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Mittwoch, 1. Februar 2017

Lennart Nilsson: "Ein Kind entsteht" - oder: Ein Fötus schwimmt im Formaldehyd


"Ein Kind entsteht"

Fotograf Lennart Nilsson ist tot

Er wurde berühmt mit Fotografien von Embryonen, sein Bildband "Ein Kind entsteht" steht in vielen Wohnzimmern. Lennart Nilsson ist im Alter von 94 Jahren gestorben.

Quelle: ZEIT ONLINE, AFP, rav

Lennart Nilsson nach einer Fotografie 2009 aus WIKIPEDIA | Bearbeitung: S!|art


Der schwedische Fotograf Lennart Nilsson ist tot. Wie seine Familie der schwedischen Nachrichtenagentur TT sagte, starb er im Alter von 94 Jahren.

Internationale Berühmtheit erlangte Nilsson mit seinen Aufnahmen von werdenden Embryonen. Anfang der 1960er Jahre begann er, mithilfe von Endoskopen Aufnahmen im Mutterleib zu machen. Das New Yorker Magazin Life brachte Nilssons Bild eines in seiner Fruchtblase schwimmenden Embryos 1965 auf seiner Titelseite.

Der darauffolgende Band Ein Kind entsteht – eine Bilddokumentation über entstehendes Leben im Mutterleib – ist bis heute weltweit ein Bestseller. Darin findet sich auch das berühmte Bild eines Fötus, der an seinem Daumen zu lutschen scheint.


Nilsson hatte als Kriegs- und Porträtfotograf begonnen. Bereits in den 1950er Jahren wandte er sich der Fotografie mit optischen Makrospezialgeräten zu. 1959 veröffentlichte er ein vielbeachtetes Werk über Ameisen.

Ab den 1970er Jahren stellte Nilsson sein Wissen in den Dienst des Stockholmer Karolinska-Instituts, das alljährlich die Wissenschaftsnobelpreise verleiht. Er sei nur "ein vom Menschen faszinierter Fotograf", pflegte Nilsson zu sagen.



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... und wie überall: die kehrseite der medaille:


Bilder des ungeborenen Lebens
Von Irene Meichsner | deutschlandradio kultur


Vor 50 Jahren zeigte das amerikanische Magazin "Life" erstmals Fotos menschlicher Embryos. Bis heute hinterlassen die Bilder einen nachhaltigen Eindruck: Weil der schwedische Fotograf Lennart Nilsson das ungeborene Leben ästhetisch inszenierte.

"Wie soll man nicht an die Existenz Gottes und die Allmacht des Schöpfers glauben, wenn man Lennart Nilssons betörend schöne Fotos gesehen hat?"

So wie dieser Mann aus Chicago reagierten viele Leser auf die ersten Farbbilder von menschlichen Embryos, die das amerikanische Magazin "Life" am 30. April 1965 veröffentlichte. Nur wenige waren so schockiert wie diese Leserin aus Philadelphia:

"Jede amerikanische Frau, die noch einen Rest von Anstand oder Gefühl für ihre persönliche Intimsphäre besitzt, sollte Sie verklagen!"

Gestochen scharfe Aufnahmen

"Life" hatte die Geschichte als "Drama des Lebens vor der Geburt" inszeniert, die gesamte Auflage von acht Millionen Exemplaren war binnen weniger Tage ausverkauft. Das Titelbild zeigte einen 18 Wochen alten Fötus in seiner Fruchtblase - gestochen scharf, fast transparent, vor einem dunklen Hintergrund, der an einen Sternenhimmel erinnerte.

"Ganz allein schwebt er im Raum, ausgetopft aus dem Inneren einer Frau", schrieb die Medizinhistorikerin Barbara Duden, für die dieser ans Licht der Öffentlichkeit gezerrte Fötus den "Prototyp des beziehungslosen Individuums" und damit auch eine neue Form der "Weltdeutung" repräsentierte.

"Wie ein Astronaut hängt er in seiner Kapsel und ist nur durch die Nabelschnur am Versorgungssystem der Plazenta angeschlossen. So verkörpert er nicht nur ein hilfsbedürftiges, sondern vor allem ein belieferungs- und versorgungsbedürftiges Menschenwesen."

Föten aus legalen Abtreibungen

Was viele heute nicht mehr wissen, obwohl es "Life" seinerzeit gar nicht verschwieg: Die meisten dieser hoch ästhetischen Fotografien täuschten "Leben" nur vor. Die abgebildeten Föten stammten aus legalen Abtreibungen oder sogenannten extrauterinen Schwangerschaften, bei denen sich die befruchtete Eizelle außerhalb der Gebärmutterschleimhaut einnistet und die deswegen abgebrochen werden mussten.

"Wenn wir eine Eileiterschwangerschaft hatten und wir das Herz noch im Ultraschallbild schlagen sahen, dann haben wir Lennart angerufen. Vielleicht in einem von zehn Fällen sah der Fötus gut aus, was die äußere Gestalt angeht. Und dann fotografierte Lennart den Fötus im Operationssaal, wenn er gerade frisch herausgenommen worden war", erzählte der schwedische Gynäkologe Lars Hamberger.

Er schrieb auch den Text zu dem Bildband "Ein Kind entsteht", den Nilsson ebenfalls 1965 veröffentlichte. Das Buch - inzwischen mehrfach überarbeitet und in über 20 Sprachen übersetzt - hat unzählige Frauen durch die Schwangerschaft begleitet.

Aber wie war Nilsson auf die Idee gekommen, Embryos zu fotografieren? Hintergrund war eine Liberalisierung des schwedischen Abtreibungsrechts Anfang der 50er-Jahre. Nilsson, damals schon ein bekannter Pressefotograf, wurde für einen Artikel über Abtreibungsgegner unter Ärzten und Wissenschaftlern engagiert.

"Wir besuchten Professor Axel Ingelmann-Sundberg, damals Chefarzt im Sabbatsbergs-Hospital. Er lieh uns einen Embryo, der zu Lehrzwecken verwendet wurde. Er hatte jahrelang in Formaldehyd gelegen. Ich machte Großaufnahmen und war überrascht, dass Embryos in einem so frühen Entwicklungsstadium schon so menschlich, so weit entwickelt waren. 1964 machte ich auch als erster auf der ganzen Welt im Danderyds-Hospital ein endoskopisches Porträt eines Fötus, lebendig im Uterus der Mutter."


Niedlich - dieser Fötus-Leichnam - Foto: Lennart Nilsson - Quelle: fotografiska.eu


Als Leichenschau kritisiert

Tatsächlich hatte die hohe Kunst aber vor allem darin bestanden, tote oder sterbende Embryos so lebendig wie möglich aussehen zu lassen.

"Ich lernte, wie sich das Licht in Wasser bewegt. Das meiste Licht kommt von oben."

Barbara Duden sprach von einer "Hochglanzleichenschau". Nilssons Bilder von menschlichen Embryos wurden zum allgemeinen Kulturgut. Das Wissen um ihre Herkunft habe selbst Abtreibungsgegner nicht daran gehindert, sich ihrer Symbolkraft zu bedienen, schreibt die schwedische Kultur- und Medienwissenschaftlerin Solveig Jülich.

Stanley Kubrick ließ am Ende seines Films "2001 - Odyssee im Weltraum" einen Embryo in seiner Fruchtblase auf die Erde zurückblicken. Zwei der legendären Fotografien erreichten an Bord der Raumsonden Voyager 1 und 2 inzwischen den Rand unseres Sonnensystems. Sie wurden auf Speicherplatten mit Informationen über die Menschheit verewigt - ein Gruß von der Erde an extraterrestrisches Leben.

Dr. h.c. Lennart Nilsson (Fotograf, Wissenschaftsjournalist) mit einer Endoskopkamera - er machte als erster Aufnahmen von Embryos im Mutterleib (imago / teutopress)

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unsichtbares sichtbar machen - das faszinierte in den 60er/70er jahren - gerade wenn es um das ungeborene leben ging. denn so "anmutig" solche fotos auf unseren beschützerinstinkt auch wirken - so wurden sie vor allen dingen von den abtreibungsgegnern auch propagandistisch ausgenutzt - mit einer ungeheuren aggressivität ... - 


und wer weiß, wann in den usa auch dazu wieder diese debatte losgetreten wird bei einer solchen regierung: die organisation "planned parenthood" bekommt künftig keine staatlichen gelder mehr aus den usa: der neue präsident hat in einer seiner ersten amtshandlungen die zuschüsse für die internationale sektion und andere organisationen gestrichen, die im ausland frauen in familienfragen beraten und dabei auch abtreibungen als optionen nennen.

der neue sprecher des weißen hauses sagte, diese entscheidung sollte niemanden überraschen: "ich denke, der präsident hat kein geheimnis daraus gemacht, dass er ein "pro-life"-präsident sein wird." die regierung sichere damit nicht nur das leben von ungeborenen, sondern spare auch steuermittel, die im ausland für dinge ausgegeben worden wären, "die den werten dieses präsidenten entgegenlaufen". und das foto der unterzeichnung zeigt, wie ausschließlich männer am schreibtisch des präsidenten über frauen bestimmen – und sich dabei auch noch freuen ...

diese kontroversen entwicklungen insgesamt wurden sicherlich leider auch mit den handwerklich tollen bildern von lennart nilsson losgetreten und befeuert, und der ja tragischerweise tatsächlich mit den manipulierten fotos von abgetriebenen föten diese werke "schoss" für eine reportage zu schwedischen abtreibungsgegnern ...: die ach so süßen hochglanz-anti-abtreibungs-plakate der entsprechenden organisationen stammten also gar nicht aus dem mutterleib, sondern waren aufnahmen von abgetriebenen toten föten ...

also kritisch gesehen war lennart nilsson ein ganz besonderer sensations-paparazzi, der sich nicht scheute, mit totem gewebe lebendige embryos vorzutäuschen, um der sensation willen - ethisch war und ist das schon grenzwertig ...: manches unsichtbare sollte vielleicht auch als ein geheimnis unsichtbar bleiben ... S!