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Dienstag, 11. April 2017

wo jesus drauf steht - ist nur noch ganz wenig jesus drin ...

Wer ist der „Messias“ wirklich? - 
WISSENschaftler Thomas Witulski erklärt

"Jesus hat mit seinem frühen Tod nicht gerechnet"

Theologie: Wie aus dem Zimmermannssohn Christus wurde, warum er als Prophet auftrat, was es mit den Wundern auf sich hat und welche Rolle die Evangelisten spielten

Herr Witulski, warum ist gerade Jesus der wohl bekannteste Mensch der Welt?

Thomas Witulski: Schwer zu sagen. Es ist im Grunde ein Rätsel, wie aus einer kleinen Bewegung in Palästina vor etwa 2000 Jahren eine große Weltreligion geworden ist. Alle Zeiten über faszinierend an Jesus ist vielleicht, dass er - soweit wir das wissen - Ernst gemacht hat damit, sich über gesellschaftliche Normen hinwegzusetzen und zu denen gegangen ist, die in der damaligen Gesellschaft eher unten angesiedelt waren wie Prostituierte und Zöllner. Er hat sozusagen einen alternativen Entwurf zum materialistischen Weltbild und zur hierarischen Gesellschaftsordnung vorgelebt.

Hat er eine universelle menschliche Sehnsucht angesprochen?

Witulski: Ja, das hat er. Er hat eine Lebensphilosophie gelebt, die unabhängig macht von all dem, was den Menschen sonst beherrschen mag.



Was ist gesichert über das Leben von Jesus?

Witulski: Nicht viel. Die entscheidenden Quellen sind die Evangelien im Neuen Testament. Aber die sind keine historischen Werke, sie sind geschrieben worden, um Jesus als Messias zu verkünden, sie machen - im guten Sinne - Propaganda für ihn. Was klar ist: Er hat gelebt, er wurde gekreuzigt. Gesichert ist nach meiner Auffassung auch, dass er als Prophet aufgetreten ist. Und zwar als einer, der nicht gesagt hat: Leute, ihr müsst an mich glauben; sondern: Ihr müsst an Gott glauben. Er war eine prophetische Figur.

Gibt es keine Schriftstücke aus der Zeit Jesus über ihn? Eine Chronik, einen Brief vielleicht?

Witulski: Wir haben an Quellen annähernd nichts. Josephus schreibt über die Kreuzung Jakobus?, dabei wird erwähnt, dass er der Bruder dessen ist, der als Christus verehrt wird. Das war?s auch schon.

Die Evangelien sind nach Jesus entstanden. Taugen sie nicht als historische Dokumente?

Witulski: Nur bedingt. Die Evangelisten Markus, Lukas, Johannes und Matthäus wollten ja keine objektive historische Abhandlung schreiben. Sie haben das Material in ihr jeweiliges theologisches Korsett gepackt, um, wie gesagt, Jesus als Messias zu verkünden.

Wie muss man sich Jesus? Leben vorstellen?

Witulski: Er hat Geschwister gehabt. Sein Vater war Josef, ein Zimmermann. Jesus wird wohl auch eine Zimmermannslehre gemacht haben.

In was für einer Gesellschaft hat er gelebt?

Witulski: Das Bildungsniveau war damals in Palästina nicht so schlecht, weil das Judentum immer schon viel mit Schrift gearbeitet hat. Aber es gab eine sehr undurchlässige Klassenstruktur. Da das Land von den Römern besetzt war, gab es Unmut. Die Erwartung war, dass es Gott doch wohl nicht zulassen könne, dass das Land des auserwählten Volkes besetzt werde von Heiden. So wurde denjenigen begierig zugehört, die sagten, das Reich Gottes werde kommen.

Das hat Jesus getan. Wie wurde er zum Religionsstifter?

