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Freitag, 10. Februar 2017

Freimut | Sebastian Schrader

Kreuzabnahme ohne Kreuz - aber mit Plastikbeutel








Bilder des Freimuts

Bislang kennen den Maler Sebastian Schrader nur wenige. Das sollte sich dringend ändern


Nein, er war nicht auf Krawall aus. Wollte nicht pinselspitz das nächstbeste Tabu aufspießen oder irgendwelche Dogmen niederreißen. So aber wurde er gleich gesehen: als Störenfried, ordnungszersetzend und vermutlich unbelehrbar. Denn was wollte Sebastian Schrader? Er wollte malen.

Wollte malen, wie ein Adolph Menzel, der eine Eisenbahn durchs Bild stieben lässt und die Farben seiner Landschaft aufwühlt, als wären die Wiesen schäumende Meereswogen. Solche Bilder, mit Lust nach der Welt ausgreifend, schwebten Schrader vor. Was für ein Affront!

Als er 2000 sein Studium in Berlin begann, galt die Malerei vielen im Kunstbetrieb als furchtbar démodé, ja kleinbürgerlich. Er wurde damals, sagt Schrader, seltsam angeschaut. Viele rieten ihm, wenn er denn unbedingt figürlich malen wolle, dann doch die Menschen auf seinen Bildern irgendwie zu verwischen. So viel Abstraktion müsse sein.

Heute hat sich die Sittenstrenge im Kunstbetrieb etwas verloren, allerdings, auf den Großschauen der Gegenwartskunst kommt die Malerei weiterhin kaum vor. Es sei halt schwierig, gab der neue Documenta-Leiter Adam Szymczyk zu Protokoll, »mit Gemälden etwas Bedeutungsvolles auszudrücken, ohne dass es gleich reaktionär oder marktgerecht erscheint«.

Ist Schrader reaktionär? Malt er marktgerecht? 

Natürlich, er kennt die Zweifel, kennt die Angst, nur Abziehbilder von Abziehbildern zu produzieren, weil doch alles schon gemalt zu sein scheint. Aber eigentlich, sagt er, hat mich das nie gekümmert. Ob ein Werk nun besonders klug ist oder irgendwie innovativ, wen interessiert das?

Schraders Bilder leben von seinem Freimut. Und dieser vor allem ist es, der seine Kunst weit hinaushebt über das, was in den deutschen Ateliers sonst üblich ist. Kaum ein anderer Maler seiner Generation geht so umsichtig und gewitzt ans Werk wie er. Der Markt allerdings wartet ab. Schrader hat seine Sammler, er hat die Galerie Reiter in Berlin, die gerade seine jüngsten Gemälde zeigt (bis zum 8. April; reitergalleries.com). Doch die Museen zögern, und so ist dieser erstaunliche Maler längst nicht so bekannt, wie er es mit 38 Jahren sein sollte.

Sebastian Schrader | Bildquelle
Andere rutschen ab in die Beliebigkeit des Ungefähren (wie Daniel Richter) oder ersticken am eigenen Perfektionismus (wie Michael Triegel). Schrader aber hält die Balance, greift arglos nach der Geschichte, borgt sich bei Caravaggio die grellen Bühnenstrahler, von Ribera die gewittrigen Effekte. Nie aber blickt er verklärend auf die Tradition. Weder nostalgische Ehrfurcht noch billige Ironie treiben ihn an, eher zeigen seine Bilder eine Begeisterung fürs Malen selbst: für das Schimmern, Funkeln, Glitzern, das starke Spiel mit dem Licht. Auch für das Hingetropfte, Abgewischte oder eine technisch virtuose Mimesis, für all die Möglichkeiten von Pinsel und Spachtel. Und natürlich für die Stimmungen, die ein guter Maler heraufbeschwören kann, von Melancholie bis bierseligem Überschwang.

Ein ernster Unernst durchzieht viele seiner Gemälde, so auch die Probe, auf dem einige Freunde das klassische Motiv der Kreuzabnahme nachstellen, sie üben sich in Nachempfindung, nur dass sie die Uniform der Gegenwart tragen, Sneakers und Kapuzenhemd. Eine Probe ist dieses Bild aber auch, weil Schrader hier viele Maltechniken durchspielt und es so offenporig hält, dass man das Gefühl hat, der Künstler werde vor unseren Augen gleich daran weiterarbeiten.

