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Freitag, 10. Februar 2017

Sprache lebt: TRUMP, SCHULZ & DER NEGERKUSS



Bearbeitung einer OriginalGraphic: PIXELLEO/FOTOLIA - PublikForum
Trump, Schulz und der Negerkuss

Worte bergen eine enorme politische Sprengkraft in sich, sagt die Linguistin Elisabeth Wehling. Sie erklärt, wie Sprache unser Denken und Handeln prägt und warum sie im Konflikt mit Rechtspopulisten besonders wichtig ist

Publik-Forum: Frau Wehling, Sie haben Donald Trump das Sprachvermögen eines Grundschülers attestiert. Ist der Mann wirklich so dumm?

Elisabeth Wehling: Nein, das ist Kalkül. Er kann auch anders sprechen, aber er nutzt die Sprache eines Viertklässlers. Mit einfachen Worten erreicht man die Menschen direkt – übrigens nicht nur die weniger Gebildeten, sondern alle Menschen. Das weiß Donald Trump. Er orientiert sich an Frames.

Was sind denn Frames?

Wehling: Frames sind Deutungsrahmen, die unser Gehirn aktiviert, wenn Sie ein bestimmtes Wort hören oder lesen. Ein Frame speist sich aus Ihrer Welterfahrung. Wenn Sie zum Beispiel »Feuerzeug« lesen, rekrutiert Ihr Gehirn alles, was Sie dazu abgespeichert haben: Gerüche, Geräusche, Gefühle, auch die prototypische Bewegung, die Sie ausführen, wenn Sie ein Feuerzeug benutzen.

Wo liegt das Problem?

Wehling: Ein Problem ist das zunächst nicht. Man sollte nur wissen: All das wird automatisch abgerufen, ohne dass es uns bewusst ist. Und die Denkrahmen, die Ihr Gehirn abruft, wenn Sie ein Wort hören, prägen Ihre Wahrnehmung ganz entscheidend. Nehmen wir das Thema Umwelt: Das progressiv-politische Spektrum betont, wie wichtig es sei, die Erde zu schützen – aber die Sprache versagt ihnen oft. Zum Beispiel »erneuerbare Energien«: Das impliziert, dass zuvor Schaden genommen wurde. Denn was erneuert werden muss, ist vorher abgenutzt worden. Das ist aber komplett irreführend. Wenn Sie erneuerbare Energie befürworten, sollten Sie also eher von sauberen Energien sprechen.

Warum sollten wir Begriffe wie Flüchtling oder Klimawandel aus unserem Vokabular streichen?

Wehling: Die Endung -ling ist oft negativ besetzt, sie macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Außerdem, das ist wichtiger, ist das Wort im Deutschen männlich. Wir assoziieren also stereotype männliche Merkmale und blenden Frauen und Kinder schnell aus. Besser ist es, von Geflüchteten zu sprechen, oder von der flüchtenden Frau, dem flüchtenden Mann. Und der Klimawandel … ein Wandel ist nichts Negatives, es wandelt sich ja alles. Die moralische Dringlichkeit wird so nicht begreifbar gemacht. Ähnlich verhält es sich mit »Erderwärmung«. Wärme wird von den meisten als positiv empfunden. Und »Erwärmung« ist in der Alltagssprache ein emotionales Konzept: Ich erwärme mich für einen Menschen, eine Idee. Wer der Meinung ist, dass die Umwelt und damit auch wir Menschen wirklich in Gefahr sind, der sollte lieber von Erdüberhitzung reden.

Übertreiben Sie da nicht ein bisschen? Ist es nicht müßig, sich neue Worte auszudenken?

Wehling: Die Begriffe, die wir verwenden, führen uns oft gedanklich auf die falsche Fährte. Dann assoziiert unser Gehirn damit Dinge, die gar nicht gemeint sind. Zum Beispiel lesen Sie »Flüchtling hat Terroranschlag begangen«. Wirklich? Oder hat sich nicht vielmehr ein Terrorist als Geflüchteter getarnt? Das ist ein großer Unterschied, der Auswirkungen auf unser Denken hat. Das Wort »Tarnung« ist der passendere Frame. Die Macht der Sprache wird massiv unterschätzt. Andere Worte zu wählen bedeutet eine andere Wahrnehmung, andere Denkmuster, ein anderes Verhalten.

Was ist falsch daran, wenn eine linke Flüchtlingsaktivistin sagt, dass sie Obergrenzen für Geflüchtete ablehnt?

Wehling: Faktisch ist das nicht wirklich falsch, aber sie nutzt damit ein Sprachbild, das ihre eigene Sicht auf die Dinge nicht wiedergibt. Denn unser Gehirn kann Verneinungen schlecht verarbeiten. Wenn ich also mit Blick auf Zuwanderung sage: »Das Boot ist nicht voll«, bleibt trotzdem das Bild eines vollen Bootes hängen. Zurück zu den Obergrenzen: Damit verbindet das Gehirn den Frame Raum, Platz. Es ist nicht genügend Raum da, was stellvertretend für Ressourcen steht, also nicht genügend Platz in der Bildung, in der Arbeit, bei der Krankenversorgung. Das ist ein Blickwinkel, der nationales Eigeninteresse in den Fokus stellt. Diese Sichtweise ist natürlich legitim, die Frage ist nur, ob eine linke Aktivistin dieses Weltbild teilt. Wohl kaum.

Was sollte sie denn stattdessen sagen?

