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Donnerstag, 8. Oktober 2015

Swetlana Alexijewitsch | Literaturnobelpreis 2015


ausgezeichnet
Swetlana Alexijewitsch | nach einem EPD-Foto | der tagesspiegel






Literaturnobelpreis 
für Swetlana Alexijewitsch


Der Literaturnobelpreis geht an die weißrussische Journalistin und Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch. Das teilte die Schwedische Akademie in Stockholm mit.

Sie werde für ihr "vielstimmiges Werk" geehrt, welches "dem Leid und dem Mut unserer Epoche ein Denkmal" setze, teilte die Schwedische Akademie der Wissenschaften am Donnerstag in Stockholm mit. Die Chefin der Schwedischen Akadmie, Sara Danius, sagte zu der Entscheidung: „Sie hält sich im Hintergrund. Das einzige, das sie wirklich interessiert, sind die Stimmen. Echte Stimmen von echten Menschen.“

»In meinen Büchern erzählt der »kleine Mensch« von sich. Das Sandkorn der Geschichte. Er wird nie gefragt, er verschwindet spurlos, er nimmt seine Geheimnisse mit ins Grab. Ich gehe zu denen, die keine Stimme haben. Ich höre ihnen zu, höre sie an, belausche sie. Die Straße ist für mich ein Chor, eine Sinfonie. Es ist unendlich schade, wie vieles ins Nichts gesagt, geflüstert, geschrien wird. Nur einen kurzen Augenblick lang existiert. Im Menschen und im menschlichen Leben gibt es vieles, worüber die Kunst nicht nur noch nie gesprochen hat, sondern wovon sie auch nichts ahnt. Das alles blitzt nur kurz auf und verschwindet, und heute verschwindet es besonders schnell. Unser Leben ist sehr schnell geworden. Flaubert sagte von sich, er sei »ein Mensch der Feder«, ich kann von mir sagen: Ich bin ein Mensch des Ohres. ... 
Jeder von uns trägt ein Stück Geschichte in sich, der eine ein großes, der andere ein kleines, und aus all dem entsteht die große Geschichte. Die große Zeit. Ich suche den Menschen, der eine Erschütterung erlebt hat … durch die Begegnung mit dem Mysterium des Lebens, mit einem anderen Menschen. Manchmal werde ich gefragt: Reden die Leute wirklich so schön? Der Mensch spricht nie so schön wie in der Liebe und in der Nähe des Todes. ...

Erinnerungen sind ein launisches Ding. Da legt der Mensch alles hinein: Wie er gelebt, was er in der Zeitung gelesen und im Fernsehen gesehen hat, wem er in seinem Leben begegnet ist. Und ob er glücklich war oder nicht. Zeitzeugen sind weniger Zeugen, sie sind vielmehr Schauspieler und Geschichtenerfinder. Man kann sich der Realität nicht vollkommen annähern, zwischen der Realität und uns stehen unsere Gefühle. Ich weiß, dass ich es mit Versionen zu tun habe, jeder hat seine eigene Version, und daraus, aus ihrer Gesamtheit und ihrer Schnittmenge, entsteht das Bild der Zeit und der Menschen, die in ihr gelebt haben.


Genau dort, in der warmen menschlichen Stimme, in der lebendigen Widerspiegelung der Vergangenheit, verbirgt sich die ursprüngliche Freude und offenbart sich die unabwendbare Tragik des Lebens. Sein Chaos und seine Leidenschaft. Seine Einzigartigkeit und seine Unbegreiflichkeit. Alles ist echt.«  
Swetlana Alexijewitsch - aus der Dankesrede mit dem Titel "Warum bin ich in die Hölle hinabgestiegen?" zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2013