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Freitag, 4. Dezember 2015

ECHT ODER FÄLSCHUNG ... ??? - La Bella Principessa - da Vinci oder Greenhalgh ...

aufgebauscht

Ein echter Greenhalgh ???

Ein Porträt gibt Rätsel auf  VON TERESA DAPP | NW

Kunststreit: Ein englischer Kunstfälscher behauptet, dass "La Bella Principessa" nicht von da Vinci sondern vom ihm stamme. Das Bild soll eine Supermarkt-Verkäuferin zeigen





London. Nachdenklich schaut die junge Frau geradeaus. Der Maler hat die Dunkelblonde im Profil porträtiert, sie trägt ein grün-rotes Gewand, ihr Zopf ist mit einem Band umwunden. Typisch Renaissance, typisch 15. Jahrhundert. Typisch Leonardo da Vinci?

Unsinn, behauptet Shaun Greenhalgh, von Beruf Kunstfälscher, der reihenweise Museen, Sammler, Auktionshäuser und Experten an der Nase herumgeführt hat. "Ich habe dieses Bild 1978 gemalt, als ich bei Co-op gearbeitet habe." Das ist eine britische Supermarktkette. Vorbild für die junge Frau sei Kassiererin Sally. So zitiert die Sunday Times aus Greenhalghs Buch "A Forger's Tale".

Für die Kunstwelt geht es dabei um viel, viel Geld und wohl auch den Ruf einiger Experten. Denn die sind eigentlich überzeugt, dass "La Bella Principessa", die schöne Prinzessin, ein echter da Vinci im Wert von mindestens 100 Millionen Euro ist.

Grundsätzlich wäre Shaun Greenhalgh eine solche Meister-Fälschung zuzutrauen. In der Sozialwohnung seiner Eltern im nordenglischen Bolton produzierte er Fälschungen quer durch die Epochen. Sein Geschäft wurde zum Familienunternehmen, die Eltern halfen mit.

Und es lief, 18 Jahre lang. "Lohnt sich Verbrechen wirklich?", heißt bezeichnenderweise ein Buch über die Familie, die wohl Millionen ergaunerte, seltsamerweise aber trotzdem äußerst bescheiden lebte. Im November 2007 gaben die drei alles zu. Sohn und Drahtzieher Shaun musste für vier Jahre und acht Monate ins Gefängnis.

Experten prüfen Kunstwerke bekanntlich nicht nur mit den Augen, sondern mit wissenschaftlichen Methoden. So auch Martin Kemp, früher an der Universität Oxford, der dem Bild seinen Namen gab und es 2010 zum echten da Vinci erklärte. In Videoclips auf der Homepage der Uni erklärt er ausführlich, wie er zu seinem Urteil kam. Die Erkenntnisse seien alle "absolut stimmig". Weitere Experten teilen seine Meinung, andere widersprechen und sehen nichts bewiesen.

Greenhalgh hat eine Erklärung parat: Er will ein Dokument aus dem Jahr 1587 als Leinwand genutzt haben und den Deckel eines viktorianischen Schreibtischs als Unterlage, wie die Sunday Times auf Grundlage seines Buchs ausführt. Beim Zeichnen habe er das Bild gedreht, um da Vinci zu imitieren, der Linkshänder war. Die Farbpartikel will er aus sehr alten Materialien gewonnen haben, etwa Tonerde und Holzkohle. Keine Erklärung dafür liefern die Zitate, warum Wissenschaftler einen Fingerabdruck oben links im Bild gefunden haben, den sie da Vinci zuordnen.

Den Verkaufszahlen für das in Kleinstauflage erschienenen "A Forger's Tale" (etwa: Die Erzählung des Fälschers) schaden die Behauptungen nicht. Der kleine Londoner Verlag ZCZ druckt nach eigenen Angaben gerade die zweite Auflage. Auch die zweite Auflage werde wohl wieder nur bei 400 liegen, sagte Eddie Knox von ZCZ. Greenhalghs Geschichte sei ein großer Erfolg. "Er ist ein bemerkenswerter Mann." Glaubt man der Daily Mail, arbeitet er heute als Müllmann.

Bei einer Versteigerung in New York im Januar 1998 hatte das Bild für 21.850 Dollar den Besitzer gewechselt, damals war es im Auktionshaus Christie's als ein Werk eines unbekannten Deutschen aus dem 19. Jahrhundert angepriesen worden. Die ursprüngliche Besitzerin fühlte sich betrogen und verklagte Christie's - ein Gericht wies die Klage jedoch ab.

Vielleicht könnte die Sally von der Supermarktkasse Licht ins Dunkel bringen? "Trotz ihrer bescheidenen Stellung war sie ein rechthaberisches Miststück und sehr wichtigtuerisch", schreibt Greenhalgh. Die Sunday Times schickte jemanden nach Bolton auf der Suche nach Sally - vergeblich. 

© 2015 Neue Westfälische, Freitag 04. Dezember 2015


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Da dreht der Shaun Greenhalgh den Spieß mal einfach um: Während bisher Kunstfälscher sich die Kohle einsacken und möglichst stickum unentdeckt bleiben wollen, geht hier ein derzeitiger Müllmann gezielt auf ein ganz besonderes Kunstwerk zu - und behauptet mal gerade so: "La Bella Principessa" - die schöne Prinzessin - sei kein Werk von Leonardo da Vinci, sondern sei 1978 von ihm gemalt, "als ich bei Co-op gearbeitet habe." Tja - mich erinnert das an Konrad Kujau - und seinen Coup mit den "Hitler-Tagebüchern" und dem STERN ...

Mal ganz abgesehen vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage wirft diese Behauptung, die dann sogar zu Erwähnungen zum Für & Wider in den einschlägigen Medien führen, kein gutes Licht auf den Kunstmarkt und seine verlorengegangene Bodenhaftung insgesamt ... Denn heutzutage ist es auch mit den digitalen Medien und Programmen und frei zugänglichen Analysemöglichkeiten und dem halblegalen Antikhandel gar nicht mehr so schwer zu sagen: "Das kann ich auch" ... - und für einen Müllmann ist das erst recht nicht allzu schwer - kommt er doch an altes Leinen und alten Holztafeln als Malgründe ...

Das erinnert mich an einen ZEIT-Beitrag von Wolfgang Ullrich: "Der Wahnwitz des Betriebs - Michel Houellebecqs 'Karte und Gebiet' und die Irrationalität zeitgenössischer Kunst", in dem Ullrich erzählt, wie er Michel Houellebecqs "Karte und Gebiet" in einem Seminar über "zeitgenössische Künstlerromane" besprach und diskutierte. 

Ullrich war sehr befremdet, "dass der Protagonist, der Künstler Jed Martin, mit Bildern bekannt wird, die Ausschnitte von Michelin-Straßenkarten französischer Departements zeigen" ... Nun - das fand er zu "aufgesetzt" und erschien ihm so krude wie sonst die Bilder in schlechten Filmen über genialische Künstler: Je absurder Houellebecq die Kunstwelt darstellt, desto eher lässt sich erkennen, wie willkürlich es in ihr tatsächlich zugeht. Wer könnte bestreiten, dass die Geschichten von Auktionsrekorden und Künstlerkarrieren die zeitgenössische Kunst und ihre Akteure zu einem Rätsel werden lassen? Warum jemand Erfolg hat und wofür die gezahlten Summen stehen, ist nicht zu erklären: 

"Wir sind [...] an einem Punkt angelangt, wo der Markterfolg jeden Mist rechtfertigt, ihn anerkennt und sämtliche Theorien ersetzt, niemand ist mehr imstande, ein bisschen weiter zu blicken, absolut niemand." Diese Worte, die Houellebecq Martins Galeristen in den Mund legt, bringen es auf den Punkt: Gegen so viel Maßlosigkeit und Irrationalität ist keine Theorie gewachsen. Und das würde auch für ein Falsifikat von Greenhalgh gelten ...

Und nun erkenne ich: Der Shaun Greenhalgh kann gut die direkte Romanvorlage für den "Künstler Jed Martin" aus "Karte und Gebiet" sein ... - wenn auch auf andere Motive fixiert ... Die Leser nämlich nehmen es hin, dass Houellebecqs Jed Martin im gesamten Roman kaum als "wirklicher" Künstler in Erscheinung tritt. Statt durch den Erfolg mit seinen "Kartenausschnittsbildern" motiviert weiterzuarbeiten, die Aufträge der Reichen zu erfüllen oder den Sprung in den Kanon der Kunstgeschichte zu schaffen, gibt er einfach das Malen auf. Später arbeitet der zwar wieder künstlerisch, aber seine neuen Werke haben so wenig mit den vorangehenden zu tun, dass sich keine "durchgehende" Künstlerpersönlichkeit "wie ein Roter (Talent)Faden" erkennen lässt. Allerdings finden sich – eines der Leitmotive des Romans – immer wieder Kunstkritiker, denen es gelingt, alles mit allem in Verbindung zu bringen und zu erklären, was aber letztlich nur umso mehr Zweifel am Sinn von Erklärungen weckt.

Auch dass das Bild "La Bella Principessa" tatsächlich ein da Vinci ist, "beweist" ja die einschlägige Experten-Troika - auch anhand eines scheinbar alten Fingerabdrucks und dem Linkshänder-Duktus insgesamt des Gemäldes, doch Greenhalgh skizziert ja auch, wie einfach solche vermeintlichen "Echtheitssiegel" zu "knacken" sind - bzw. zu knacken wären ...

Dieser Roman-Jed Martin wie auch dieser Shaun Greenhalgh "in echt" - sie sind also geradezu metaphysische Personen, eben weil auf ihnen keiner der üblichen Mythen passt, ihre "Erfolge" als Künstler haben eine skandalös-spekulative Dimensionen. 

Auf alle Fälle zeigt Houellebecq in seinem Beispiel, wie sehr sich im zeitgenössischen Kunstbetrieb dringlicher denn je die Frage stellt, worin Erfolg eigentlich begründet liegt. Wie in früheren Zeiten heiß diskutiert wurde, ob die Natur das Produkt göttlicher Schöpfung oder aber zufälliger Mutationen ist, geht es heute, da jeder als Individuum auf sich gestellt ist, in zahllosen Ratgebern darum, was sich Leistung und Fleiß verdankt, was eher Begabung, was dem Glück, guten Kontakten oder dem Zufall... "Kunst" kommt also nicht mehr allein von "Können" ...

So allgemeine Fragen nach Gründen sind aber nie zu beantworten. Doch sie liefern Stoff für Romane, und Houellebecq erzählt in "Karte und Gebiet" die Geschichte eines Künstlers, der, gerade weil er als solcher unfasslich bleibt, viel provokanter als die Künstlerfiguren anderer Romane der letzten Jahre ist. Und er ist damit dem Shaun Greenhalgh in "real life" so unwahrscheinlich ähnlich ... - auch wenn jener in einem anderen Kunstgenre "zu Hause" ist ...


Literatur und Bausteine aus: Der Wahnwitz des Betriebs - Michel Houellebecqs "Karte und Gebiet" und die Irrationalität zeitgenössischer Kunst - von Wolfgang Ullrich ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015. 
WOLFGANG ULLRICH lebt als Kunstwissenschaftler in Leipzig. Zuletzt erschien von ihm Des Geistes Gegenwart. Eine Wissenschaftspoetik (Wagenbach)