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Mittwoch, 10. Februar 2016

Wahrheit - nichts als die Wahrheit: Alle Menschen lügen ... (Psalm 116,11) - Die Schreispirale als Paradoxon - ich nehme diese Wahrheit über die Lüge sofort mit dem Ausdruck des tiefen Bedauerns wieder zurück - und behaupte das Gegenteil !!!

aufgedeckt
das ist die typische "schreispiralen"-spezies: li.: trump - re.:seehofer

Da hilft kein Schnuller: 
Nach der Schweigespirale nun die Schreispirale

Die Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann-Maier-Leibnitz hat in den Siebziger Jahren ihre Theorie der "Schweigespirale" vorgestellt. Danach richtete ein größerer Teil der Bevölkerung ihre öffentlich kundgetane Meinung nach einem empfundenen Meinungsklima aus. Sie sagten also nicht, was sie glaubten, sondern was sie für irgendwie gesellschaftlich opportun hielten. Damals wurde die Theorie auch als konservative Hoffnung betrachtet, es gäbe eine schweigende Mehrheit in ihrem Sinne. Im Jahr 2014 erkannte das Pew Research Center, eines der wichtigsten amerikanischen Meinungsforschungsinstitute, dass auch in den sozialen Medien eine Art Schweigespirale existieren könnte.

Und damit bekommen die aggressiven Äußerungen von Trump eine andere Färbung, ebenso wie die "Entgleisungen" von AfD und Pegida: Es handelt sich um Kommunikation, die sich der Mechanismen der sozialen und redaktionellen Medienmelange bedient, um an die diffusen Abneigungen in den Hirnen der Bevölkerung zu appellieren.

Wenn Björn Höcke rassistische Vermehrungstheorien aufstellt und von Tausendjährigkeiten redet. Wenn Frauke Petry andeutet, es müsse an der Grenze auf Flüchtlinge geschossen werden können. Wenn Beatrix von Storch ergänzt, das müsse irgendwie auch für Frauen und Kinder gelten. ... Und nun - wenn dieser unsägliche Horst Seehofer in einer Passauer Zeitung der Kanzlerin eine "Herrschaft des Unrechts" attestiert. Eine "Herrschaft", in der er selbst als der Vorsitzende einer der Regierungskoalitionsparteien und der "Schwesterpartei" der CDU mitfungiert.  Die Funktion dieser Aussagen ist, durch ihr bloßes, selbst kurzzeitiges Vorhandensein eine Grenze zu verschieben: die Grenze von dem, was öffentlich noch gesagt werden kann. Was auch Trumps Trick ist, denn so wird das ganze Potenzial des bisher unartikulierbaren Ressentiments freigesetzt.

Vorurteile und Verachtungen, von denen man bisher glaubte, sich für sie schämen zu müssen, die man sich nicht traute zu äußern, aus Furcht vor öffentlichen Sanktionen, werden zu vermeintlich politischen Argumenten. Trump bringt so Leute zum Wählen, die sich bisher nicht trauten, ihren dumpfen Empfindungen politisch zu folgen. Und was in Deutschland als Zitat einer parteivorsitzenden Talkshow-Dauerbesetzung herumgereicht wird, ist dadurch in der Öffentlichkeit plötzlich automatisch sanktionslos sagbar.

Je schriller, desto like

Deshalb spielt es auch keine Rolle bei diesen Grenzverschiebungssätzen, ob sie später erklärt oder gar zurückgenommen werden, ob jemand zurückrudert - wie jetzt jene Frau von Storch, der ihre Äußerung zum Schießbefehl auf Kinder nun "leidtut" ... Und der Horst Seehofer, der natürlich sagt, man habe ihn bei dieser "Herrschaft des Unrechts" "falsch" wiedergegeben ...: Wenn solche Sätze einmal in der Welt sind, entfalten sie ihre Wirkung. Das hat vor allem damit zu tun, dass die sozialen Medien (Facebook und Twitter & Co.) einzelne Memes, also kommunikative Wirkbausteine wie Kurzzitate oder Wort-Bild-Kombinationen, maximal verbreiten können. Aber diese Verbreitungsnetzwerke sind so situativ, dass eine spätere, eventuelle Richtigstellung oder Entgegnung kaum ähnliche Wucht entfalten kann. Nachgelieferte Klarstellungen sind etwas für die alte Medienlandschaft, Kommunikation in sozialen Netzwerken steht nackt für sich allein, ohne zwingenden Kontext, nur für den Augenblick - nur für das Ablassen im "Hier & Jetzt" ...

Der Social-Media-Nachfolger der Schweigespirale ist die Schreispirale. Die politische Öffentlichkeit wird genau durch diese Grenzverschiebungen zum immer schriller kreischenden Stammtisch, begünstigt durch die sozialen Medien, befeuert aber auch von redaktionellen Medien, die sich selbst in einen Sharing-Teufelskreis hineinsteigern: je schriller, desto like. Trump hat diesen digitalen Weg vorgestampft, auf dem die AfD politisch immer erfolgreicher werden kann, weil im Netz, in den sozialen Medien inzwischen immer breitere Bevölkerungsschichten unterwegs sind. Und leider nicht nur die AfD.

Horst Seehofer, das fleischgewordene Crescendo politischer Schrillheit, und seine CSU, deren Selbstverständnis schon immer ein populistisches war, taumeln auf diesem Trumpelpfad hinterher - was wohl der letztlich ausschlaggebende Grund für Seehofers absurden Putin-Besuch war, der null sinnvollen Verhandlungswert, aber größten Symbolwert hat. Ebenso seinerzeit der Auftritt des Herrn Orbàn auf einem CSU-Parteitag in fast Habsburger Reichs-Nostalgie - ähnlich wie in der alten Donaumonarchie Österreich-Ungarn unter Einschluss des "Freistaats" Bayern ...

Deshalb musste - Seehofer hat schnell und plump von Trump gelernt - gar kein Inhalt über diese Treffen bekannt werden. Die Treffen allein reichten völlig aus.

Die Welt wandelt sich mit dem Web, und wir erfahren gerade erst, welche Energien die digitale Öffentlichkeit im Alltag der Demokratie entwickeln kann. Und ob außer Trump, AfD und dem seinem Politgespür hinterherirrlichternden Seehofer diese neuen, politischen Kommunikationsformen auch durch Kräfte aktiviert werden können, die andere Maßstäbe haben als nur den 2016 digital gewordenen Stammtisch.

Dies ist ein in Nuancen veränderter Ausschnitt aus der SPIEGEL.de-Kolumne von Sascha Lobo über "Trump - AfD - Seehofer"