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Sonntag, 28. Februar 2016

Flüchtlingsbuch BIBEL - impuls für die woche




DIE BIBEL ALS FLÜCHTLINGSBUCH

Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen.
Levitikus 19,34

S!art: Levitikus 19,34 - XXL: click here

Dem Fremden wird hier der Einheimische, der Bürger des Landes (auf hebräisch אזרח, ausgesprochen: esrach) gegenübergestellt und der Fremde wird dem Einheimischen gleichgestellt. Die Fremden werden den Einheimischen nicht nur gleichgestellt, sondern sie stehen zudem auch noch unter dem besonderen Schutz des Gesetzes und ihre Versorgung ist gesetzlich abgesichert – so fordern die Gesetze im Buch Levitikus zum Beispiel, dass auf den Feldern keine Nachlese betrieben werden darf, da die Früchte der Nachlese den Armen und den Fremden zustehen (siehe Levitikus 19,10 und Levitikus 23,33).

Innerhalb der Gesetze ist der Fremde meistens nicht Gesetzessubjekt, das zur Gebotserfüllung aufgefordert wird, sondern er ist der Nutznießer von Geboten, die sich an den israelischen Vollbürger richten. Generell gilt gemäß der Bibel:

Einen Fremden sollst du nicht ausnutzen und ihn nicht unterdrücken, denn Fremde seid Ihr selbst im Land Ägypten gewesen.
Exodus 22,20

Es handelt sich bei diesen Gesetzen nicht um moralische Imperative in der Form apodiktischer Forderungen, sondern die Gesetze werden mit der Geschichtserfahrung Israels begründet: „denn Fremde seid Ihr selbst im Land Ägypten gewesen.“

Die Gesetze verdeutlichen, dass der Fremde nicht am Rand der Gesellschaft stehen soll, sondern ein Teil der Gesellschaft ist. Die Gesetze des Alten Testaments gehen gar soweit, dass dem Fremden erlaubt wird, Pessach, das jüdische Fest, das die Befreiung Israels aus Ägypten erinnert, zu feiern, wenn er sich beschneiden lässt und somit in den Bund Gottes mit Israel eintritt (siehe Exodus 12,48). Die israelitische Gesellschaft muss gemäß den Gesetzen des Alten Testaments somit von Gastfreundschaft geprägt sein und den Fremden wohlwollend und beschützend aufnehmen. Zudem weisen Gottesworte in den prophetischen Büchern immer wieder auf die wohlwollende enge Verbindung zwischen Gott und den Fremden hin: Gott selbst wird als Richter auftreten gegen diejenigen, die den Fremden ihre Rechte verweigern (siehe Maleachi 3,5).

Die Geschichte Gottes mit Israel ist somit auch eine Geschichte Gottes mit Flüchtlingen. Diese Aussage wird im Neuen Testament sogar noch zugespitzt. Gott ist nicht nur Begleiter und Beschützer der Fremden und Flüchtlinge sondern er selbst wird zu einem Flüchtling. Das Matthäusevangelium berichtet nicht nur, wie Jesus, der Sohn Gottes als Neugeborenes in Bethlehem zur Welt gekommen ist, sondern es berichtet auch das auf die Menschwerdung Gottes direkt die Flüchtlingsexistenz folgt. Nachdem die Sterndeuter dem Neugeborenen gehuldigt hatten, berichtet das Matthäusevangelium, dass Josef ein Engel mit einer warnenden Botschaft erschien:

Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten.
Matthäus 2,13

Jesus Christus war ein Flüchtling und das gleiche Schicksal teilten seine ersten Jünger. Nach dem Tod Jesu wurden sie aufgrund ihrer religiösen Überzeugung verfolgt und flohen aus Jerusalem (siehe Apostelgeschichte 8,1).

Wenn man die Gesetze, Prophetenworte und Erzählungen der Bibel betrachtet, wird einem deutlich, dass die Bibel auch ein Buch über und für Flüchtlinge ist. Abraham lässt sich mit den Elendsflüchtlingen der heutigen Zeit vergleichen. Jesus wäre heute ein Flüchtling gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention und politisch gilt es zu fragen, was die biblische Aufforderung bedeutet, einen Fremden bzw. einen Flüchtling wie sie selbst zu lieben (siehe Levitikus 19,34).


aus: DEI VERBUM - TILL MAGNUS STEINER ist katholischer Theologe. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Exegese des Alten Testamentes. Er lebt und arbeitet in Jerusalem.