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Mittwoch, 1. Juni 2016

UPDATE: Abgesoffen: Ein Liebespaar wird geborgen: Zwei einander umarmende Leichen

angespült
Foto: REUTERS - Italienische Marine


DIE ZEIT No. 24 v. 02. Juni 2016 - S.1:

Abgesoffen: 
Die Menschlichkeit ist still und leise im Mittelmeer ertrunken

Lautes Schweigen

Jenseits der Asyldebatte ist es längst Konsens in Europa, dass man keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will

Von CATERINA LOBENSTEIN |

Flüchtlingspolitik? Geht kurz gefasst so: Merkel gegen Seehofer, Merkel gegen Orbán, Merkel gegen Hollande. Wutbürger gegen Gutmensch. Böhmermann gegen Erdoğan. Gauland gegen Boateng. Es scheint, als hätten die Flüchtlinge Europa zweigeteilt, als ginge ein Riss durch die EU, so tief wie nie. Zwischen denen, die Flüchtlinge willkommen heißen, und denen, die skeptisch sind. Zwischen Menschen, für die Muslime und Schwarze zu Europa gehören. Und denen, die das anders sehen.

In nur einem Jahr hat es Europa geschafft, die Flüchtlinge hinter der Flüchtlingsdebatte verschwinden zu lassen. Doch der Riss ist eine optische Täuschung, der Streit um Merkels Willkommensgruß und Seehofers Obergrenze, um Böhmermanns Gedicht und Boatengs Nachbarn: alles Ablenkung. Ablenkung davon, dass in Europa Konsens herrscht in der entscheidenden Frage, ob Menschen, die Schutz suchen, die EU überhaupt noch betreten sollen. Die Antwort lautet: Möglichst nicht (auch wenn der Preis dafür hoch und schmutzig ist). Die neue asylpolitische Eintracht reicht von Budapest bis nach Berlin, sie stützt das umstrittene Abkommen mit der Türkei. Und selbst wenn dieses Abkommen scheitern sollte: Der Konsens wird zweitverwertet. Seit Wochen planen EU-Strategen, wie sie Grenzkontrollen dort verschärfen, wo zurzeit die meisten Flüchtlinge aufbrechen: in Afrika.

weichgespültes liebespaar - S!NED!art 
Ein Liebespaar wird geborgen: Zwei einander umarmende Leichen

Europas Regierungen überwachen das Mittelmeer mit Satelliten, sie schicken Drohnen nach Nordafrika. Sie bereiten Grenzschutzverträge vor, auch mit Diktaturen wie Ägypten und dem Sudan. Sie drängen auf einen Deal mit Libyen, sie denken darüber nach, dort Gefängnisse zu finanzieren, in denen Flüchtlinge eingesperrt werden. In den vergangenen Jahren haben Menschenrechtsorganisationen solche Haftlager besucht. Sie konnten zeigen, dass dort gefoltert wird. Dass es Wachen gibt, die Flüchtlinge vergewaltigen, sie an Freier verkaufen und an Menschenschmuggler. Vor einigen Wochen haben Wärter in einem dieser Lager wahllos in die Menge geschossen, mehrere Flüchtlinge starben.

Früher wurden solche Abkommen von Hardlinern verhandelt. Von Italiens ehemaligem Regierungschef Berlusconi zum Beispiel, der Libyens Diktator Gaddafi rund drei Milliarden Euro bot, auf dass er die Grenzen bewache. Heute tütet die EU diese Deals mit vereinten Kräften ein.

Der Konsens, der das möglich macht, verbirgt sich hinter den lautstarken Debatten. Man bemerkt ihn immer dann, wenn Stille herrscht. Als die AfD-Chefin Frauke Petry forderte, an Europas Grenzen müsse geschossen werden: empörte Kommentare aus den Parteizentralen. Als der erste tödliche Schuss auf einen Flüchtling fiel, an der bulgarisch-türkischen Grenze, war die Empörung kaum hörbar. Als der AfD-Vize Alexander Gauland über den Fußballer Jérôme Boateng sagte, viele Deutsche wollten »einen wie Boateng« nicht als Nachbarn haben: Shitstorm von allen Seiten. Aber war ein Mucks zu hören, als einige Wochen zuvor geheime Papiere aus Brüssel an die Öffentlichkeit gelangten? Als nachzulesen war, dass die Europäische Union Flüchtlinge zurück nach Libyen schicken lassen will, dorthin, wo Schwarze nicht diskriminiert werden, sondern versklavt? Nach einem Jahr Flüchtlingskrise ist klar: Auch Empörung hat ihre Außengrenzen.

