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Samstag, 16. Januar 2016

göttliches drunter & drüber




Das Göttliche

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch! 
Sein Beispiel lehr’ uns
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorüber eilend
Einen um den andern.

Auch so das Glück
Tappt unter die Menge,
Faßt bald des Knaben
Lockige Unschuld,
Bald auch den kahlen
Schuldigen Scheitel. 

Nach ewigen, ehrnen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche:
Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
Den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen,
Täten im Großen,
Was der Beste im Kleinen
Tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er
Das Nützliche, Rechte,
Sei uns ein Vorbild
Jener geahneten Wesen!

Johann Wolfgang von Goethe


Dieses Gedicht wurde in den Schulen der damaligen DDR gelehrt. - Und die ersten beiden Zeilen standen auf meinem Buch, dass jeder junge Mensch 1975 zur Jugendweihe in der DDR bekam ...

das schreibt ein leserbriefschreiber auf "www.freitag.de" zum thema "gutmensch" ...

edel-zwieback | heyne-buchcover


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erinnern sie sich noch - damals - anno dunnemals - als kai diekmann von der bild den damaligen bundespräsidenten wulff kaputtschrieb - und alle haben mitgemacht - ich auch - hier im blog - lustige satirefotos zusammengebastelt - schreibend den kopf geschüttelt über einen menschen mit macht - der sich so dilettantisch in seinen machenschaften verstrickt hatte. inzwischen tut mir das aufrichtig leid ... -

ich war den damaligen raffiniert eingefädelten propaganda-netzwerken des kai diekmann aufgesessen - mit der man die einlassung wulffs: "der islam gehört zu deutschland" aber sowas von sanktionierte ...

damals schon war eigentlich klar, auf welch eine ungeheure wucht der ablehnung angela merkels derzeitiges "wir schaffen das" in der flüchtlingsfrage vornehmlich muslimischer schutzsuchender treffen würde - aber ein bundespräsident wulff wäre mir in der heutigen situation wesentlich lieber als der derzeitige bundespräsident, den wir da jetzt statt seiner vorgesetzt bekommen haben - denn wählen dürfen wir ja den obersten repräsentanten unseres staates nicht - da sei die demokratie vor ... der oberste repräsentant wird ausgekungelt und wird per erbsen ausgezählt: die schlechten ins kröpfchen - die guten ins töpfchen ... aschenputtel lässt grüßen ...

und nun - ganz zum abschluss des jahres, in dem flüchtlingsströme uns heimsuchen und die pegida montags "spazierengeht" - und lauthals "lügenpresse" in richtung jeder kamera brüllt ... - wo "gutmensch" zum "unwort" des jahres ausgerufen wird - da duckt sich das "gutmensch"-hauptquartier im bundespräsidialamt schon mal weg - da herrscht mehr ruhe im karton ... ja - ich verstehe - das sind aber auch ganz undelikate gewichtsverteilungen: gestern noch das "wir schaffen das" kraftvoll repräsentieren in irgendeiner umgestalteten provinzturnhalle - und heute das umschwenken im lande bei dieser verzwickten silvestersituation da in köln kommentieren - ich meine - wer will das schon ... -

und die eigene kleine gutbürgerliche mittelschicht-hausmacht hat ja den jetzigen bundespräsidenten ins amt gehievt auch als evangelischen ex-pfarrer, der den deutschen schon mal wieder zeigen sollte, wo "der barthel den most holt" ... - von wegen "der islam gehört zu deutschland" ... und jetzt setzt das diese merkel doch tatsächlich fort - und holt all diese "ungläubigen faulpelze ins land" ... - ja - sie hat schon ein paar mal den wulff wieder und wieder zitiert und bestätigt in seiner einschätzung des islams zu deutschland ... - bodenlos ist das - bodenlos ...

die auswüchse der wulff-affäre nach "der islam gehört zu deutschland" und nun nach köln gehören zu dem forschungsfeld: die deutsche mittelschicht und ihre aggressivität ...
- wehe wenn mir jemand in die förmchen pillert und mir durch unsere sandburg am strand von malle läuft - oder mein handtuchbewährten liegestuhl am hotelpool belegt ... - dann könnt ich verrückt werden - voll fuchsteufelswild - eeeiii ...
und was kurt tucholsky im jahr 1921 beim blick auf die bilder von george grosz geschrieben hat, das gilt heute wieder:
„die deutschen gesichter haben sich verhärtet. schärfer sind die kinne geworden, verbissener die lippen, brutaler die unterkiefer.“
george grosz: spitzen der gesellschaft - andrea meyer - flickr.com

unerwartet groß ist das potenzial an destruktiver energie, das sich nach köln einen kanal suchte. der Zorn gegen ausländer und die ablehnung des islam werden zum neuen fokus der erlaubten bürgerlichen aggression. individuelle gewaltausbrüche und grenzüberschreitungen erlangen dadurch einen schein von legitimation.

