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Mittwoch, 25. Mai 2016

die frau am imbiss im urlaub - impuls für die woche ...





wer ist sie ?

wer ist sie: diese etwa 45-/55-jährige frau mit blondgetönten haaren, die mir jetzt schon im vierten jahr immer wieder am imbiss an der strandpromenade im urlaub auffällt ... sie sitzt dort tag für tag zu fast jeder zeit mit immer anderen menschen in vertrauten gesprächen zusammen und nippt zumeist am glas mit rosé-wein. sie macht keinerlei vernachlässigten eindruck etwa wie eine alki-dame, sie ist wohlgepflegt, und strahlt immer eine gewisse fröhlich zugewandte "ruhe" aus, die man früher wohl mal "nonchalance" nannte - gerade so - auch äußerlich - wie die frau/der engel auf dem rider-waite tarot-trumpf XIV: TEMPERANCE / DIE MÄSSIGKEIT ...



unter ihrem tisch lagert meist ihr hund, den sie - so konnte ich es beobachten - hinter sich her mit dem fahrrad in einem buggy zieht ...

also egal - zu welcher jahreszeit ich auch jeweils in den jahren dorthin kam, die besagte frau mit hund sitzt stets in fröhlicher runde mit immer anderen gesprächspartnern in intensiver aber offensichtlich angenehmer atmosphäre ...

ich habe mich gefragt, wie sie das immer wieder "verlässlich" schafft, womit sie wohl ihren lebensunterhalt finanziert und ihr glas roséwein ... - denn sie ist ja nicht als "animateurin" bei dem strand-imbiss-betreiber angestellt ...

mir fiel auf, dass sie jeweils rücksichtsvoll in ihre ellenbeuge hustet oder niest - und nicht dabei die hand schützend vor den mund hält, wie ich das noch gelernt habe und inzwischen immer noch reflexhaft tue ... also, so schloss ich aus dieser geste, vielleicht gehört sie irgend einem sozialen oder pflegerischen beruf an, in dem wahrscheinlich ganz selbstverständlich eine solche ansteckungs-prophylaxe längst eingeübt ist, um nicht patienten oder klientel eventuell zu infizieren ... auch trägt sie eine handelsübliche fertige stretch-/stütz-handgelenkbandage zur tennis-/mausarm-/sehnenscheidenentzündungs-nachsorge oder -prophylaxe so selbstverständlich, dass ich sie schon in richtung masseurin / medizinische bademeisterin oder physiotherapeutin in einer kureinrichtung oder eine beauty-farm einordnen möchte, was ja in einem heilbad eine durchaus gängige tätigkeit wäre ...

mich wundert allerdings ihre doch recht üppige tagesfreizeit, die sie immer wieder in diesen strandimbiss oder auch in den nachbarimbiss treibt - und ihre sozialkompetenz, mit allen und jedem in ihrer nähe in offensichtlich angenehmen smalltalk zu kommen...

für mich gehört sie inzwischen "in all den jahren" mit zum "sicherheits"-check dort in der urlaubsatmosphäre: wenn sie da ist, scheint die welt dort - und so auch in diesem moment für mich - in ordnung zu sein. die stimmung ist gut, es wird gelacht, der hund ruht unaufgeregt unter dem tisch ... alles ist stimmig - alles ist gut - so wie es sein soll ... die frau gehört also so für mich bereits zu meinem imaginären sicherheitspersonal - zur "security" ... - wenn sie nicht da wäre würde ich wohl ausschau halten und warten, wann sie hinzukäme ...

vielleicht ein engel ...

ich habe mich heimlich sogar schon bei dem gedanken ertappt: so wie diese frau ist, müssten wohl auch "engel" sein: engel haben ja konjunktur ... wenn auch das letzte fünkchen glauben verloren gegangen ist: ein "engel" hat weiterhin eine symbolträchtige bedeutung - und wenn der liebe gott auch schon längst gestorben ist - an engel glaubt man ...

ich habe mich oft gefragt, wer oder was sich denn als "engel" wie und unter welchen umständen zu erkennen gibt - und erinnere eine eindrückliche predigt, die ich vor wohl schon 30 jahren in der kirche von einem pastor hörte, der immer wieder darin betonte, jeder mensch könne für den anderen zum "engel" werden ... - plötzlich aus dem nichts auftauchen - und vielleicht nur mit einem nicken mut zusprechen zur rechten zeit - oder aber - wie es mir eben jetzt im urlaub geschehen ist: wenn ein mensch in an sich fremder umgebung "sicherheit" gibt und ausstrahlt: wiedererkennen, stabilität, befreiung ...

Es erhoben sich aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, nämlich die Partei der Sadduzäer, von Eifersucht erfüllt, und warfen die Apostel in das öffentliche Gefängnis. 
Aber ein Engel sperrte in der Nacht die Türen des Gefängnisses auf und führte sie heraus und sprach: 
Geht hin und redet zum Volk alle Worte des Lebens.
Apostelgeschichte 5 17-20

ein engel muss nicht mit den flügeln "schlagen", harfe spielen: "halleluja" singen und frohlocken - muss kein weißes gewand tragen mit aufgenähten goldenen sternchen ... du - ich - wir - wir alle können eigentlich in jedem augenblick für andere zum engel werden: ein neuer hoffnungsschimmer, ein ansporn, eine sicherheitsgarantie, ein freiwerden, eine befreiung ...

vielleicht ist die frau am strand-imbiss für viele dort der engel, der ihnen und mir immer wieder "worte des lebens" schenkt - sicherheit - ja sogar ein stück weit "geborgenheit", ein "zuhausesein in der fremde" ...

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel.
Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein,
oft sind sie alt und hässlich und klein,
die Engel.
Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand,
die Engel.
Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand,
oder er wohnt neben dir, Wand an Wand,
der Engel.
Dem Hungernden hat er das Brot gebracht,
der Engel.
Dem Kranken hat er das Bett gemacht,
er hört, wenn du ihn rufts, in der Nacht,
der Engel.
Er steht im Weg und er sagt: Nein,
der Engel,
groß wie ein Pfahl und hart wie Stein -
es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
die Engel. 
Rudolf Otto Wiemer