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Montag, 2. November 2015

DU SIEHST MICH - Kirchentagslosung 2017


Der Deutsche Evangelische Kirchentag 2017 steht unter dem Leitwort "Du siehst mich". Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au (Mitte), die Generalsekretärin des Kirchentages, Ellen Ueberschär, und der Berliner Bischof Markus Dröge präsentieren die Bibellosung aus dem 1. Buch Mose. - Foto: evangelisch.de



"Du siehst mich"

Der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag vom 24. bis 28. Mai 2017 steht unter der Losung "Du siehst mich" - 1.Mose/Genesis 16,13

"Du siehst mich" ist die kürzestmögliche Zusammenfassung von 1. Mose 16,13. Der Bibelvers wird als Überschrift nicht nur über dem 36. Deutschen Evangelsichen Kirchentag vom 24. bis 28. Mai 2017 in Berlin und Wittenberg stehen, sondern auch über sechs "Kirchentagen auf dem Weg", die anlässlich des Reformationsjubiläums in Leipzig, Magdeburg, Erfurt, Jena/Weimar, Dessau-Roßlau und Halle/Eisleben stattfinden.

Am vorvergangenen Samstag hat das Präsidium des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages über eine Handvoll Bibelverse diskutiert, die eine Exegese-Gruppe als mögliche Losungen vorgeschlagen hatte. Dabei wurde laut Kirchentags-Sprecherin Sirkka Jendis überlegt, welcher Vers am besten zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen passt. Per Abstimmung habe sich das Präsidium schließlich mit breiter Mehrheit für "Du siehst mich" entschieden. 

Gott und Mensch sind Beziehungswesen

Bei der Auswahl des Bibelwortes sei es um die Sehnsucht der Menschen nach "angesehen sein, wahrgenommen werden" gegangen, sagte Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au bei der Vorstellung der Losung am Montag in Berlin. "Diese Sehnsucht ist groß. Dafür schicken wir permanent Bilder von uns selbst in die Welt, per Selfie, Facebook und Whatsapp. Doch wirklich gemeint zu sein - das geht tiefer", sagt die Kirchentagspräsidentin weiter. "Aber welche neue Sprache brauchen wir, um gemeinsam über Dinge zu sprechen, die jeden Menschen in seinem Innersten bewegen? Wie können wir verständlich davon reden, dass wir glauben, dass Gott uns ansieht?" - Face to Face - Von Angesicht zu Angesicht ...???

Die Geschichte - eine typische Dreiecks-Beziehung: eine konfliktbeladene Triade ... 

Weil Sarai nicht schwanger wird, so wird erzählt, zeugt Abram ein Kind mit Sarais ägyptischer Magd Hagar. Es kommt zum Konflikt zwischen den beiden Frauen, weswegen Hagar in die Wüste flieht. Dort findet sie der "Engel des Herrn" und es kommt zu folgendem Dialog (1. Mose 16, 8-13, Lutherübersetzung):

  • Engel: "Hagar, Sarais Magd, wo kommst du her und wo willst du hin?"
  • Hagar: "Ich bin meiner Herrin Sarai davongelaufen."
  • Engel: "Kehre wieder um zu deiner Herrin und demütige dich unter ihre Hand. Ich will deine Nachkommen so mehren, dass sie der großen Menge wegen nicht gezählt werden können. Siehe, du bist schwanger geworden und wirst einen Sohn gebären, dessen Namen sollst du Ismael nennen; denn der HERR hat dein Elend erhört. (...)."
  • Hagar: "Du bist ein Gott, der mich sieht. Gewiss hab ich hier hinter dem hergesehen, der mich angesehen hat."

In dieser Geschichte erfährt Hagar, eine ausgenutzte und abgelehnte Frau in hoffnungsloser Lage, die direkte und ungeteilte Aufmerksamkeit Gottes. Der verlangt zwar etwas Unzumutbares von ihr, nämlich in die schwierige Dreiecksbeziehung zurückzugehen, spricht ihr aber dafür Mut zu. Für Hagar bedeutet schon die Tatsache, dass sie in ihrer Situation wahrgenommen und angesehen wurde, unendlich viel. Ermutigt und in der Gewissheit, nicht allein zu bleiben auf ihrem weiteren Lebensweg, kehrt sie zurück zu Abram und Sarai.