Längst verlaufen die Grenzen der europäischen Menschlichkeit nicht mehr quer durch Europa, sondern um Europa herum. Am Mittelmeer entlang, wo in diesem Mai so viele gestorben sind wie noch nie zu dieser Jahreszeit.



Gerade stellte die italienische Marine das Video eines kenternden Kahns ins Netz, mit mehr als 500 Passagieren, die voller Angst im Wasser strampeln. Hilfsorganisationen befragten Überlebende, Retter gaben Interviews, allmählich ergab sich ein Bild: In der vergangenen Woche sind vor der libyschen Küste mindestens sechs Boote gesunken und 880 Menschen gestorben, schätzt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Mit Netzen habe man Menschen aus dem Wasser gefischt, sagen die Retter, tote und lebendige. Ein Liebespaar sei geborgen worden, zwei einander umarmende Leichen. Ein totes Baby, von dem es ein Foto gibt, die Füße schrumpelig, die Lippen blau. Als das Foto Europa erreichte, feilte die EU am Deal mit der Türkei, der vor allem eins bewirkt: dass die Flüchtlinge draußen bleiben. Und Deutschland stritt darüber, ob der Vizesprecher einer mittelgroßen Protestpartei ein Rassist ist oder nicht.
Aylan (3) im September 2015 an der türkischen Küste angeschwemmt ...

Ein deutscher Retter von der humanitären Organisation Sea-Watch hält ein ertrunkenes Baby im Arm, aus dem Wasser gefischt vor der libyschen Küste am 27. Mai 2016. Foto: Christian Buettner/Eikon Nord GmbH Deutschland/Handout über REUTERS

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Die Hilfsorganisation Sea Watch verknüpfte die Veröffentlichung des Fotos von dem toten Baby mit der Forderung, geflohenen Menschen eine sichere Fluchtroute zu gewähren. Seit die Balkanroute geschlossen wurde, müssen Fliehende wieder vermehrt auf den gefährlichen Seeweg ausweichen.

Das Foto zeigt einen freiwilligen Helfer, der die Leiche im Arm hält, als würde das mutmaßlich kaum einjährige Baby schlafen. Der Helfer, selbst dreifacher Vater und von Beruf Musiktherapeut, erklärte in einer bewegenden E-Mail, er habe den toten Körper vorsichtig aus dem Wasser in seine Arme gezogen und angefangen zu singen, um sich selbst zu trösten und mit diesem Moment umzugehen.

Im vergangenen September hatte ein Foto des ertrunkenen dreijährigen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi weltweit viele Menschen erschüttert. Er war in der türkischen Mittelmeerküste an Land gespült worden. 

Mindestens 30.000 Menschen sind nach Schätzungen in den vergangenen 15 Jahren auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen. Eine Zeitlang hat die EU zumindest noch versucht, den Eindruck zu erwecken, diese Katastrophe würde sie etwas angehen. Als im Oktober 2013 beinahe 400 Flüchtlinge bei einem Bootsunglück vor Lampedusa ertranken, trafen die Präsidenten des Europaparlaments und der EU-Kommission Überlebende auf der italienischen Insel. Das Schauspiel wiederholte sich nach einem beinahe identischen Unglück mit 800 Toten vergangenen April. "Der Status quo ist keine Option mehr", sagte Kommissionschef Jean-Claude Juncker und kündigte eine Reform des EU-Asylsystems an.

Das Massensterben wird als Kollateralschaden hingenommen

Inzwischen reicht es nicht einmal mehr für Symbolpolitik. Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks sind allein vergangene Woche 700 Flüchtlinge bei drei Schiffskatastrophen im Mittelmeer gestorben, 2400 in den ersten fünf Monaten 2016. Doch außer Menschenrechtsorganisationen und Flüchtlingshelfern regt sich darüber kaum noch jemand auf, jedenfalls kein EU-Politiker.

Die Europäer sind abgestumpft. Monatelange Debatten über Asyl-Obergrenzen und Überfremdung, die immer gleichen Bilder von Menschenmassen vor Grenzzäunen und die aggressive Stimmungsmache von Rechts haben jede Empathie mit den Schutzsuchenden aufgelöst.

Das Massensterben der Flüchtlinge an Europas Grenzen wird als Kollateralschaden hingenommen. Doch Bootsunglücke wie jene vergangener Woche sind kein tragischer Zufall, sondern das Ergebnis europäischer Migrationspolitik. Die EU-Staaten haben in den vergangenen Jahren ihre Grenzen schrittweise gegen Flüchtlinge hochgerüstet. Wer in der EU Asyl beantragen will, muss zunächst europäischen Boden erreichen. Durch die Abschottungspolitik der EU ist dies beinahe unmöglich geworden. Einer der letzten verbliebenen Wege für Flüchtlinge nach Europa führt auf den Booten von Schleppern aus Libyen über das Mittelmeer.

Die Flüchtlingsbewegung hat im vergangenen Jahr dazu geführt, dass viele Menschen begannen, dieses System anzuzweifeln. Sie fragten, warum Flüchtlinge eine Straftat ("illegale Einreise") begehen müssen, um in Europa Asyl zu beantragen. Sie waren nicht länger bereit hinzunehmen, dass die Bundesregierung verspricht, "Fluchtursachen" zu bekämpfen, gleichzeitig jedoch Diktaturen aufrüstet - wie gerade erst im Sudan geschehen.


Der Deal mit der Türkei und die Zäune auf dem Balkan aber haben dafür gesorgt, dass weniger Menschen nach Europa gelangen. Die Flüchtlinge und ihre Probleme sind nun wieder dort, wo sie die EU am liebsten hat: weit weg.


(SPIEGEL-online - REUTERS)

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"Europas Regierungen überwachen das Mittelmeer mit Satelliten, sie schicken Drohnen nach Nordafrika. Sie bereiten Grenzschutzverträge vor, auch mit Diktaturen wie Ägypten und dem Sudan. Sie drängen auf einen Deal mit Libyen, sie denken darüber nach, dort Gefängnisse zu finanzieren, in denen Flüchtlinge eingesperrt werden." 
Festzuhalten bleibt: das sind nicht irgendwelche "Freischärler"-Regierungen, oder die NSA oder irgendwelche kriminellen Vereinigungen - das ist nicht Orbán oder die AfD oder Pegida oder die polnische Rechte - nein, es sind die Kommissionen und Abgesandten unserer legal gewählten €U-"Volksvertreter", es sind Handlanger von Merkel und Steinmeier & Co., die da verhandeln und rummachen ... - nach außen mal gerade noch hui - nach innen aber bereits sowas von pfui ... 
Erstaunlich ist bei all diesem Abwehrgetöse das immer stillerwerdende Verschweigen durch die Medien. Man überlässt es dem Papst oder sonstigen Kirchenvertretern, dazu Stellung zu nehmen ... Weil die Mehrheit dieses €uropa und besonders auch Deutschland allmählich sich auf die Fußball-EM einstellen will, jucken die paar hundert Wasserleichen doch nicht mehr ... - "... diese Menschen hat doch niemand gerufen" ... 
... und die Gäste aus Lampedusa, Malta, Idomeni ff. schauen in die Röhre - und müssen draußen bleiben ...
Stattdessen zeigt man uns nun die Eröffnung des Gotthard-Tunnels, der €uropa angeblich näher zusammenschweißt, und alle Regierungsschefs fahren auf der Jungfernfahrt fröhlich lächelnd mit hindurch - und es gibt Chips und Sekt oder gar Champagner und ein Fest. Ob die durchnässten Menschen, die mit dem klapprigen Boot auf Lampedusa oder Malta angekommen sind - nun auch durch den Tunnel ganz rasch in den Norden €uropas gelangen dürfen - wurde nicht weiter explizit beschrieben ...
Mit der sogenannten "Willkommenskultur" vor etwas mehr als einem halben Jahr hat man uns sowas von verarscht ... - ich frag mich wirklich, wann der Internationale Gerichtshof ... - von wegen Asylrecht - aber der wird ja auch berufen von den Regierungen, die nun alle Dreck am Stecken haben ...
Im September 2015 hielt die Welt beim Anblick des ertrunkenen Aylan (3) am Strand von Bodrum (Türkei) noch für einen kurzen Augenblick den Atem an - inzwischen gehört das tote Baby an der libyschen Küste schon zum alltäglichen Anblick - und man geht lieber Fußball-Sammelbilder tauschen ...S!