und voll funktionstüchtig. Diese Menschen wiegen ihre Worte sorgsam ab, es passiert selten, dass sie etwas Unbedachtes sagen. Sie werden als besonnen und vernünftig wahrgenommen. Und dann gibt es da auch Menschen, bei denen ist diese Schranke... nun ja, nur sehr eingeschränkt einsetzbar. Hier ist die Zunge - oder die Computer-Tastatur - meist schneller als das Hirn - und die spontanen Gedanken sind schneller draußen, als man schauen kann. Das sind dann die Menschen, die sich dann in ihrer Re-aktion schnell um Kopf und Kragen reden oder schreiben, meist zum größeren Amüsement der Umstehenden.

Das Zuhören - das Lesen - das Wahrnehmen - sind eine Kunst. Denn das passiert nicht einfach so. „Hörst du mir überhaupt zu?“ ist ja eine sehr verbreitete Frage von Gesprächs"partnern" im "Dialog miteinander", wenn einer in einer Zeitung blättert und der andere munter drauflos schwätzt, um etwas mit-zu-teilen. Der eine redet, der andere hat die Worte gehört – aber zugehört hat er nicht - die Mit-teilung kommt nicht an - das gesagte wird nicht geteilt ... Und doch wissen wir: Geteiltes Leid ist halbes Leid ...

Zum tatsächlichen Zu-hören muss ich mich aktiv entscheiden, dafür muss ich alles Ablenkende weglegen, ich muss mich auf mein Gegenüber einlassen. Das ist die eine Seite. Sich darauf einlassen, wirklich zuzuhören. Das andere beim Zuhören ist, selber erst einmal die Klappe zu halten. Wie schnell sind wir dabei, wenn uns jemand seine Sorgen klagt, mit schnellen Lösungen bei der Hand zu sein. Oder die eigenen Sorgen abzuladen, frei nach dem Motto „ist ja schön, wenn es dir schlecht geht, aber hör mal her, wie dreckig es erst mir geht!“ Zum Zu-hören gehört es, dass wir es aushalten, erst mal gar nichts zu sagen. Den anderen reden zu lassen. Ihm ganz zuzuhören, ihn damit ernst zu nehmen.

Hierzu fand ich bei der Recherche, wie Kinder drei verschiedene Formen des Hörens beschreiben:
Hören: 
"Das ist halt ein Geräusch hören, Schritte hört man oder wenn der Wind was klappern lässt. Die Glocke von der Kirche hört man auch. Hören ist nur ganz kurz, dann ist es vielleicht schnell wieder weg. Beim Hörtest kann man feststellen, ob man alles hört. Zum Hören braucht man Ohren. Wenn es still ist außen 'rum, dann hört man viel besser..." 
Hinhören: 
"Da schaut man halt wohin und hört dann in die gleiche Richtung. Man kann aber auch das Ohr ganz nah zu dem Geräusch tun, z.B. an die Klangschale oder den Mund von jemanden, der einem dann was ins Ohr sagt..." 
Zuhören: 
"Da muss man die Augen aber gar nicht zumachen. Aber da hört man besser. Zuhören dauert auch viel länger, manchmal ganz lange, wenn man z.B. einer Geschichte zuhört. Ganz schlecht können manchmal große Leute zuhören. Dabei schimpfen sie uns immer, dass wir Kinder nicht zuhören könnten. Die wollen Kindern nicht zuhören, weil sie meinen, wir sind klein und nicht so wichtig..."  
(Quelle)
Und dann kommt noch der dickste Brocken, den der Jakobus uns da ins Nest legt: Kommt vom Wort auch in die Tat - Christsein ist immer auch das Wort hören und danach handeln ... Prüft alles - aber das Beste behaltet (1. Thess. 5,21) - und setzt es in die Tat um. Diese "Taten" können ganz verschiedene Ausmaße annehmen - 

