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Samstag, 1. Juli 2017

NS-"Euthanasie" trifft nach über 70 Jahren auf "gesunden Menschenverstand" -

Symbolische Situations-Illustration

NS-"Euthanasie" trifft nach über 70 Jahren auf "gesunden Menschenverstand" - 

  • Skizze aus einer Förderschule ...
  • Vorstellung eines Einzel-Opferschicksals der NS-"Euthanasie"

Über 160 Schülerinnen und Schüler mit Körperbehinderungen, Beeinträchtigungen des Lernens durch Bewegungs- und Wahrnehmungsstörungen sowie Mehrfachbehinderungen bekommen in der Albatros-Schule in Bielefeld-Senne eine besondere auf ihre jeweilige Beeinträchtigung zugeschnittene Förderung.

Im Vordergrund steht die Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und den Therapeuten und Therapeutinnen einer angegliederten Abteilung für Ergotherapie und Krankengymnastik sowie das Lernen und Leben im Ganztagsunterricht in kleinen Klassen nach individuellen Förderplänen.

So können größtenteils auch Schüler mit schweren Mehrfachbehinderungen in das Unterrichtsgeschehen und den Schulalltag integriert werden. Sie erleben gemeinsamen Unterricht, Spiel, Mahlzeiten, Pflege, Selbstständigkeitstrainig und therapeutische Behandlung. In den Klassen arbeiten Sonderschulkräfte und Fachlehrerinnen als Team, das zeitweise unterstützt wird von einer Kinderpflegerin, Krankenschwester oder "Bufdis" (Bundesfreiwilligendienstleistende) bzw. jungen Menschen im Freiwilligen Sozialen Jahr.

Jeweils 9 - 12 Schülerinnen und Schüler bilden eine Klassengemeinschaft und haben zusätzlich zum Klassenraum auch einen Förderraum für individuellen Unterricht, Spiel, Mahlzeiten oder Ruhephasen zur Verfügung. Neben einigen Therapieräumen für Ergotherapie, Psychomotorik, Krankengymnastik benutzen die Schüler auch ein Therapieschwimmbad, einen Werkraum, Musikraum und eine Lehrküche.

Auf Einladung der Lehrerin, Frau Rohe-Peitzmann, besuchte ich nun eine Abschlussklasse dort, die sie mit einer weiteren Lehrkraft, Herrn Palm, und zwei Unterrichtshelfern betreut: Eine Klassengemeinschaft, bestehend aus 11 jungen Männern und einer jungen Frau im Alter von 17-18 Jahren mit unterschiedlichen multiplen kognitiven Handicaps oder auch Mehrfachbehinderungen.

Symbolische Situations-Illustration

Ich hatte mich auf diesen Besuch besonders vorbereitet, denn ich sollte dort vom "Euthanasie"-Opfer-Schicksal meiner Tante Erna Kronshage (1922-1944) berichten, wobei mir Frau Rohe-Peitzmann schon in der Einladung ja mitgeteilt hatte: "Das Thema 'Euthanasie' stellt für diese Schülergruppe natürlich eine besondere Herausforderung dar, da sie in der NS-Zeit ebenfalls davon betroffen gewesen wären."

Es ist also schon eine echte Herausforderung - für alle Beteiligten - aber irgendwie denke ich auch: Es ist wichtig, dass im Zeitgeist der "Inklusion" - der gleichberechtigten Hereinnahme und Teilhabe aller Menschen mit allen Macken und Nuancen in diese Gesellschaft - dieser Personenkreis aus den notwendigen und sie betreffenden geschichtlichen Informationen nicht ausgeklammert werden darf - es handelt sich ja im sozialen Sinn um Angehörige der Opfergruppe: Die NS-"Euthanasie" stellt ja wohl die perverseste und allerkonsequenteste Form einer "Ex-klusion" und totalen und unwiderruflichen Ausgrenzung dar - im Sprachgebrauch des NS-Regimes der "Ausmerze" - und trifft hier nach über 70 Jahren in der Albatros-Schule auf das diametral gegenüberliegende Gegenteil - auf den Geist der "In-klusion" und der Integration - und klärt damit so gut es geht darüber auf, das extreme politische Regime und Ideologien Behinderungen als nicht opportun erleben können - und manchmal sogar versuchen, sich ihrer "ganz billig" - aber mit hohem Aufwand - gänzlich zu entledigen ...

Ich habe also meine bisherige "Routine"-PowerPoint-Präsentation einige Male entsprechend überarbeiten müssen und in den gezeigten Bildexponaten auch reduziert und vereinfacht - besonders eben auch in der Sprache - habe aber versucht, die immanente Komplexität des damaligen endgültigen "Euthanasie"-Geschehes um Erna Kronshage weiterhin in seinen diffizilen Gegebenheiten einigermaßen mitzuteilen.

Nach verschiedenen Auslesen blieb dann ein Kern von 23 Bildimpressionen mit überarbeiteten einfachen Texten dazu übrig:


Ich traf auf eine sehr gut vorbereitete Klassengemeinschaft, die als Einstimmungs-Aufgabe den Ablauf von Ernas Schicksal bereits in Abschnitts-"Schlagzeilen" auf ein Plakat in die richtige Reihenfolge untereinander geklebt hatte, anhand der Vor-Informationen aus den einschlägigen Internet-Blogs.

Und meine größte Sorge, vielleicht sprachlich nicht richtig "rüberkommen" zu können, verflog eigentlich rasch: als ich die Fragen las, die jeder Schüler und die Schülerin formuliert und aufgeschrieben hatte - denn ein Schüler z.B. fragte darin - wörtlich - : "Auf welcher Basis wurde die Diagnose (Schizophrenie) gestellt?" - und das war ja nun schon eindeutig astreine "Inklusions-Hochprache", die ich bisher selbst bei manchen meiner Gespräche mit Gymnasial-Schülern dazu kaum angetroffen habe.

Überhaupt überraschte mich die Lebendigkeit und die angemessene Reaktionsfähigkeit zu diesem heiklen Thema - bis zu bitteren Neige: nämlich Ernas Tod nach dem 484-Tage andauernden Opfermartyrium ...

Und die vielen selbständigen und unverblümten Bewertungen und folgerichtigen Zusammenfassungen vieler gezeigter Bildinformationen und Schicksalsdetails.

Da war bedeutend mehr Informationshunger und Geschehens-Teilnahme als bisher bei "gehobeneren" Präsentationen in gymnasialen Schülergruppen oder Fachgruppen oder auch "Alten-Cafés", die ich bisher in den Jahren zuvor mit diesem Thema besucht hatte.

Ich traf zu diesem "Euthanasie"-Thema auf eine motivierte und hochinteressierte Schülergruppe, deren körperliche oder auch geistige Beeinträchtigungen für mich wenigstens in Vergessenheit gerieten - und die sich trotz aller Handicaps und sicherlich auch schon erlebter Diskriminierungen im gelebten Alltag einen ausgezeichneten "gesunden Menschenverstand" bewahrt haben.

Die betroffenen Rückmeldungen am Ende lauteten zum Beispiel:
  • "Wie können Ärzte nur so etwas tun - Erna suchte ja Hilfe - und stattdessen wurde sie umgebracht ..." - 
  • "Die Erna hat bis zu ihrem Tod viel Schreckliches erlebt. Wir wollen jetzt aber auch noch den 'Stolperstein' für sie besuchen und ihr Geburtshaus sehen ..."
  • "Wie schrecklich wäre das - wenn wir alle zwangssterilisiert würden. Das war ein Verbrechen...".
  • "Die Erna muss ja schrecklich sauer gewesen sein auf ihre Schwester, weil die ihr ja solche Dinge aus Gütersloh gar nicht erzählt hat" ... - Ich: Nee - die Frieda hat das aber auch ganz anders - ohne Probleme oder Einschränkungen hinterher erlebt ... - "Ach, weil damals die Nazis noch nicht so weit waren ?" - Ich: Nee - Frieda war ja 1939 dort, als es mit der NS-Psychiatrie bereits losgegangen war - aber sie hatte eben überhaupt keine auffällige Erkrankung - sondern ging nach 4 Wochen 'Erholung' nach einem nervlichen Zusammenbruch wiederhergestellt nach Hause ...
  • "Wenn wir damals gelebt hätten, wären wir heute nicht am Leben." 
  • "... und man kennt das ja - wenn einer zu lange trauert - ist er 'depressiv' ..."
Diese Schülergruppe beschäftigt sich gleichzeitig in Unterrichtseinheiten mit den "Menschenrechten" - und dieses Thema "Euthanasie" war dazu eine gute Ergänzung - aber man spürte dazu auch dieses neue - vielleicht schon "inklusive" Selbstbewusstsein jedes Einzelnen dazu:

  • "Ich bin ich - 
  •   und ich bin wer - 
  •   und ich persönlich beurteile aufgrunddessen, 
  •  was um mich geschieht oder geschehen ist ..."

Da ich selbst 40 Jahre in verschiedenen Professionen mit behinderten Menschen gearbeitet habe, bin ich über die angetroffene für mich so überraschend "neue" selbstbewusste und selbständige Entwicklung und das emotionale Mitgehen bei den Geschehnissen ganz begeistert ... S!

Illustration zum Euthanasiegeschehen: aus Online-Handbuch: Inklusion als Menschenrecht |
Stiftung evz - erinnerung - verantwortung - zukunft, 2013 - © DIMR/Ka Schmit

Literaturhinweise u.a.:

George, Uta: Kollektive Erinnerung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Das kulturelle Gedächtnis des nationalsozialistischen Behinderten- und Krankenmordes. Eine erinnerungssoziologische Studie, Bad Heilbrunn 2008. - http://www.pedocs.de/volltexte/2009/2025/pdf/P13394_George_D_A.pdf

George, Uta: Historisch-politische Bildung für Menschen mit Lernschwierigkeiten an der Gedenkstätte Hadamar, in: Hessische Blätter für Volksbildung, „Politische Bildung“, Heft 4 (2010), S. 360-368.

George, Uta/ Göthling, Stefan (Hg.): „Was geschah in Hadamar in der Nazizeit?“ Ein Katalog in leichter Sprache (= Schriftenreihe „Geschichte verstehen“ des Vereins zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar e.V. und des Netzwerkes People First Deutschland e.V., H 1), Kassel 2005.

George, Uta/ Winter, Bettina: Wir erobern uns unsere Geschichte. Menschen mit Behinderungen arbeiten in der Gedenkstätte Hadamar zum Thema NS-„Euthanasie“-Verbrechen, in: Zeitschrift für Heilpädagogik, Nr. 2 (2005), 56. Jahrgang, S. 55-62.

George, Uta/ Winter, Bettina: „Wir entdecken unsere Geschichte“. Menschen mit Lernschwierigkeiten als Akteurinnen und Akteure der Erinnerung, in: Politikferne und bildungsbenachteiligte Menschen als Zielgruppe politischer Bildung, Außerschulische Bildung. Materialien zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung Nr. 3 (2008), S. 296-300.

Aus Online-Handbuch: Inklusion als Menschenrecht: Behinderung, Krankheit und Euthanasie (Link u. ff.)



Heute erreichte mich zum Abschluss dieses Bild und dieser Brief - der mich sehr berührt haben: