"

Montag, 19. Oktober 2015

Da hilft nur noch Beten - Navid Kermani


Navid Kermani - Foto: nach DPA

Es sind eigenartig multikulturelle Zustände angebrochen: Deutschland streitet um die immensen Belastungen durch die vielen Flüchtlinge: und das sind vorwiegend Muslime - Schiiten und Sunniten - aber auch viele Christen aus Syrien - jawohl - in Syrien wohn(t)en viele Christen - und die christlichen Kirchen und die muslimischen Gemeinden helfen Hand in Hand bei dieser Flüchtlingsflut - und in diesem hin und her wogenden Diskurs um eine "Leitkultur" in Deutschland - und ob der Islam längst Teil des christlichen Abendlandes sei oder doch lieber abzuwehren - in all diesem nun diese eindrückliche Szene: 

Navid Kermani ist ein deutscher Schriftsteller - geboren in Siegen als Sohn iranischer Eltern - und er hat gestern den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt entgegengenommen. Und dieser Muslim lässt zum Schluss seiner Dankesrede statt des Beifalls das festliche Auditorium aufstehen zu einem schweigenden Gebet für das vom IS vertriebene und entführte Personal eines christlichen Klosters in Syrien, das bis zu 5000 überwiegend muslimische Flüchtlinge beherbergt hat - und das nun vom IS dem Erdboden gleichgemacht wurde (Redeauszug unten)...

Da geht es eben einfach um Menschen - egal welcher religiöser Zugehörigkeit - es geht um die ganz praktische humane Inklusion angesichts des IS - der als totalitäres Regime und wohl auch geistig verblendet immer nur zu den "einfachen" Schwarz-Weiß-Lösungen der Exklusion fähig ist: dafür - oder dagegen - Schwarz-Weiß - mit Ausgrenzen - Vertreiben - Umbringen - alles was anders ist als sie wird liquidiert ... - reinster und völlig gott- oder allahloser menschlicher Hybris-Egoismus - ausgerüstet und durchgeführt mit den Waffen, die eigentlich mal allein den Herrn Assad in Syrien stürzen sollten - im Sinne der westlichen Interessen ... - aber das Blatt hat sich dann gewendet: Der IS wurde zum Wolf im Schafspelz in Reinkultur: erst kollaborierte er mit den Christen und den Amis - um dann gnadenlos alles auszumerzen, was nicht auf seiner völlig obskur verbrämten religiösen Linie liegt. Dabei macht man selbst vor den Baudenkmälern aus jahrtausendealten Steinen nicht halt, die lange seinerzeit vor den Verkündigungen des Propheten Mohammed - also zu vorislamischer Zeit - errichtet wurden ... - völlig verrückt ...

Ja - da hilft nur noch das interreligiöse Beten: Herrgott oder Allah - erhöre uns - und schenke uns Deinen ewigen Frieden ... Amen


Foto - nach picture-alliance - dpa - Dedert

Faksimile aus der F.A.Z. vom 19.10.2015 - Feuilleton






"Wir lernen nicht aus Fehlern"

Friedenspreis: 
Navid Kermanis aufrüttelnde Anklage der Zustände in der islamischen Welt und sein emotionaler Appell 
an den Westen

VON THOMAS MAIER | DPA

Nach dem letzten Satz von Navid Kermanis Rede regt sich am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche zunächst keine Hand zum Applaus. Es herrscht nur Stille. Die fast 1.000 Gäste stehen auf Wunsch des Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels auf, verharren an ihren Plätzen. Er bittet sie zum Gebet oder - falls sie nicht religiös sind - um gute Wünsche. Es geht um das Schicksal von 200 vom Islamischen Staat entführten Christen in der syrischen Kleinstadt Karjatain, die Kermani gut kennt.

Mit seiner ungewöhnlichen Geste hat der Kölner Schriftsteller mit iranischen Wurzeln erneut bewiesen, dass er wie kein anderer muslimischer Intellektueller in Deutschland Brücken zwischen Religionen und Kulturen bauen kann. Doch seine Danksagung für den renommierten Kulturpreis ist keine Huldigung an die inneren Werte des Islam oder des Christentums, wie sie der tief religiöse Kermani in seinen Werken oft auch beschrieben hat. Es ist vielmehr eine aufrüttelnde Anklage der Zustände in der heutigen islamischen Welt - und ein sehr emotionaler Appell an den Westen, den Krieg in Syrien endlich zu beenden. Der multiethnische und multikulturelle Orient des Mittelalters mit einem toleranten Volksislam existiere nicht mehr, sagt Kermani. Er hat selbst die Region oft bereist. "Es gibt keine islamische Kultur mehr."

Der Autor greift vor allem Saudi-Arabien an, dass dank seiner Öl-Milliarden auch den religiösen Fundamentalismus weltweit exportiere. Kermanis Rede ist auch eine Abrechnung mit dem Westen, der durch den Aufbau von laizistischen Diktaturen in der arabischen Welt nach dem Ende der Kolonialisierung und durch die jüngsten desaströsen Kriege im Irak und Libyen für die Zerstörung der Region mitverantwortlich sei. Zugleich wurde Saudi-Arabien zum wichtigsten Verbündeten in der Region gemacht. Vier Jahre lange habe der Westen "vor der europäischen Haustür" bei den Massenmorden in Syrien und dem Irak einfach weggeschaut. Die barbarische Terrormiliz des IS mit ihren maximal 30.000 Kämpfern sei nicht unbesiegbar, sagt Kermani. Zugleich macht er auch das Regime des syrischen Machthabers Baschar al-Assad gleichermaßen für Krieg und Terror verantwortlich.

Zu mehr Engagement oder einer Intervention des Westens gibt es für Kermani keine Alternative. "Wir lernen nicht aus unseren Fehlern", sagt der Autor, der aus einer 1959 eingewanderten iranischen Arztfamilie stammt und in Siegen geboren ist. "Erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen."

Aber darf ausgerechnet ein Friedenspreisträger, der zudem noch als großer Poet und Versöhner gilt, zum Krieg aufrufen? Kermani gibt als Antwort, dass neben möglichen militärischen Schritten vor allem entschlosseneres diplomatisches Handeln gefragt sei.


Noch ein Auszug aus Kermanis Rede:
"Darf ein Friedenspreisträger zum Krieg aufrufen? Ich rufe nicht zum Krieg auf. Ich weise lediglich darauf hin, dass es einen Krieg gibt - und dass auch wir, als seine nächsten Nachbarn, uns dazu verhalten müssen, womöglich militärisch, ja, aber vor allem sehr viel entschlossener als bisher diplomatisch und ebenso zivilgesellschaftlich. Denn dieser Krieg kann nicht mehr allein in Syrien und im Irak beendet werden. Er kann nur von den Mächten beendet werden, die hinter den befeindeten Armeen und Milizen stehen, Iran, die Türkei, die Golfstaaten, Russland und auch der Westen. Und erst wenn unsere Gesellschaften den Irrsinn nicht länger akzeptieren, werden sich auch die Regierungen bewegen." (dpa)
Mit Materialien aus : © 2015 Neue Westfälische, Montag 19. Oktober 2015