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Auswahl: Das "Göttliche Auge" als Dreiecks-Symbol


Als ich von dieser Losung für den Kirchentag 2017 hörte, kam mir als erstes dieses Dreicks-Symbol in den Sinn - mit dem "Göttlichen Auge" in der Mitte - wie es in vielen völlig verschiedenen Glaubenssystemen und Handreichungen beschrieben und benutzt wird...

Da ist ja auf dem 1-Dollar-Schein (oberste Abb.-Reihe - ganz links) dieses Augen-Symbol zu sehen - und selbst in den Schriften des Jakob Böhme wird damit zumindest allegorisierend umschrieben ...: 
Illustration zu einer frühen Böhme-Ausgabe
„Als denn von Ewigkeit solche Offenbarung in der Weisheit GOttes ist geschehen, als in einer Jungfraulichen Figur, welche doch keine Gebärerin war; sondern ein Spigel der Gottheit und Ewigkeit in Grund und Ungrund, ein Auge der Herrlichkeit GOttes.“ (Böhme, Menschwerdung I, 5;2)
Da komme ich erst einmal ins Stammeln - bei dieser "Be-Deutungsfülle" - aber so ein Auge hat doch auch die verschiedensten Aspekte: Ich spüre, dass mich "Jemand" anschaut ... - Ich fühle mich "behütet" ... gesehen/bewacht ... - Ich nehme Blickkontakt auf... - Narziss im Spiegel ... Ich werde entdeckt ... - Aber auch: Vor-Sicht - Gott sieht alles ... - Nichts bleibt verborgen vor Gott - Gott "fürchten": Der Theologe Wolfhart Pannenberg beschreibt die Gottesfurcht folgendermaßen: „Gott fürchten – das heißt, Gott als Gott anzuerkennen in seiner Erhabenheit und Macht, als den Schöpfer, von dem unser Leben in jedem Augenblick abhängt, und als den Richter, vor dem nichts verborgen bleibt.“ Und der westfälische Dichter Peter Hille formuliert: "Gottesfurcht ist Gotteslästerung" ...

Tatoos mit dem "Gottesauge" ...

Das Auge der Vorsehung (auch Allsehendes Auge, Auge Gottes oder Gottesauge) ist ein Symbol, welches gewöhnlich als das alle Geheimnisse durchdringende Allsehende Auge Gottes interpretiert wird und den Menschen an die ewige Wachsamkeit Gottes erinnern soll, so nur das geschieht, was vorgesehen ist.

Quelle: http://www.himmlischehelfer.com/


Dargestellt wird es als ein von einem Strahlenkranz umgebenes Auge und ist meist von einem Dreieck umschlossen, das auf die Trinität verweist. Dieses Dreieck schließt auch die Aspekte mit ein, die der Zahl Drei nachgesagt werden, die von Alters her als Annäherung an die Kreiszahl bekannt war und daher als heilige, göttliche Zahl galt. 

Dieses "Du siehst mich" muss also davor geschützt werden, so "vermarktet" zu werden, wie teilweise das vor der Tür stehende Weihnachtsfest ... Glaubens-Allegorien werden nicht mehr meditiert - sondern werden sehr trivial einfach dem "Markt" angepasst. Die Symbole sind nicht mehr Wegweiser zu inneren Erkenntnissen - sondern zu einfachen Ausrufungszeichen verkommen - zu denen wir jauchzen: "O - wie schön ...". Und irgendwelche Sperenzkes und rituelle Zauberhandlungen werden unternommen ...

Hoffentlich erkennen wir bei der ursprünglichen "Du siehst mich"-Geschichte da in Genesis 16, da in dieser Dreieckskiste zwischen Abram (früher hieß der "Abraham" ...) und seiner "verschlossenen Frau" Sarai (früher hieß die "Sarah" ...) und der Sklavin Hagar auch diese heute recht zeitgemäßen nahen verzwickten Verwicklungen: Sarah bedient sie sich ihrer Magd Hagar als Leihmutter. Diese soll ihr einen Sohn verschaffen. Sarah gibt sie ihrem Mann, der nimmt sie (in diesem Falle passt sogar: "gebraucht sie"...) und tut mit ihr, wie Sarah von ihm verlangt und - Hagar empfängt... - wie ihr geheißen ...

