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Dienstag, 21. Februar 2017

von solchen dingen singen ... raoul schrott und die geschichte der welt


Vincent van Gogh: Sternennacht, 1889, 74 cm x 92 cm, Museum of Modern Art (MoMA), Öl auf Leinwand

Vor etwa 13,82 Jahrmilliarden entstand aus reiner Energie das Universum. In einem unfassbaren Moment stellten sich die Bedingungen für Materie ein. Nach 380.000 Jahren bildeten sich stabile Atome. Dann vergingen noch einmal einige Millionen Jahre, bis Sterne erstrahlten. Irgendwann war pflanzliches, tierisches und sehr viel später auch menschliches Leben da, das, gemessen an kosmischen Dimensionen, nicht einmal einen Wimpernschlag lang dauert. Raoul Schrott hat das unmögliche Unterfangen gewagt, in seinem Epos "Erste Erde" diese Geschichte der Welt "vom Urknall bis zum Menschen" ohne Metaphysik und Religion poetisch zu entfalten. Seine Erde wird von chemischen Elementen und Prozessen regiert, von physikalischen Gesetzen und biologischen Bedingungen, nicht von unserem eingebildeten Willen oder unserer beschränkten Vorstellungskraft. Wie aber soll man "von solchen dingen singen"? - 

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tja - bei der lektüre dieser buchbesprechung werde ich den verdacht nicht los, als sei das reine verlags-pr: um auf ein ziemlich aufwendig gestaltetes epos aufmerksam zu machen, das mit 848 seiten und dem verkaufspreis von 68,00 uro vielleicht etwas zu üppig gestaltet wurde, nur um das "nichts" oder zumindest die bedeutungslosigkeit unseres soseins zu beschreiben - und wie es dazu gekommen ist ...: alles schön sogar in verse geschmiedet und mit großartiger graphic und typography versehen ...

aber um der aussage einigermaßen gerecht zu werden, hätte es einer auch preislich barrierefreieren und einfacheren aufarbeitung bedurft, um "diese geschichte der welt "vom urknall bis zum menschen ohne metaphysik und religion poetisch zu entfalten". 

bibeln sind ja gemeinhin mit goldschnitt und ledereinband und gemälde-reproduktionen ausgestattet - die erde des raoul schrott aber "wird von chemischen elementen und prozessen regiert, von physikalischen gesetzen und biologischen bedingungen, nicht von unserem eingebildeten willen oder unserer beschränkten vorstellungskraft". 

aber wenn dem so ist - wie kommen dann von einem autor 848 seiten zustande, aus seinen recherchierten einbildungen und seiner poetischen vorstellungskraft ???

und natürlich ist in dem epos gott tot - sogar mausetot - ... - und selbst unser ehrfürchtiges staunen vor all der sternenpracht und unsere lust am leben - und unsere dankbarkeit dafür, dass es uns und den herrn autor raoul schrott gedanklich erfassbar überhaupt gibt ...

denn "sonnenstaub also sind wir – aus stoff der in sternen entstand" - das wird ja inzwischen schon in schlagern besungen und ist unstrittig - das dergestalt pulverisierte "ich" mag sich als seele auffassen, mag mit stolz auf seine zivilisatorischen leistungen oder seine arbeit blicken, eigentlich aber lässt es sich auf einen rohstoffwert von etwa 40 cent reduzieren: "mein körper die zwei kilo asche die von mir übrigbleiben: vom kohlenstoff über spuren von blei und gold bis zum radium".

wer - um gottes willen - zahlt dafür diese von schrott errechneten 40 cent schrottwert ... eines tages ...??? - und was ist das für ein inflationärer tausch: 68 uro hinzublättern, um vorgerechnet zu bekommen,das unsere materiellen überbleibsel gerade mal 40 cent wert sind ...

ach ja: gott ist ja mausetot - und alle theologie sowieso - und alle fragen: woher kommen wir? wer sind wir? wohin gehen wir? usw. sind mit raoul schrott's buch nun endlich beantwortet: 68 uro für 848 seiten - immerhin ... - und wir erfahren unsere randständigkeit, unser nichts, unsere zufallsentstehung - einmal und nie wieder ... is klar ...

aber der mensch fragt ja immer weiter, lieber herr schrott: wer oder was hat diesen urknall provoziert, woher kommt diese ursprungsenergie - und warum schöpfte es mich aus all dem chaos nach abermilliarden jahren so heraus, dass ich in der lage bin, über das buch von einem gewissen raoul schrott nachzudenken ... ???
schwimmen zwei junge fische des weges und treffen zufällig einen älteren fisch, der in die gegenrichtung unterwegs ist. er nickt ihnen zu und sagt: »morgen jungs. wie ist das wasser?« die zwei jungen fische schwimmen eine weile weiter und schließlich wirft der eine dem anderen einen blick zu und sagt: »was zum teufel ist wasser?« (parabel von david foster wallace)
wer mitten im paradies ist, wird es nicht vermissen - und wer sich im reich gottes längst seit milliarden jahren befindet, wird es auch nach langem suchen kaum finden: "das reich gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren zeichen erkennen könnte. man kann auch nicht sagen: seht, hier ist es!, oder: dort ist es! denn: das reich gottes ist schon mitten unter euch ... (lukas 17, 20-21): mit urknall und sternenstaub und allem drum und dran ... S!

"Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?", Paul Gauguin, 1897–98, Museum of Fine Arts, Boston, 139,1 × 374,6 cm, Öl auf Leinwand


ns.:"woher kommen wir? wer sind wir? wohin gehen wir?", zählt heute zu den bekanntesten gemälden paul gauguins und ist eines der wichtigsten werke des symbolismus