Schrader öffnet seine Gemälde dem Möglichen, er lässt Raum für das, was im Betrachter aufsteigen könnte, herbeifantasiert, bunt zusammenreimt. Nicht selten sind es halbe Traumbilder, und da sitzt dann ein Mann mit rotem Überwurf, hält in der rechten eine Flasche Bier, in der Linken einen Colt, und gerade hat er wohl abgedrückt, denn dort, wo er hinzielte, bricht ein schweres Farbenchaos aus – die schöne Ordnung, zerschossen.

Schrader mag es gerne ein wenig unsortiert. Wer ihn in seinem Atelier besucht, mitten im Wedding, auf dem Gelände eines alten Busbahnhofs, gerät in ein Reich eigenen Rechts, und ganz wie das Klischee es will, ist es angefüllt mit Pinseln, Tuben, zwei Gitarren, Modellautos und Bildbänden von Hammershøi, La Tour und anderen stillen Spannungsmalern. Hier ist er für sich, die Welt bleibt draußen, weggesperrt hinter Rollos und schwarzen Müllsäcken. So braucht er es, nur Neonlicht.

Viele seiner Bilder leben aus ewiger Nacht, sind aus einem Schwarz herausgemalt, das an nackte, dunkle Bühnen erinnert, auf denen Regisseur Schrader seine Szenen inszeniert, schön absurd, aber sattes Pathos nicht scheuend. In jüngster Zeit allerdings haben sich seine Bilder entvölkert, sind stiller, auch grauer geworden. Manchmal verschwinden seine Figuren unter knittrigen Jacken und zerknüllten Papieren, so als ginge Schrader selbst im Krimskrams verloren (schließlich ist er selbst sein bevorzugtes Modell). Nun durchflattert ein herrenloser Friesennerz die Finsternis, oder es scheint ein Schutzanzug mit sich selbst zu ringen, hoffnungslos im eigenen Ärmelgewirr verknotet. Zuletzt hat Schrader seine Kapuzenmänner immer wieder auf die kleine Kiefernbank gesetzt, die ganz real in seinem Atelier steht, halb verborgen unter geknautschten Tüchern.

Je beschränkter aber sein Personal wird, je stillgestellter die Erzählung, desto entfesselter scheint die Malerei zu werden. Wie Konfetti fliegen die Farbtupfen über den dunklen Grund, dazu gibt es neongrüne Spritzer oder auch tollkühn verschlungene Faltenspiele, die zuletzt allerdings unter geometrischen Formen fast verschwinden. Manchmal sieht es aus, als suchten die Figuren nach Schutz und Halt unter Kreisen und Rechtecken.

Schrader liebt die Tagträumer, ohne dass er selbst der Oblomow wäre, den er immer wieder gemalt hat. Jeden Morgen fährt er ins Atelier, und weil er lange braucht für jedes Bild, für sein Empfinden oft viel zu lange, geht er meist erst nach Hause, wenn er sich leer gemalt hat. Doch unverkennbar hat sich seine Malerei gewandelt, und war es zunächst ein seliges Herumtrödeln, ein Ich-werde-nicht-erwachsen-Gefühl mit Modellautos und Hubschraubern, das aus seinen Bildern sprach, so tritt nun eine Verlorenheit hervor, ein In-sich-selbst-Verknäultsein, das zu Schrader, der gern und aufgeräumt erzählt, nicht recht zu passen scheint. Seine frühen, üppigen Bilderbühnen hätten sich, sagt er, bestens verkauft, oft an irgendwelche reichen Sammler. Mit den Werken jetzt, in kontrollierter Wirrnis erschöpft, sei es schwieriger.

Wegdämmern und Dösen, Ausharren und Zurücklehnen – es ist auf jeden Fall die richtige Kunst für eine Gegenwart in Auflösung, die an den Menschen zupft und zerrt und ihnen nicht gestatten will, was nur Schrader ihnen gönnt: inmitten des großen Geflackers versunken zu sein, bewegungslos und bei sich selbst. Es sind Gegenbilder, aufregend ungeschönt, zweifelnd und weiter auf der Suche. Ein Vergnügen, sich von ihnen mitnehmen zu lassen, von Schraders Freimut angesteckt.

DIE ZEIT, Nr. 7 - S. 41

Link: ART
Link: HP des Künstlers

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