und da ich nun einmal partout kein Freund des sogenannten "Ehren-Amtes" bin, mit dem nach meinem Dafürhalten viele Sozialeinrichtungen - vom jeweiligen politischen Geldgeber aus Kostengründen auch so gewollt - ihre permanente und oft gefährliche personell-professionelle Unterbesetzung kaschieren sollen und das inzwischen auch zähneknirschend gezwungenermaßen wollen - (aber das muss jede(r) für sich entscheiden ...) -
  • kann ich mich aber doch auch uninstitutionell sozial- und gesellschaftspolitisch anderweitig im Sinne Jesu beim Aufbau bzw. Erhalt dieses von ihm so vor 2000 Jahren apostrophierten "Reich Gottes" mit einzubringen versuchen - 
  • über meine Blogs - 
  • über Gespräche, die ich führe - ohne "missionarisch" zu sein - 
  • über Petitionen und Aktionen, die ich in diesem Sinne mit unterstützen möchte ohne mich insgesamt dabei in ollen "Frömmigkeiten" zu verbrämen ...: 
  • Ich kann beten - z.B. für meine Nächsten, für Zustände um mich herum und in der Welt;
  • ich kann spenden - z.B. für die notleidenden Flüchtlinge, die aus dem Mittelmeer gefischt werden -
  • oder den notleidenden Menschen, die oft aus den Zeltbaracken des Balkan aus Südosteuropa zu uns drängen wegen ihrer Armut, und die die derzeitigen Politiker mehrheitlich am liebsten so schnell wie möglich wieder abschieben, obwohl wir in Deutschland jährlich ca. 300.000 bis fast 500.000 Zuwanderer benötigen (lt. Bertelsmann-Stiftung 3/2015), um die Wirtschaft und damit das Sozialsystem auf jetzigem Niveau zu halten - 
  • ich kann z.B. "Patenkinder" unterstützen mit der Kindernothilfe - 
  • ich kann dem Nachbarn, dem es nicht gutgeht, vielleicht eine Besorgung abnehmen - 
  • mit dem Freund, der seine Frau gerade verloren hat, zumindest erst einmal vorsichtig telefonieren, damit sein Leid zunächst einmal Sprache bekommt - 
  • ich kann einer Freundin helfen bei der Gestaltung ihrer Homepages für soziale Projekte irgendwo in der Welt -
Und auch dann zählt: Höre genau hin, diskutiere, ringe – und dann tue aber das, was du genügend abgewägt und geprüft hast - und was du schaffen kannst und wozu du tatsächlich Lust hast, wozu du motiviert bist - vielleicht auch in dem du noch einmal "eine Nacht drüber schläfst", ehe du re-agierst - aber es bleibt: Nicht nur nicken und für wahr halten, sondern dafür aktiv werden.

Mir gelingt das oft am besten, wenn ich mir vor meinem geistigen Auge Jesus vorstelle, wie er in seinen damaligen Tempel kommt, um dort als erstes auf die Opfertierhändler und die Geldwechsler zu stoßen, die er dann als "Räuberhöhle" alle aufscheucht und aus "seines Vaters Haus" vertreibt ...

Auch in fast allen unseren Kirchen heutzutage stoßen wir als erstes im Eingangsbereich immer auf kleine Spruchkarten oder Kirchenblättchen oder Opferkerzen und Kirchenführer und Kirchen-Diaserien, die gegen Knete zum Verkauf angeboten werden - und auf einen großen oft überdimensionalen kupfernen Opferstock - und Jesus hängt dann blutüberströmt am Kreuz weiter hinten am Altar, wenn man denn unter moralischem Druck seinen Obolus dafür entsprechend entrichtet hat - doch von Jesu Bergpredigt und von seinen Meditationen, seiner Liebe zu seinen Nächsten, von seinem Zuhören, von seinen Bedenken, seinen Gleichnissen, seinen Gemeinschaftmahlzeiten und Feierlichkeiten mit Hinz & Kunz und all den Menschen aller Klassen und Orientierungen und Rassen - also seiner schon vor 2.000 Jahren praktizierten und gelebten Inklusion - und dann auch seinem eindeutigen Handeln und Wirken aus seiner "Reich-Gottes"-Gewissheit heraus - davon finden wir fast nichts ... - weder in unserem Glaubensbekenntnis noch in unseren Kirchen ...



mit Anregungen und Materialien aus einer Predigt in der EKG Freiberg