Witulski: Der historische Jesus ist ein paar Jahre durch Palästina gezogen, hat das Reich Gottes verkündet und die Menschen aufgefordert, ihm zu folgen. Er war sozusagen ein normaler Prophet, wie es damals einige gab. Doch dann starb er am Kreuz. Meine These ist, dass er nicht damit gerechnet hat, so früh zu sterben, vor der Ankunft des Reich Gottes. Er hatte zunächst wenige Anhänger. Zum Religionsstifter ist er erst durch Paulus geworden. Der hat aus ihm eine Heilsgestalt gemacht.

Wie?

Witulski: Vor Paulus hieß es: Glaubt wie Jesus; Paulus änderte das in: Glaubt an ihn. Er hat aus Jesus den Christus gemacht. Paulus hat verkündet, Kreuzestod und Auferstehung seien entscheidende Heilsereignisse gewesen. Damit würden die Menschen aus der Macht der Sünde befreit. So wurde Jesus zum Heiland, zum Messias und Retter.

Ist damit die Erzählung von der unbefleckten Geburt verknüpft?

Witulski: Als die ersten Christen so weit waren, dass sie Tod und Auferstehung als Heilsereignisse akzeptiert hatten, haben sie gesagt, dann muss auch die Geburt Jesu bedeutsam gewesen sein. So entstand nachträglich die Jungfrauengeburt. Zum Sohn Gottes wurde er erst im Zuge der theologischen Interpretation von Tod und Auferstehung, weil Jesus dem Christenverfolger Saulus bei Damaskus am Himmel erschienen ist, der dadurch zu Paulus wurde. Nach antikem Verständnis bedeutet das, dass er auferstanden sein muss.

Alles beginnt mit dieser Vision?

Witulski: Ja. Erst dadurch wird aus dem Prophet ein Messias. Paulus ist der eigentliche Begründer des Christentums. Dabei hat ihn das historische Leben von Jesus kaum interessiert. In seinen sieben erhaltenen Briefen werden Worte des historischen Jesus nur zweimal oder dreimal erwähnt.

Er hat ihn auch nie kennengelernt, oder?

Witulski: So ist es. Paulus ist 60 bis 65 nach Christus gestorben, gewirkt hat er zwischen den Jahren 45 und 60.

Was hat Jesus gemacht zwischen seiner Kindheit und frühen Jugend und dem Erscheinen als Prophet? Darüber gibt es keine Geschichten.

Witulski: Ich schätze, er hat schlicht und einfach als Zimmermann gearbeitet. Wie sein Vater. Dann muss er durch irgendein Ereignis die Empfindung gehabt haben, dass Reich Gottes zu verkünden und die Menschen dazu aufzurufen, auch umzukehren.

Könnte es sein, dass Jesus nach Indien gereist ist? Dort gibt es solche Berichte.

Witulski: Das weiß ich nicht und würde es auch nicht annehmen. Ich denke, er ist als normales Kind in Palästina geboren und hat dort normal wie alle anderen gelebt. Wir wissen nur, dass er im Alter von 28 oder 29 Jahren begonnen hat, öffentlich aufzutreten.

Was schreiben die Evangelisten dazu?

Witulski: Im Markus-Evangelium - es ist das älteste - wird Jesus' Berufungserlebnis als Ereignis bei der Taufe durch Johannes dem Täufer beschrieben. Jesus soll eine Stimme vom Himmel gehört haben, dass er nun der Sohn Gottes sei. In den anderen drei Evangelien wird er hingegen schon als Sohn Gottes geboren oder ist Sohn Gottes bereits vor aller Schöpfung und Geschichte.

Manche sagen, es gebe weitere Evangelien, die aus dem Neuen Testament gestrichen worden seien, weil sie der Amtskirche nicht gepasst hätten.

Witulski: Das sehe ich nicht und kann es auch nicht nachvollziehen. Es gibt schon bestimmte Interpretationen, aber der Kanon des Neuen Testaments lag in etwa um das Jahr 200 fest. Ab da war klar, was dazu gehörte und was nicht. Kein Konzil hat daran etwas verändert. Selbst Luther, der den Jakobusbrief am liebsten aus dem Neuen Testament entfernen wollte, weil dessen Inhalt ihm nicht passte, hat es doch nicht getan. Er hat den Brief nur an das Ende gesetzt.

