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Donnerstag, 5. Januar 2017

Erinnerung & Gedenken




Museum erwägt Anschlags-Lkw auszustellen

Das Haus der Geschichte in Bonn erwägt, Teile des Lkws anzukaufen, mit dem der Berliner Anschlag ausgeführt wurde. Mit der Entscheidung wolle man sich noch Zeit lassen, um dem Täter kein Forum zu bieten. (welt)

Wir sind so frei - und unverschämt

Authentisch, transparent, post-privacy-mäßig: Das schlägt Scham, Takt, Verzicht. Deshalb wird der Lastwagen vom Breitscheidplatz bald in einem Museum stehen. 

Ein Kommentar. VON MALTE LEHMING | DER TAGESSPIEGEL

Wir sind so frei. Gezeigt wird alles. In Huntsville im US-Bundesstaat Texas steht das „Texas Prison Museum“. Dort kann der Besucher die Geschichte der Todesstrafe erkunden. Mit „Ol’ Sparky“, dem elektrischen Stuhl, einem Strick aus frühen Zeiten, dem Fallbeil, Injektionsnadeln. Im Museumsshop wird ein Kochbuch mit den Rezepten der beliebtesten Henkersmahlzeiten verkauft. Die heißen „Gas Chamber Chicken“, „Last Wish Fish“, Guillotine Goulash“. So ist das hier. Der Wirklichkeit schämt sich keiner.

Muss man sich der Wirklichkeit schämen? Sie verstecken, gar verheimlichen? Im Haus der Geschichte in Bonn denkt man darüber nach, einen Teil des Lastwagens vom Attentat auf dem Breitscheidplatz auszustellen. Zwölf Menschen sind dabei vor zwei Wochen ermordet worden. Natürlich würde man – aus Respekt vor den Angehörigen – einen zeitlichen Abstand wahren, heißt es. Aber man sei halt zuständig für die Überlieferung des materiellen Erbes der Vergangenheit. Dazu zählen bereits ein Flächenschussgerät der RAF und die Kölner Nagelbombe des NSU. Warum nicht auch die Tatwaffe von Anis Amri?

Es fällt leicht, darauf zynisch zu reagieren. Sich Kaugummi kauende Teenies vorzustellen, wie sie vor dem Lastwagen Selfies machen. Oder eine Gruppe von Salafisten, die dort auf Arabisch Koransuren rezitieren. Möglich ist alles. Überall.

Auch Ground Zero wird umfassend dokumentiert

Im Gulag-Museum in Moskau stehen Nachbauten einer Gefangenenbaracke, einer Arrestzelle und eines Wachturms. Das Auschwitz-Museum hat soeben für das Jahr 2016 mit über zwei Millionen Menschen einen neuen Besucherrekord gemeldet. Originalobjekte der ehemaligen Lager Auschwitz I und Auschwitz II- Birkenau können besichtigt werden, die Gaskammern in Birkenau, die Eisenbahnrampe, das Massengrab.

Auch Ground Zero wird umfassend dokumentiert, ob durch ineinander verschmolzene Pistolen, verkohlte Pässe, Zeichnungen von Kindern, die am 11. September 2001 Vater oder Mutter verloren hatten. Bei einer der ersten Ausstellungen in New York wurden Besucher, die das wünschten, noch psychologisch betreut. Die katholische Hilfsorganisation „World Trade Center Healing Services“ bot ihre Dienste bei Retraumatisierungserfahrungen an. Doch die Zeit vergeht. Gnadenlos. Als ein halbes Jahr nach 9/11 der zweistündige Dokumentarfilm „9/11“ im Fernsehen ausgestrahlt werden sollte, liefen Angehörige von getöteten Feuerwehrleuten noch Sturm dagegen. Heute haben die Gemüter sich beruhigt, die meisten Wunden sind vernarbt.

Wenn nicht heute, dann morgen, wenn nicht morgen, dann übermorgen. Irgendwann wird der Lastwagen vom Breitscheidplatz in einem Museum stehen. Authentisch, transparent, post-privacy-mäßig: Das schlägt Scham, Takt, Verzicht.
„Ich bin, der ich bin“, sagt Gott zu Moses und fordert für sich Bild- und Namenlosigkeit ein. Es ist eine Absage an die Verdinglichung. In seinem Essay „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ deutet Sigmund Freud dies als „eine Zurücksetzung der sinnlichen Wahrnehmung gegen eine abstrakt zu nennende Vorstellung, einen Triumph der Geistigkeit über die Sinnlichkeit“. Und als „eine der wichtigsten Etappen auf dem Wege der Menschwerdung“.
Museen sind das Gegenteil. Sie beleben die Sinne und gängeln die Fantasie. Vielleicht gibt es für den Lastwagen vom Breitscheidplatz keinen besseren Ort.

