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Donnerstag, 28. Januar 2016

Dubuffet in Heidelberg und in Basel: einfach menschlich - einfach ab-ge-bildet ...


Coucou Bazar (Detail), 1972-1973, Installationsansicht, Collection Fondation Dubuffet, Paris, Foto: Les Arts Décoratifs, Paris/Luc Boegly, © 2015, ProLitteris, Zurich

vor in paar tagen schon habe ich zu einer ausstellung von karel appel in den haag geschrieben: karel appel und auch jean dubuffet sind für mich die maler real gelebter inklusion ... - beide haben sich nicht gescheut, die bildnisse psychisch erkrankter oder geistig behinderter menschen ("art brut") mit zu ihren vor-bildern zu nehmen aber auch die kunst indigener völker ... - auch um die akademische malweise der ausbildungsstätten wieder zu "verlernen" und zu unterlaufen - um so diese ursprüngliche unverbildete mal- und farbenkraft direkt aufs papier oder die leinwand zu bringen: kunst - wie sie ursprünglicher und direkter nicht sein kann ...



und auch bei ausstellungshinweisen nun auf jenen jean dubuffet direkt in heidelberg und basel ist dem wenig hinzuzufügen - und die ausstellungs-tour ab heidelberg führt über die wiege des "art brut" ("art brut" = "rauhe/rohe kunst"- nichtakademische kunst der unverbildeten außenseiter und hospitalinsassen)  - der sammlung des arztes prinzhorn, der in den 20er-/30er jahren des vergangenen jahrhunderts faszinierende bildnisse in seinen wirkungsstätten sammelte, die prinzhorn dann auch therapeutisch als seelenarzt, als psychiater, deutete und der jeweiligen krankengeschichte zuordnete ...

dürre landschaft - vielleicht eine der "vor-bilder"
dubuffets - 

siehe video zum "jardin d'email" unten - 
foto: reuters - 
als dubuffet in den 50er jahren diese werke in heidelberg zu gesicht bekam, beurteilte er sie unvoreingenommen als künstler: ihre dynamischen scripturen, die oft dreidimensionalen oder plastisch erhabenen malhintergründe und skulpturen, die kritzeleien und einkerbungen in mauern und zellenwänden, die für keith haring und jean-michel basquiat dann später zu inkunabeln der street art und des graffiti wurden ...

für ganz bestimmte heute moderne und alltäglich uns begleitende kunstformen (jazz, rappermusik, elektronische musik, street art, graffiti, tanz, theater z.B.) wurden so von dubuffet entscheidende weichen gestellt - aber auch als "fortführung" und "re-integration" des französischen "surrealismus" (die "unbewusste" kunst, die fetisch und traumsymbol in den mittelpunkt stellte).

dubuffets art-brut-sammlung wird heute in der collection de l'art brut in lausanne verwahrt - die schweiz war von daher schon immer ein hort für diese kunstrichtung - die nun wiederholt von der fondation beyeler in basel aufgenommen wird ...

... - um so auch die weitere künstlerische entwicklung dubuffets nach der begegnung mit der prinzhorn-sammlung in heidelberg in einer umfassenden retropesktive darzustellen: hier wird der mensch zur landschaft - und die landschaft trägt vielleicht einfach mal ein menschliches kritzelgesicht ... - ein spiel mit motiv, form und farbe ...




dubuffet jedenfalls hat einen erfolgreichen angriff auf die akademisch verbildete "kunst" gefahren, auf die "ästhetik" des "goldenen schnittes" vielleicht und hat kunst aus diesen erstarrten rahmen herausgezwungen - hinein ins leben: in die begehbare skulptur, in die moderne musik und dem rap, ins kritzelgraffiti usw. - und so eine brücke geschlagen zu den ersten kunstfigurationen der menschheit überhaupt - als alle menschen künstler waren - dass es so seine rauhe/rohe "art" hatte: bis hin zu den höhlenmalereien und kritzeleien der urzeit - seitdem die kunst zum menschen gehört, zu allen menschen - zu allen zeiten - in allen kulturen und lebensäußerungen ... - danke ... S!

video-still aus dem aspekte-video oben

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S!NED!video zum "jardin d'email" im außengelände des kröller-müller-museums otterlo in den niederlanden: