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Dienstag, 27. Juni 2017

dieser verdammte torpfosten ... - barrieren


aufgeschnappt - aufgelesen - aufgepeppt - weitergegeben

Behinderung und Sprache

Sorry, Schiri. Ich dachte, Sie wären dieser verdammte Torpfosten! -
Inklusion, wie sie sein sollte

Eine Kolumne von Silke Burmester aus 2013 (!) - aber so aktuell wie eh und je 

SPIEGEL-ONLINE | S.P.O.N.-Kolumne "Helden der Gegenwart"

Schluss mit der Sprachmaskerade. Aus Respekt vor Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten, sollte man diese eingeschränkten Fähigkeiten auch benennen dürfen.

Man mag darüber streiten, ob die "Gurke des Tages", die am 30. November in der "taz" auf der Wahrheitsseite erschien, "der einzigen Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit", wie ihr verantwortlicher Redakteur Michael Ringel sie bewirbt, lustig ist oder nicht. Ringel hatte darin die Ankündigung einer Sendung über den blinden Fußballer Robert Warzecha mit den Worten kommentiert: "Wer immer auch Robert Warzecha ist, dafür braucht es doch keine Fernsehreportage. Der Weg des blinden Fußballers lässt sich doch auch in wenigen Worten nacherzählen: 'Aua, huch, oh, nanu, uups, oje, hoppla, ach, seufz, o weh - Sorry, Schiri. Ich dachte, Sie wären dieser verdammte Torpfosten!'"

Dem Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbands Friedhelm Julius Beucher ist die Frage "lustig oder nicht?", "guter Witz oder blöder Witz", nicht genug. Er fordert eine Entschuldigung der Zeitung für diese "Entgleisung" bei - ja bei wem eigentlich? Bei - Zitat aus dem Brief an die Chefredakteurin Ines Pohl -: "...bei Robert Warzecha sowie bei allen Sehbehinderten und Blinden, nicht nur bei denjenigen, die Sport treiben".
Auch im Netz findet man die Stimmen derer, die Ringels Gurke als komplett verfehlt einstufen und es wohl am liebsten sähen, er würde sich als Zeichen der Reue den Arm abhacken. Abgesehen davon, dass vor allem viele Menschen ohne Behinderung sich aufregen, frage ich mich langsam: Leute mit Behinderung, was wollt ihr eigentlich?

Ihr wollt, dass wir, die wir keine offensichtliche Behinderung haben oder uns nicht eingeschränkt fühlen, euch "normal" behandeln. Also mit euch umgehen, wie wir mit jedem anderen umgehen. Ihr wollt Teilhabe. Ihr habt den Anspruch, dass ihr so selbstbestimmt leben könnt, wie wir "Normalos" eben auch. Sprich, dass wir euch nicht länger behindern. Das finde ich gut. Das gefällt mir.

Und mir gefällt in diesem Zusammenhang auch, dass ein Mann namens Franz Christoph 1981 den damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens mit seiner Krücke vors Scheinbein gehauen hat. Christoph, Mitglied der "Krüppel-Bewegung", protestierte mit seiner Attacke dagegen, dass Behinderte nicht ernst genommen werden. Dass der Vorwurf zutrifft, bewies Carstens vorbildlich. Er "verzichtete" auf eine Anzeige. So eine Aktion ist nach meinem Geschmack. Es sollte viel öfter ein Ruck durch einen Bundespräsidenten gehen.

Aber manchmal, Leute, da wundere ich mich auch. Und dann habe ich das Gefühl, hier läuft was schief. Dass man nicht "Behinderte" sagen soll, sondern "Menschen mit Behinderung", das kann ich nachvollziehen. Aber es hört auf, wenn etwa aus Menschen, die ohne fremde Hilfe nicht zurechtkommen, "Menschen mit besonderen Fähigkeiten" gemacht werden. Denn wenn man ehrlich ist, fehlen ihnen auch Fähigkeiten. Aber das darf man nicht sagen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

So wurden mir kürzlich von einer großen Einrichtung, für deren Magazin ich schreibe, zunächst die Sätze eines Filmregisseurs gestrichen, der über die Schwierigkeiten berichtete, die die Arbeit mit Menschen mit Down-Syndrom mit sich bringen kann. Zunehmend bewegen wir uns sprachlich in die Maskeradenabteilung hinein und reden uns schön, was genaugenommen gar nicht schön ist. Dass an einem Menschen nicht alles dran ist. Oder dass es einem Menschen an etwas fehlt, was ihm ein selbständiges Leben ermöglicht.

Dass Personen, die "anders" sind, zum Teil ihre Sinne stärker ausprägen und Fähigkeiten entwickeln, so dass ein großer Gewinn - auch für andere - entsteht, ist ziemlich klasse und steht außer Frage. "Anders" ist ein Wort und ein Gedankenansatz, der mir sehr gut gefällt. Ihm liegt zwar die zweifelhafte Norm des "Normalen" zugrunde, aber hat man sich erst einmal auf sie verständigt, dann ist der Gedanke, dass Leute, die nicht "normal" sind, "anders" sind, ein schöner.

Dann muss man den Autisten mit eigenartigem Verhalten nicht länger komisch anschauen, sondern kann erkennen, dass er Dinge und Fähigkeiten mitbringt, die wir "Normale" nicht haben und die unser Miteinander bereichern. Dann kann ich von der Sicht eines Rollstuhlfahrers auf die Welt profitieren und entdecke, dass die Fähigkeiten einer Gehörlosen, Mimik und Körpersprache deuten zu können, etwas sind, um das ich sie beneide. Dann kann ich auch Sportveranstaltung als Sportveranstaltung verfolgen, egal, ob da jemand mit zwei ganzen Beinen läuft oder mit zwei halben. Das ist es, soweit ich es begriffen habe, um das es bei der "Inklusion" geht. Jeder ist ein Teil des Ganzen, jeder bringt sich ein mit dem was er oder sie zu geben hat, aus der Vielseitigkeit entsteht das, was wir "Gesellschaft" nennen.

Die "Aktion Mensch" bringt diesen Gedanken in kleinen, schönen Filmen auf den Punkt. In einem, in dem etwa zehnjährige Jungs sich gegen ein gleichaltriges Mädchen verbünden und es nicht mitspielen lassen, gipfelt der Gedanke in der Frage: "Darf man Jungs doof finden, auch wenn sie im Rollstuhl sitzen?"

Entsprechend dem Inklusionsanspruch ist die Antwort eindeutig. Ja. Jungs, die sich blöd verhalten, müssen es hinnehmen, blöd gefunden zu werden - auch wenn sie im Rollstuhl sitzen. Sie haben einen Anspruch darauf, nicht geschont zu werden. Und auch in Sachen Witz nicht anders behandelt zu werden als Ostfriesen und Blondinen. Oder Schotten und Katholiken, die im Zweifelsfall auch nichts für ihre Herkunft, ihre Haarfarbe oder Religion können, die dem Scherz zum Anlass dient.

Wenn ihr, liebe Menschen mit Behinderung, dazugehört, dann seid ihr Teil der Gemeinschaft. Im Zweifelsfall einer Gemeinschaft der schlechten Witze. Witze von Ringel. Natürlich wäre es schön, Witze würden nicht auf Kosten von Minderheiten gemacht oder von Defiziten. Aber euch geht es ja darum, nicht als defizitär wahrgenommen zu werden. Uns auch. Und deswegen behandeln wir euch so beknackt wie andere auch.

Oder sollen wir euch doch lieber schonen, weil ihr nicht sehen könnt oder nur ein Bein habt?

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"Inklusion": Dieser Begriff taucht vornehmlich immer wieder auf, wenn von den Eingliederungsbemühungen für behinderte Menschen die Rede ist: 

Mir geht es in erster Linie aber darum, diesen Begriff der "Inklusion" über diesen Fokusschwerpunkt "Menschen mit Handicaps" hinaus auch auf andere Gruppen und Themen zu erweitern: nämlich auf alle Menschen, die in unserer Gesellschaft irgendwelche Ausgrenzung erleben und Ablehnungen erfahren: Menschen mit "Migrationshintergrund" etwa, Asylanten, die Flüchtlinge von Lampedusa etwa - aber auch die WG an der Ecke, die den Nachbarn aus welchen Gründen auch immer "ein Dorn im Auge" ist ... 

Und mir geht es bei der Inklusion auch um die allmähliche "Eingliederung" von Tabu-Themen in den Sprachalltag: z.B. Tod, Sexualität, Glauben, die Gedenkkultur über die geschehenen NS-Verbrechen, und trotzdem die berechtigte Kritik am Staat Israel und seinen Militäraktionen und Bedrohungen - in klarer Abgrenzung zu "antisemitischen" Pauschalurteilen über Menschen jüdischen Glaubens (also über "die Juden" etwa) - usw. ...

Inzwischen geht es also auch - wie in der oben abgedruckten S.P.O.N.-Kolumne so treffend untermauert - um die Inklusion der "Inklusion" - also um die ganz natürliche Einbeziehung aller Menschen in Annahme und auch Kritik, in "Leben & leben lassen" - egal welcher Hautfarbe, welcher Handicaps, egal welcher überragenden Talente oder auch Hilfsbedürftigkeiten im Alltag, egal welcher Religion, welchen Alters oder Geschlechts und egal welcher sexuellen Orientierung: Jeder Mensch erhält die Möglichkeit, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – und zwar von Anfang an ... 

Um das Denken und Handeln in dieser Richtung zu verändern, bedarf es noch sehr viel an Einsichten und der vorbehaltlosen Partnerschaft und Nachbarschaft - aber bei allen Beteiligten...!!! Ein behinderter Mensch ist eben kein besonderer Mensch - er ist allenfalls "anders" - aber sicherlich mit allen liebenswerten oder abzulehnenden "normalen" Macken ausgestattet ... - und er darf sich auf seine "Behinderung" nicht ausruhen - etwa mit übergroßen Erwartungshaltungen und Toleranzforderungen ... Es muss eben jedem - tatsächlich allen - bewusst werden, wie wichtig Inklusion für das gesellschaftliche Miteinander ist. Sie kann nur dann gelingen, wenn möglichst viele Menschen erkennen, dass gelebte Inklusion den Alltag bereichert ...-S!