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gedenk-kultur - und erinnerungs-arbeit sind ja bei der ereignisreichen geschichte voller irrungen und wirrungen der deutschen in all den jahren eine echte "achilles-ferse": frau knobloch von der jüdischen gemeinde in münchen setzt durch, das dort keine stolpersteine gelegt werden für die ns-holocaust- und "euthanasie"-opfer, weil sonst die opfer erneut "mit füßen getreten werden" - auf dem stelenfeld in berlin zum gedenken an den holocaust, dürfen keine hunde mitgeführt werden - aber die jugendlichen schlafen dort auf den stelen ihren rausch aus von der letzten klassenfahrt-fete, bevor die schwarzen sheriffs sie von dort unsanft wecken und vertreiben - ja und ich stelle gedenkblogs für meine tante ins netz, die opfer der ns-"euthanasie" wurde - und berichte so minutiös und plastisch und "sinnlich" und "verdinglicht" wie möglich von ihrem 484 tage andauernden schicksal ... und ich ermutige dazu, "familiengeheimnisse" aufzuarbeiten und zur sprache zu bringen, um sich über generationen hinweg vielleicht entsprechend zu entlasten - und vielleicht eigenartige innerpsychische verstrickungen ("bis ins 3. und 4. glied ...") in dieser hinsicht anzugehen ... 

aber: ist so etwas nicht bei einer anderen betrachtungsweise einfach viel zu intim - viel zu privat - um im populistisch durchsetzten netz oder in anonymen gruppen therapeutisch angegangen zu werden - und eben damit auch eine unangemessene "verdinglichung" und eine "versinnlichung" - ein "geheimnisverrat", wo "geistigkeit"/"vergeistigung" im freudschen sinne (siehe oben) vielleicht besser angebracht ist - sollte man nicht endlich mal "gras über die sache wachsen" lassen und diese geschehnisse "in seinem herzen bewegen"... ?

afd und teile der csu und vielleicht sogar der cdu und hier und da auch der spd, der grünen und der linken und bestimmt die mehrheit der "bevölkerung" teilen einen solchen standpunkt: "jo mei - lasst 's endlich guad sei - mei ruah wui i hom" ... - und ich spüre hier und da, selbst bei jungen lehrern - sogar bei historikern - einen gewissen widerwillen, das alles als längeres thema auf die agenda zu setzen und sich damit zu beschäftigen - und vielleicht für ein "lehrprojekt" an einen schüler-kurs auszuwählen ...

aber oft scheint mir das nicht eine bewusste ignoranz zu sein - sondern eher eine "dummheit", eine "faulheit" - ein nichtwissen - ein desinteresse gegenüber all den zeitraubenden recherchen zu den defizil-komplizierten facetten der ns-politik, die ja sogar unmittelbar und gut tabuisiert - oft bis in die eigenen familien hineinragen können - nazis waren ja keine fremde extra-rasse von menschen - sondern opa - uropa - oma - uroma - groß-/onkel und groß-/tante gehörten vielleicht dazu ... und gerade zur afd-und npd/nsu-prophylaxe ist eine solche auseinandersetzung meines erachtens unabdingbar!!! 


stolperstein für erna kronshage in bielefeld-sennestadt

ob nun aber die zerbeulte führerkabine des anschlags-lkw vom breitscheidplatz im "haus der geschichte" ein erkenntnisrelevantes und lehrreiches ausstellungsstück für diesen derzeitigen "zeitgeist" sein wird, oder nur als willkommene selfie-requisite dienen wird, sei mal dahingestellt - ein foto vom lkw täte es - wenn überhaupt - vielleicht auch - aber wiederum dürfen wir auch keine unangemessenen abstufungs-hierarchien zwischen den einzelnen gedenk-anlässen und erinnerungspunkten zulassen: etwa "die guten ins töpfchen die schlechten ins kröpfchen": was darf die "geschichte" zeigen - und was wird lieber unter den teppich gekehrt - vorzeigbar und nicht vorzeigbar ...

wie hier und da - zumindest von mir "gefühlt" - im bereich des gedenkens an all die ns-"euthanasie"-opfer auszumachen: die "echten" 75.000 "t4"-opfer der ersten "euthanasie"-welle - der "ersten stunde" - sind nämlich nicht irgendwie "authentischer" und damit etwa "geadelter" als die rund 200.000 opfer der nachfolgenden dezentral gesteuerten "euthanasie"-aktionen ab ende 1942/1943 - 1945 ...: alle erinnerungs-namensgebungen wie "t4-mahnmal" oder "t4-gedenkort" müssen also das bittere und opferreiche ende der sogenannten "wilden euthanasie-phasen" umfassend miteinbeziehen und mitdenken lernen, will man die gesamte ungeheuerlichkeit dieses geschehens überhaupt erfassen ... - auch bei den einschlägigen historikern gibt es dazu manchmal eigenartige "brüche" in den forschungen und bezeichnungen...  

man muss sich genau mit den umständen und den zusammenhängen und den akteuren all dieser aktionen auseinandersetzen, um für neue "übergriffe" und vielleicht subtilere "ausgrenzungen" - also wieder "exklusion" statt "inklusion" - in der gesellschaft zukünftig gewappnet zu sein ... - 

die diskussion um einen verbeulten lkw ist in dieser hinsicht sicherlich zu vernachlässigen ... - obwohl: er ist ja nicht nur mordwerkzeug gewesen - sondern seine bremsautomatik hat wohl auch leben gerettet ... S!