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Freitag, 23. Oktober 2015

Jeff Wall und Édouard Manet: Wer hat hier die Zigarre in der Hand ...


Jeff Walls "A Woman and her Doctor" (1980/81) - Cibachrome Leuchtkasten, 101 x 156 cm, © Jeff Wall - Abb.: Courtesy the artist and Johnen Galerie Berlin;


A Woman and her Doctor heißt diese berühmt gewordene Fotografie von Jeff Wall. Monatelang hat der kanadische Künstler 1980/81 an dem Bild gearbeitet. Die Frau auf Walls Fotografie ist seine eigene Gattin, der Mann sein Vater (übrigens auch im echten Leben ein Arzt). Der mit einem Manschettenknopf geschmückte Arm am rechten Bildrand gehört dem Künstlerfreund Rodney Graham.

Es ist einer von Walls ersten großen Leuchtkästen, vier Exemplare gibt es davon, eines hängt im Museum Ludwig in Köln, ein anderes kam vergangene Woche zum ersten Mal auf den Markt: Am Gemeinschaftsstand der Galerien Johnen und Esther Schipper wurde es auf der Kunstmesse Frieze London zum Preis von 1,4 Millionen €uro angeboten.

Der junge Künstler spielte für dieses Bild mit der alten Kunst, er zitierte für seine Komposition Édouard Manets Im Wintergarten (1879 gemalt, hängt es heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin), auf dem ebenfalls eine dunkelhaarige, ins Nichts schauende Frau auf einer Bank zu sehen ist, während sich ein bärtiger Mann auf die Lehne der Bank stützt. Bei Manet hat der Mann die Zigarre in der Hand. 

Was auf den er­sten Blick wie ein Sch­napp­schuss oder ein Stand­bild aus einem Film wirkt, ist in Wahrheit sorgfältig in­sze­niert. Der Ein­satz von Licht, Farbe und De­tails ist Teil der Kom­po­si­tion. Jeff Wall hat mehrere Mo­nate lang daran akribisch gear­beit­et; nicht um­sonst bezeich­net man ihn als mal­en­den Fo­to­grafen. Es ist das Un­spek­takuläre, das seine Bilder spek­takulär macht: Der beiläu­fige Mo­ment, die klei­nen Gesten und Blicke. Ver­stärkt durch den Ti­tel Frau und ihr Arzt drän­gen sich mehrdeutige Ge­danken­spiele über die Bezie­hung der zwei Fig­uren auf - Walls Werk erzählt eine Geschichte, deren Ende nur der Be­trachter ken­nt...


Tja - und nun komme ich ins Spiel: Meine Geschichte zum Bild, das 1,4 Mio. € bringen soll ... Ich denke, das Paar ist irgendwo zu Besuch. Natürlich hat es eine "Affäre" miteinander, das sieht man ja auf dem ersten Blick ... Und sie will den Gastgebern bewusst zeigen, dass da doch nichts ist zwischen ihnen ...- und schaut ganz "nonchalance" der Gastgeberin hinterher, die gerade Häppchen holt aus der Küche ... - gleichzeitig arbeitet ihr Kopf: Wenn ich mich jetzt mit dem ollen Doktor hier liiere, was bringt mir das pro anno - und wie stehe ich öffentlich da: "Frau Doktor" ... Dem Doktor sieht man an, dass er bald eine Antwort haben will - ihm ist so ein Besuch langweilig - er will lieber mit ihr woanders sein - und was die Frauen da zu den Häppchen zu sagen haben - und zu dem ausgerissen Gefieder des Wellensittichs im Nebenzimmer - übersteigt sein Fachwissen und Spezialgebiet erheblich ... - und der Lakai im schwarzen Anzug, der auf einen Auftrageauftrag wartet - (also einen Auftrag, um irgend etwas aufzutragen - oder Wein nachzuschenken - oder einen Aperitif ...)denkt: Das wird wieder ein langer Abend - und hinterher soll ich dann die herrschaften nach hause fahren, damit die das Taxigeld sparen können ...

Ich glaube nicht, dass die beiden tatsächlich mal irgendwann ein Paar werden: Sie wird schon bald mit einem jungen Assistenzarzt aus der gleichen Klinik durchbrennen - den er dann umgehend achtkantig aus dem Herzkatheter-Team seiner Klinik rausschmeißt ... - Tja - und die Blumen auf dem Glastisch vorn halblinks sind nicht echt - das sind Kunstblumen - was immer das uns auch sagen will - aber sie passen - als Plastikblumen - nicht so recht ins Ambiente - von der Farbe durchaus ... - und nun fabulieren Sie Ihre Geschichte da hinein - mehr kann der Käufer für 1,4 Mio. auch nicht damit anfangen ... - aber bei dem wird das Bild im Banktresor eingelagert - für schlechte Zeiten ... - und für die Kinder ...

 mit Textbausteinen und Abb. aus: DIE ZEIT No 43 - 22. OKTOBER 2015 - S. 60: KUNSTMARKT - FEUILLETON



Im Wintergarten (französisch: Dans la Serre) ist ein Bild des Malers Édouard Manet. Es entstand 1879 im Wintergarten des Malers Otto Rosen in der Rue d'Amsterdam in Paris und zeigt das Ehepaar Guillemet.

Während über die Identität der Modelle Einigkeit besteht, ist es bei dem, was die Bilder an Beziehungsrealität beschreiben, weit weniger der Fall. Der eine sieht im Wintergarten eine nachdenkliche Eheszene, bei der die Partner nicht miteinander sprechen und, abgesondert durch die Bank, distanziert und abwesend wirken. Für den anderen hat Manet in vollendeter Weise die Unterhaltung der beiden gegenwärtig gemacht und zum Beleg seines Eindrucks zitiert er Théodore de Banville, der 1879 im National davon schwärmte, dass man beim Betrachten des "Wintergartens" glaube, der Unterhaltung beizuwohnen. Und die dritte sieht im Bezug der Personen ein Wechselspiel aus Zuwendung, Distanzierung, Öffnung, Verhaltenheit und Vereinsamung. Und vielleicht ist die eigentliche Kunst des Künstlers ja, wie Heidegger meint, nicht das Werk, sondern das, was das Werk im Betrachter an Reaktion provoziert ... - (WIKIPEDIA)