eine gefährliche stimmung macht sich breit, imaginationen von einem recht auf „notwehr“ tauchen auf gegen die angeblich verfehlte flüchtlingspolitik der regierung und gegen eine angeblich zur integration unfähige islamische kultur... - da werden so viel "kleine waffenscheine" ausgegeben wie nie zuvor - und in allen großstädten sammeln sich wackere und aufrechte "bügerwehren" mit namen wie "besorgte bürger" oder "sicheres kleinkleckersdorf" - und ein waffenhändler in köln sagt, das sei für ihn "besorgniserregend", verkauft aber auch noch seine letzte knallerbse, bis der nachschub kommt – und zählt seine kasse und schüttelt mit dem kopf ...

und wenn die pegida- und ex-afd-demagogin tatjana festerling bei einer demonstration in die menge ruft: „wenn die mehrheit noch klar bei verstand wäre, dann würde sie zu mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden eliten aus den parlamenten, aus den gerichten, aus den kirchen und aus den pressehäusern prügeln,“ ja - ja - dann hatten wir diese stimmung ja schon mal beim wulff: der kai diekmann himself hatte sich zur mistgabel gemacht - und den bundespräsidenten mit vereinten kräften aus dem amt geprügelt ... - und allmählich hört man - im nachhinein zu den ins unermessliche hochstilisierten und in szene gesetzten köln-vorkommnissen - das trapsen der nachtijallen zu den dreschflegeln und mistgabeln im schrank auf der hofdeele, um nun auch die merkel und dann all die anderen sympathisanten dieser "unteutschen" gemengelage endlich "aus dem amt zu prügeln" - weil die "mehrheit" sehr wohl "klar bei verstand ist" ... - nicht wahr ...

was - wie denn - sie haben zu hause auf ihrem hof gar keine mistgabeln im schrank ... ??? und sie haben auch keinen hof ??? - wie - denn deutschland ist gar keine agrar-blut-und-boden-scholle ... - wie denn - das teure teutsche hat sich längst in luft aufgelöst, weil männer mit den total unteutschen nachnamen podolski und özil tore für die "nationalmannschaft" schießen ...??? - also bitte ... nun lasst mal bitte "die kirche im dorf" ... - in der ich gleich als "gutmensch" meinem ehrenamt nachkommen werde - ja - jeden samstag hilft der schützenverein in der flüchtlingsunterkunft im gemeindehaus bei der essensausgabe - und der herr pfarrer ist auch mit von der partie - da muss ich mich dann ja mal mit sehenlassen - und das essen ohne schweinefleisch versteht sich - denn der gemeine muslim isst so etwas industriell hergestellt grunzendes allesfressendes in massentierhaltung aus den agrar-fabriken aus teutschen landen frisch auf dem tisch erst ger nicht - schon aus gesundheitsgründen ... - aber wir gönnen uns hinterher immer ein "schön cross" gegrilltes "zigeuner"-würstchen beim anschließenden grillen - im schnee ...

- wenn sie verstehen was ich meine 
- und chuat choan 
- wird schon wieder 
- nichts wird so heiß gegessen wies gekocht wird ... S!

(mit anregungen und anleihen von jakob augstein aus dem freitag)




Hier im Innern des Landes 
Songtext von Franz Josef Degenhardt

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch 
hier im Innern des Landes leben sie noch 
nach den alten Sitten und alten Gebräuchen, 
kaum dezimiert durch Kriege und Seuchen, 
stämmig und stark ein beharrliches Leben, 
den alten Führern in Treue ergeben, 
dem herzhaften Trunke, der üppigen Speise, 
in Häusern, gebaut nach Altväterweise, 
gefestigt im Glauben, daß alles fließt, 
daß unten stets unten, oben stets oben ist,

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch 
hier im Innern des Landes leben sie noch, 
die gewaltigen Mütter mit Kübelhintern, 
Bewahrer der Sitten, Leittier den Kindern, 
die Männer, die diese Mütter verehren 
und auf ihr Geheiß die Familie vermehren, 
die Söhne, die nach diesen Vätern geraten -
prachtvolle Burschen und gute Soldaten -, 
die Töchter, die mit dem Herzen verstehn 
und im weißesten Weiß hochzeiten gehn.

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch
hier im Innern des Landes leben sie noch
und lieben die Blumen und Hunde und Elche,
vor allen Dingen die letzteren, welche
aus Bronze sie in die Wohnzimmer stellen,
wo sie dann leise röhren und bellen,
wenn jene traulichen Weisen erklingen,
die ihre Herrchen so gerne singen,
kraftvoll und innig nach gutalter Art,
von den zitternden Knochen, vom Jesulein zart.

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch 
hier im Innern des Landes leben sie noch 
und folgen den Oberhirten und -lehrern, 
den Homöopathen und weisen Sehern.
Sie lieben das erdverbundene Echte, 
hassen zutiefst das Entartete, Schlechte, 
sind kurz vor der Sturmflut noch guten Mutes 
und tanzen im Takt ihres schweren Blutes, 
einen Schritt vor, zurück eins, zwei, drei, 
und schwitzen und strahlen und singen dabei:

Wie oft hat man uns schon totgesagt, doch 
hier im Innern des Landes leben wir noch.
Ja, da leben sie noch.

Franz Josef hat das alles viel zu "traulich" gemalt seinerzeit - 

heut ist alles viel viel krasser mit all dieser "bürgerlichen aggression" - "aus der mitte der gesellschaft"