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Montag, 27. Februar 2017

Martin Lüttge ist tot


Der "grüne" Volksschauspieler Martin Lüttge ist tot ...

von Peter Jungbluth | NDR



Martin Lüttge, dem breiten Fernsehpublikum besser bekannt als Tatort-Kommissar Bernd Flemming, ist am vergangenen Mittwoch im schleswig-holsteinischen Plön gestorben. Der gebürtige Hamburger, der zuletzt in Seedorf im Kreis Segeberg lebte, wurde 73 Jahre alt.

Martin Lüttge nach einer Fotobearbeitung von S!NED!

Bühne und Leben - beides musste für ihn immer zusammenpassen. Glaubwürdigkeit war ihm daher am wichtigsten. Martin Lüttge wollte vor allem ein aufrichtiger, ehrlicher Charakter sein - und das ist ihm geradezu vorbildlich gelungen.

Erfindung des Zelttheaters war die größte Rolle

Konsequent wie wenige andere verabschiedete er sich schon in den 70er-Jahren vom Staatstheater und zog fortan mit einem Zelt und einer freien Truppe durch Deutschland. Die Erfindung dieses Zelttheaters und die Zusammenarbeit mit den Schauspielern bezeichnete er selbst als seine größte Rolle und die intensivste Erfahrung seines Lebens.

Der Theaterhof Priessenthal in der Nähe des oberbayerischen Burghausen wurde dem gebürtigen Hamburger Martin Lüttge zur Heimat. Dort, auf einem versteckten Öko-Bauernhof, lebte er mit seinen Schauspielkollegen und schrieb moderne Volksstücke, die immer auch einen politischen Anspruch hatten und nie betulich waren. Dem volkstümlichen Theater warf er vor, "dass die Storys einfach so dämlich sind. Es kann ja gern eine Verwicklungsgeschichte sein, aber wenn sie an den entscheidenden Momenten einfach nicht stimmt, sondern einfach irgendwas behauptet wird, was Menschen nie tun, nur um eine seichte Schlusspointe hinzukriegen, dann finde ich das ein bisschen gemein, weil die Menschen sich doch im Theater einlassen."

Nachfolger von Götz George im Tatort

Szene aus dem Spielfilm "Der Lord von Barmbeck": Martin Lüttge als Julius Adoilf Petersen  1973 stand Martin Lüttge als Einbrecherkönig Julius Adolf Petersen, bekannt als "Lord von Barmbeck", vor der Kamera.
Das breite Publikum kannte Martin Lüttge natürlich als Tatortkommissar Bernd Flemming. 15 Mal stand er für den WDR in Düsseldorf vor der Kamera, als Nachfolger von Götz George. "'Was für eine Figur könntest du dir vorstellen', wurde ich gefragt", erinnerte er sich später daran. "Da habe ich gesagt, dass ich eine bestimmte Art von Krimis überhaupt nicht mag: reine Action und Geballer und Angstmache. " Seine Figur solle dagegen etwas Bodenständiges und Normales haben und sich psychologisch an einen wirklichen Polizisten anlehnen, so Lüttge.

Als junger Mann ging Martin Lüttge Ende der 50er-Jahre nach England, wo er auf einem Kälbermasthof arbeitete. Doch rasch begeisterte er sich für die Schauspielerei. In München ließ er sich professionell ausbilden und wurde Mitte der 60er-Jahre für Film und Fernsehen entdeckt. Eine seiner ersten Rollen war ein Tresorknacker in der Serie Hafenpolizei. Als Einbrecherkönig Julius Adolf Petersen stand er 1973 in dem Film "Der Lord von Barmbeck" vor der Kamera.

Rechtschaffen und prinzipientreu wie wenige

Einfühlsam brachte Martin Lüttge auch die Gebrüder Grimm auf die Bühne. Zutiefst rechtschaffene, etwas dröge Germanistikprofessoren, die erst durch die politischen Umstände zu Kämpfern für Rechtsstaatlichkeit und freie Meinungsäußerung wurden. Aufrichtigkeit war auch hier das zentrale Anliegen. "Wir halten uns für Mitbegründer der Grünen", so Lüttge. "Das war ja die gleiche Bewegung damals und wir sind dabei geblieben."

Wenige hielten so konsequent an ihren politischen Prinzipien und an ihrer Lebenseinstellung fest wie dieser Schauspieler, dem jeder Fanatismus völlig fremd war. Das machte Martin Lüttge daheim in Priessenthal zu einem ausgesprochenen Sympathieträger. Er konnte ein ganzes Dorf von sich überzeugen und das ist allemal schwerer als ein Staatstheaterpublikum zu begeistern.

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... und ein dankbarer Rückblick auf Erika Lüttge - die Mutter

Ich habe in Bethel in den 70-er Jahren Erika Lüttge, geborene von Delius (1915–1997) erleben dürfen - die Mutter von Martin Lüttge.  
Erika Lüttge war eine musisch äußerst begabte und durchsetzungsfähige und wahrhaft emanzipierte Frau, die als gelernte Krankenschwester damals ein Haus für schwerst-mehrfachbehinderte Menschen in Bethel leitete. 
Sie verkörperte noch eine "Hausmutter", die es heutzutage gar nicht mehr gibt. Heimleitung - Hausleitung - war damals gerade auch für "Gesundheits- und Krankenpflegerinnen" eine gesellschaftlich hoch angesehene Berufung - und integere persönlichkeitsstarke Frauen strebten hier eine geradezu unternehmerische Leitungsrolle an, in der sie auch ihre persönlichen Stärken schöpferisch mit einbringen und ausleben und verwirklichen wollten und konnten - je nach persönlichem Gusto und organisatorischer Einordnung und Spielraum ...  -  eine Möglichkeit gesellschaftlicher Emanzipation für die Frau. 
Hier hatte sich Erika Lüttge sogar gegen die ansonsten dominierenden Diakonissen und Diakone durchzusetzen. 
Heutzutage hat das oft männlich dominierte Management mit klarer Rollenzuweisung diese schöpferischen Anteile durch verakademisierte inzwischen zwingend geforderte Ausbildungsniveaus drastisch zusammengestrichen und eigentlich zu einem reinen Verwaltungsjob reduziert. Aus "Künstlerinnen" wurden  vielleicht  noch "Fach-Ingenieurinnen"...: Gerade auch das Haus, was damals von Erika Lüttge geleitet wurde, ist heute nur der Teilbereich eines umfassenderen Wohnverbundes, der eine persönlich geprägte Rollendifferenz gar nicht mehr zulässt. Die tagesstrukturierenden Kreativ-Angebote sind größtenteils an die "WfbM" abgetreten... 
Ob das ein gesellschaftlich "inklusiver" Fortschritt ist durch seine akademische Ausbildungs-Niveau"aufwertung" allerorten - oder eher ein als "Hirarchieverflachung" oder als "Besinnung auf die Kerngeschäfte" verkaufter besonders auch kosteneinspar-relevanter Kontrollmechanismus, sei mal dahingestellt ...
Auf alle Fälle hat Erika Lüttge schon damals diesen heute allgegenwärtigen Begriff "Inklusion" ganz praktisch ohne großes Bamborium gelebt - nach heutigen Maßstäben vielleicht ein wenig autoritär noch - aber sie hat so gegen viele anstaltsinterne Hürden in ihrem Haus auch für diese stark eingeschränkte Bewohnerschaft Möglichkeiten der sinnvollen kreativen Betätigung geschaffen - und personelle Ressourcen dafür eingesetzt - und somit verbindlich mit in den Tagesablauf integriert - was damals noch ein Novum war. 
Sie hat persönlich mit den stark gehandicapten meist epilepsiekranken und verhaltensgestörten Menschen mit großer Akribie z.B. sogar auch kleine Theaterstücke "nach allen Regeln der Kunst" eingeübt - was alles heutzutage zumeist zu der eintönigen Serienfertigung in einer "Werkstatt für behinderte Menschen" (offizielle Abkürzung: WfbM - s.o.) "eingedampft" wurde - mit vielleicht noch winzigkleinen kreativen Nischen, die in dieser inzwischen neoliberal marktorientierten Gesellschaftsstruktur nicht mehr als "genügend lukrativ" gelten - denn außer einem "Werkstattladen" und einem "Weihnachtsmarkt"-Angebot und der kunst-musealen Nische der "Art Brut" bleibt da nichts ... Zumeist ist damit aber von einer gesellschaftlichen "Eingliederungshilfe" im weitesten Sinne nur noch wenig zu spüren. 
Ich erinnere eine Situation, als Erika Lüttge den regelmäßigen von ihr nicht ganz so wichtig bewerteten Leitungs-Facharbeitskreis absagte und stattdessen eine "Generalprobe" für ein "Schauspiel" im Rahmen des nächsten Elterntages in ihrem Haus als "viel wichtiger und unaufschiebbar" den Vorzug gab ... 
Für mich eine unvergessliche Frau und Persönlichkeit - und im Zuge ihres Agierens traf ich auch einmal - damals noch ganz unscheinbar und zufällig - auf den Sohn Martin Lüttge, der seine Mutter gerade besuchte - und dem man in den Gesichtszügen seine "Sohnschaft" durchaus ansah - dem ich beim gemeinsamen Herausgehen die Haustür aufhielt ... 
Erst viel später wurden mir die Zusammenhänge dann klar - und wem ich da in diesem Augenblick die Tür aufgehalten hatte ... S!