Die Evangelien berichten von vielen Wundern Jesu. Wie bewerten Sie diese Geschichten?

Witulski: Auch das gehörte zur Intention, Jesus als Retter der Menschheit zu beschreiben. Wobei die Evangelisten sicher daran glaubten, dass diese Geschehnisse tatsächlich so passiert sind. Wir wissen nicht, ob die Wunder so geschehen sind oder nicht. Und es lässt sich auch nie herausfinden. Im Zuge der Aufklärung hat man etwa versucht, die Dinge mit Vernunft zu erklären. Da wurde von einer Luftspiegelung gesprochen, um zu erklären, warum Jesus über Wasser laufen konnte. Die Frage ist aber, ob das wirklich wichtig ist zu wissen.

Könnten die Wundergeschichten eine metaphorische oder mystische Bedeutung haben?

Witulski: Wir können sie als Geschichten gegen Hoffnungslosigkeit verstehen. Geschichten, die uns Mut machen können, selber das Größtmögliche dafür zu tun, die Dinge besser zu machen im Leben. So würde ich das jedenfalls interpretieren, unabhängig davon, ob sie so passiert sind oder nicht.

Jesus war zwei oder drei Jahre als Gottesverkünder unterwegs. Erstaunlich, was daraus geworden ist, oder?

Witulski: Ja. Dafür habe ich keine wirkliche Erklärung.

Ist es ein Wunder?

Witulski: Im gewissen Sinne ja. Die Verbreitung des Christentums lässt sich aus seinen Ursprüngen heraus jedenfalls nicht erklären.


© 2017 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Dienstag 11. April 2017


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nüchtern und klar formuliert prof. witulski die geschehnisse um jesus - und in fast allem muss ich ihm - aus dem kopf und dem bauch heraus - recht geben.

nur bei einer passage meckere ich mal: ich glaube schon, dass im laufe der ersten 300 - 400 jahre des "christentums" schriften revidiert und aus dem kanon gestrichen wurden: "die guten ins töpfchen - die schlechten ins kröpfchen" ... - z.b. das "thomas-evangelium" ist sicherlich solch eine "verschmähte" schrift ...

wenn witulski die etwas "windigen" interpretationen und hochstilisierungen des paulus von tarsus des jesus vom "einfachen" "reich-gottes"-propheten zum allmächtigen "messias" und "christus" nachvollzieht, muss man eben auch sehen, dass alles, was dieser nachträglichen interpretation widersprach auch aus den schriften getilgt wurde - und vornehmlich nur paulus-genehme apostel die schriften damals redaktionell bearbeiteten und niederschrieben und redigierten ...

nach dem gewaltsamen kreuzestod jesu regierte rasch nur noch die "theologie"-verbrämung von leuten, die sich selbst damit einen unsterblichen ruf schaffen wollten - und die von den tantiemen ihrer gläubigen ("ihrer gläubiger") leben wollten ...

mit dem eigentlichen jesus und seiner gewaltfreien botschaft und seiner jüdischen glaubensrevolution - indem er seinen "abba" ("papa") aus den himmeln in die herzen der menschen einpflanzen wollte - hatte das nicht mehr viel zu tun - und es rumorte ja auch entsprechend in den fraktionen der juden-christlichen ur-gemeinden in jerusalem unter petrus und dann unter dem "herrenbruder" jakobus, die sich nachträglich bildeten: nämlich die "paulaner" gegenüber den "jüdischeren" jesu-nachfolgern... - was bei einer kritischen schriftanalyse durchaus verfolgt werden kann ...

fest steht: die "christlichen" kirchen sind eindeutig "paulinisch geprägte" kirchen - 

... und wo jesus drauf steht - ist nur noch ganz wenig jesus drin ...

Timothy P. Schmalz, Homeless Jesus, 2012. Bronze, 36″h x 84″w x 24″d. - in dieser skulptur ist wesentlich mehr vom echten jesus erhalten als in jedem prunkkreuz ...