Wehling: Sie könnte von einer Untergrenze sprechen. Das stellt die Menschlichkeit in den Vordergrund. Wie viele Menschen müsste Deutschland denn mindestens aufnehmen, um seiner moralischen Verpflichtung gerecht zu werden? Und statt ständig von Flüchtlingskrise zu reden, könnte man auch von einer Aufnahmekrise sprechen, oder von einer Solidaritätskrise, die wir ja innerhalb Europas haben. Und schon ändert sich der Blickwinkel.

Einige dürften von dieser »Political Correctness« genervt sein. Wieso soll ich nicht mehr sagen dürfen, was ich will?

Wehling: Zunächst einmal: Der Begriff »Political Correctness« wurde von einem konservativen »Thinktank« erfunden, um die Idee ins Lächerliche zu ziehen, dass man menschlich und moralisch handelt und mit anderen Menschen respektvoll umgeht. Man muss sich als progressiv gestimmter Mensch nicht davon irritieren lassen, dass einem die Gegenseite Political Correctness vorwirft. Ich denke aber, dass es keinen Aufschrei gäbe, wenn wir beginnen würden, von einer Aufnahmekrise statt einer Flüchtlingskrise zu sprechen. Und wenn doch, muss man das aushalten.

Eine »Man wird ja wohl noch sagen dürfen-Haltung« ist aber weit verbreitet

Wehling: Ja, das ist ein Totschlagargument. Wenn Menschen das Gefühl haben, man verbietet ihnen das Wort, fühlen sie sich in ihrer Identität angegriffen. Es darf nicht von oben bestimmt werden, was gesagt werden darf und was nicht. Ich möchte dazu anregen, dass jeder Einzelne im Freundeskreis oder mit Kollegen darüber diskutiert, was bestimmte Worte transportieren und was man stattdessen sagen könnte. Ihre Bekannte findet es lächerlich, dass sie nicht mehr »Negerkuss« sagen soll? Fragen Sie doch mal nach, was ihr Weltbild ist: »Denkst du, dass Menschen nicht gleichwertig sind – oder ist dir gar nicht bewusst, dass du genau das mit dem Wort ›Neger‹ transportierst?« Wer für ein menschliches Weltbild wirbt, sollte das mit aller Klarheit und Deutlichkeit tun. Unsere Sprache ist zu wichtig, als dass wir sie einfach vernachlässigen könnten.

Kann man denn »von unten« die Sprache revolutionieren?

Wehling: Natürlich! Das beginnt mit dem Gespräch in der Kneipe, beim Frisör, während der Taxifahrt oder beim Elternabend. Diese Diskussionen prägen das kollektive Denken mehr als jede Politikerrede.

Apropos Politiker: Besteht nicht die Gefahr, dass Populisten noch mehr Zulauf bekommen, wenn Politiker neue Begriffe einführen und gestelzt und abgehoben sprechen?

Wehling: Es geht eben gerade nicht darum, gestelzt zu sprechen! Im Gegenteil: Es ist wichtig, dass Politiker ihr Weltbild und die Werte, die dahinterstecken, klar vermitteln. Was steckt denn hinter dem Begriff »Gerechtigkeit«? Dass alle das bekommen, was sie verdienen? Oder dass alle das erhalten, was sie brauchen? Oft wird die eigene Ideologie durch Sprache verschlüsselt oder abgeschwächt, indem Sprachbilder der politischen Gegner übernommen werden – zum Beispiel das Boot, das nicht voll ist.

Die SPD hat mit Martin Schulz einen Spitzenkandidaten ernannt, der eine kernige Sprache spricht. Kommt das an?

Wehling: Ich denke, dass die SPD mit Martin Schulz gute Chancen hat. Er spricht so, wie ihm der Mund gewachsen ist, und wirkt dadurch authentisch.

In einem Interview sagten Sie, die Menschen verließen sich bei Wahlentscheidungen primär auf ihr Bauchgefühl. Sind Emotionen im Wahlkampf also wichtiger als Fakten?

Wehling: Das kann leicht so missverstanden werden. Ich meine mit Bauchgefühl nicht in erster Linie Emotionen, sondern eher eine Art moralischen Kompass – das Weltbild, das den eigenen Entscheidungen zugrunde liegt. Die Ansicht, Menschen handelten rational und vernunftgesteuert, wenn man nur alle Fakten auf den Tisch lege, hält sich hartnäckig. Doch damit hinken wir den Erkenntnissen der Hirnforschung hinterher. Die zeigen, dass in politischen Debatten nicht Fakten bedeutend sind, sondern die Frames, also die gedanklichen Deutungsrahmen. Es ist deshalb höchste Zeit, unsere Naivität gegenüber der Bedeutung von Sprache in der Politik abzulegen.

Nutzen Populisten die Sprache besser als die etablierten Parteien?

Wehling: Ja. Das stimmt leider. Wobei ich das Wort »Populisten« verharmlosend finde. Das sind oft Neofaschisten; zumindest übernehmen sie ganz gezielt eine faschistische Rhetorik, wie ja die Debatte um Björn Höcke gezeigt hat. Nun ist nicht jedes AfD-Mitglied ein Sprachgenie, aber die Parteispitze ist gut darin, Framing-Strukturen zu schaffen, die ihr Weltbild klar vermitteln. Sie kommen bei den Menschen an, weil sie nah am Alltag sind. SPD, CDU & Co. müssen da mithalten können: Wer Wählerinnen und Wähler erreichen will, muss die Frames kennen, um das eigene Weltbild richtig zu kommunizieren.
Interview: Elisa Rheinheimer-Chabbi





Elisabeth Wehling, geboren 1981, ist Linguistin und Kognitionsforscherin. Sie forscht an der University of California in Berkeley. 2016 erschien ihr Bestseller »Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht«. Halem. 226 Seiten. 21 €

aus: PublikForum 03/2017 - S. 20/21