Eine Leihmutterschaft, die bei WIKIPEDIA ganz sachlich in zwei Varianten beschrieben wird - bei denen sich aber selbst heutzutage beim Gesetzgeber und natürlich auch beim Papst noch "alle Zehnägel aufrollen":  

"Reproduktionsmedizinisch" gibt es dafür folgende Möglichkeiten - erläutert WIKIPEDIA:
  • Der Embryo, der das genetische Potential der bestellenden Eltern hat, kann der „Tragemutter“ implantiert werden. Die genetische Mutter, die den Auftrag gegeben hat, wird später die soziale, die „Sorgemutter“ sein. Die soziale Mutter und die gebärende Frau sind verschiedene Personen.
  • Die „Tragemutter“ kann mit dem Sperma des Mannes des auftraggebenden Paares inseminiert werden. Dann sind genetische und austragende sowie gebärende Frau identisch, die soziale Mutter ist „lediglich“ die Frau des genetischen Vaters.  
Und dann das Schicksal der Hagar: Hagar ist eine Sklavin. Sie ist Sarahs Sklavin. Der Name Sarah bedeutet «Herrin». Und Sarah ist eine Herrin. Sie gebietet über eigenen Besitz. Und zu diesem Besitz gehören eben auch Leibeigene. Eine von ihnen ist Hagar, eine Rechtlose. «Hagar» ist ein ägyptischer Name, denn Hagar ist eine Ägypterin - vielleicht wäre sie heute eine Syrerin. Sie gehört nicht zu Israel - und nicht zum christlichen Abendland. Nicht zum gleichen Volk wie Sarah. Und nicht zur gleichen Glaubensgemeinschaft. Sie ist eine Fremde. Und als solche eine doppelt Rechtlose.

Und nach der Geburt wird ihr die Frucht ihres Leibes enteignet und in die Rechte eines Sohnes der Sarah eingesetzt werden, als deren Kind gelten. So war das damalige Recht - und so ähnlich wird das ja auch oben bei WIKIPEDIA beschrieben. Doch während der Schwangerschaft ist Hagar die Mutter, und sie weiß das und wird es immer wissen. Sarah wird es auch immer wissen ...

Und darüber flieht diese Hagar in die Wüste - wegen der Diskriminierung, die sie von nun an von Sarah, ihrer "Herrin" erfährt: Sie flieht - und ist plötzlich eine schwangere Flüchtlingsfrau mit einer äußerst eigenartigen Geschichte - wie - warum - und wieso sie von einem verheirateten Mann schwanger wurde ... - und wie sie vielleicht zur Zeit auch ein paarmal auf unserem Fernseher an uns bei diesen allabendlichen Flüchtlingsberichten vorüberziehen ...

Foto: care.lu


Aber - wir sehen auch, in der christlichen Überlieferung wird fortwährend aus politischen, ökonomischen, familienpolitischen, religiösen und aus anderen Gründen geflohen: Adam und Eva flüchteten aus dem Paradies, Kain flüchtet aus Angst vor Rache, Abraham und Sara flüchten vor dem Hunger nach Ägypten, Jakob ergreift aus Angst vor seinem Bruder die Flucht, Moses verlässt Ägypten als politischer Flüchtling, David flüchtet vor der Verfolgung, Elias flieht als religiös Verfolgter, Josef und Maria schließlich begeben sich mit dem Säugling Jesus aus Angst vor dem Obrigkeitsterror des Herodes auf die Flucht.

Bei Matthäus 2 wird beschrieben, dass Josef im Traum aufgefordert worden war, das Jesus-Kind in Sicherheit zu bringen. Man stelle sich vor, diese junge Familie käme heute an irgend eine Grenze und erzählte, dass sie durch einen Traum vor einem drohenden Blutbad gewarnt worden sei. Sie würden sicherlich ohne die Chance, überhaupt einen Asylantrag stellen zu können, sofort zurück geschickt; schließlich ist ein Traum keine ausreichende Begründung, sich vor Verfolgung zu fürchten.
Tröstlich ist, dass es parallel dazu eine alte und selbstverständliche Tradition von Gast- und Asylrecht gibt. In allen Religionen und Kulturen finden wir eine tief verwurzelte Achtung des Gastes, Respekt und Ehrerbietung für Fremde und Flüchtlinge, ja die Verpflichtung, Flüchtlinge nicht als Problem anzusehen, sondern als Menschen, die ein Problem haben, das es gemeinsam zu lösen gilt. Und genau diese Einstellung sollte auch heute für uns gültig sein.
Und das alles steckt - zunächst einmal - in diesen drei einfachen Worten: "DU SIEHST MICH"  ...