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Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar - etwa die genetische Vielfalt der Menschen | Copyright: Jean-Luc Dubin. Musée de l´Homme

Freitag, 19. Januar 2018

crying eye - kunst aus guantánamo

"Untitled (Crying Eye)" von Muhammad Ansi, 2016, Pigment auf Papier.
(Foto: Muhammad Ansi)

Kunst aus Guantánamo


Ausstellung: Im Ringen mit ihrer Vergangenheit fertigen US-Häftlinge oft eindrucksvolle Kunstwerke an. Selbst im Gefangenenlager auf Kuba dürfen Insassen malen

Tupfer in Blau, Rot, Grün, Gelb. Sie kreisen, werden enger, verbinden sich zu einem Abwärtsstrudel. Die Pünktchen erzeugen ein Schwindelgefühl - das Aquarell heißt "Vertigo auf Guantánamo". Gemalt hat es Ammar al Baluchi, einer der mutmaßlichen Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September 2001, der seit mehr als zehn Jahren in dem Gefangenenlager auf Kuba einsitzt. Bis Ende Januar sind seine Kunstwerke und diejenigen weiterer Guantánamo-Insassen in New York zu sehen. Sie bieten Einblick in die Gedankenwelt jener, die die Regierung der USA als Terroristen und Massenmörder beschuldigt.

"Vertigo auf Guantánamo" von Ammar al Baluchi


Aber was sagt ein Bild über einen Gefangenen, der es malt? Was davon ist Betrachtung der Außenwelt, was Spiegel zur Seele einer oft schwerkriminellen Vergangenheit? Verkürzt die Beschäftigung mit Kunst Häftlingen lediglich ihre Wartezeit bis zum Ende ihrer Strafe, oder hilft ihnen die Kunst, Vergangenes zu verarbeiten?

Wie eine kleine Sensation wirkte es, als im New Yorker John Jay College im Oktober plötzlich 36 Arbeiten von acht Männern ausgestellt waren, die in Guantánamo inhaftiert waren oder sind. Das höchst umstrittene Lager ist für seine harten Bedingungen bekannt - Ammar al Baluchi wird einem UN-Experten zufolge bis heute gefoltert, obwohl die US-Regierung Foltermethoden in dem Lager vor fast zehn Jahren offiziell abschaffte. Dass Häftlinge hier Aquarelle pinseln oder Modellboote bauen dürfen, wirkte ebenso befremdlich wie die Tatsache, dass sie "Harry Potter"-Bücher und Disney-Filme ausleihen können.

Selbst im Umgang mit mutmaßlichen Terroristen hat auch das US-Militär offenbar erkannt, dass künstlerische Arbeit einen Alltag hinter Gittern positiv beeinflussen kann.

"Ode an die See: Kunst aus Guantánamo Bay" heißt die Schau, die etwas versteckt im fünften Stock der Hochschule im Westen Manhattans liegt. Rund 500 Besucher hätten die Ausstellung bereits besucht und mehr als 20.000 hätten sich zur dazugehörigen Website geklickt, erklärt eine Sprecherin.

click here zum Katalog der New Yorker Ausstellung - die so auch im Internet verbleibt - auch wenn die US-Regierung die Arbeiten verbrennen will ...


Die Arbeiten sind beeindruckend angesichts der Tatsache, dass eine Gefängniszelle auf Guantánamo etwa so inspirierend sein dürfte wie ein stillgelegter Fußgängertunnel bei Nacht. Sie drehen sich fast ausnahmslos um die See und die Seefahrt. "Einige dieser Zeichnungen waren eine Mischung aus Hoffnung und Schmerz. Die See bedeutet Freiheit, die niemand kontrollieren kann, Freiheit für alle", schrieb Mansoor Adayfi, der 2016 aus Guantánamo entlassen wurde.

Aus Sicht ihrer Aufseher sind Häftlinge vor allem eine Nummer im System. Persönliche Gegenstände und selbst verfasste Texte oder selbst gemalte Bilder geben ihnen ein Stück ihrer Identität zurück. "Sie waren ein Beweis, dass ich existiere", schreibt Mohamedou Ould Slahi in der Washington Post über seine mittlerweile als "Guantánamo-Tagebuch" bekannten Aufzeichnungen sowie Geschenke seiner Familie. Beim Umzug in eine andere Zelle musste er sie hinter sich lassen. Zurückbekommen hat er diese "Komfort-Gegenstände", wie das US-Militär sie bezeichnet, bis heute nicht.

Was die Kunst aus Guantánamo angeht, dürfte es die vorerst letzte Schau dieser Art gewesen sein. Im Zuge der Ausstellung sei der Transfer von Kunstwerken verboten worden, teilt Pentagonsprecher Ben Sakrisson mit. Solche Arbeiten gelten künftig als Regierungseigentum der USA.

Regierungsamtliche Bilderverbrennung ?

Sie schicken Bilder an ihre Familien oder schenken sie ihren Anwälten, manche wurden sogar ausgestellt. Doch nun beansprucht die US-Regierung die Werke der Guantánamo-Insassen für sich - wohl um sie zu verbrennen.

Brutale Haftbedingungen in Guantánamo auf Kuba



Seit Jahren kämpfen die Insassen des US-Gefangenenlagers Guantánamo Bay mit Kohlestücken, Aquarell- und Acrylfarbe gegen ihre Langeweile. Die Bilder legten sie oft Briefen an ihre Familien bei oder schenkten sie ihren Anwälten. Kuratoren begannen, die Werke zu sammeln. Nun ist die Kunst unter dem Titel "Ode to the Sea" in einer Hochschule in New York zu sehen - noch. Denn die US-Armee, die das Gefangenenlager betreibt, hat nun festgelegt: Eigentümer von auf Guantánamo geschaffenen Werken seien nicht deren Schöpfer, sondern die US-Regierung. Als deren Vertreter werde man nicht weiter gestatten, dass Werke das Lager verlassen.

Bisher mussten die Häftlinge ihre Artefakte lediglich den Militärzensoren vorlegen, die prüften, ob in ihnen versteckte Botschaften, politische Aussagen oder sicherheitsrelevante Informationen zum Lager enthalten waren. Das "Guantánamo-Tagebuch" des Mauretaniers Mohamedou Ould Slahi schwärzten die Zensoren an über 2500 Stellen - ein internationaler Besteller wurde es dennoch, die Verkaufserlöse ermöglichten dem Autor nach der Entlassung einen Start ins neue Leben.

So etwas soll nun unmöglich gemacht werden: Auf der Internetseite der New Yorker Schau war eine E-Mail-Adresse für Kaufinteressierte angegeben, die den Ärger der Armee erregte. Es sei "fraglich, wohin die Erlöse gehen", sagte ein Armeesprecher. Sie stünden der Regierung zu. Die Ausstellungsmacher verstehen das nicht: "Es ergibt keinen Sinn, hier finanzielle Begründungen vorzuschieben", sagt Kuratorin Erin Thompson. Laut Menschenrechtlern koste jeder der 41 verbliebenen Häftlinge den US-Steuerzahler 11 Millionen Dollar pro Jahr, neben diesen Kosten könne man den Wert der Häftlingskunst trotz ihrer zeitgeschichtlichen Relevanz vernachlässigen. Man werde die Werke nun wohl verbrennen, teilte die Armee mit.


Texte aus: Johannes Schmitt-Tegge (dpa) für © 2018 Neue Westfälische, Freitag 19. Januar 2018 und Moritz Baumstieger für Süddeutsche Zeitung



It is something we can smell. - Es ist etwas, das wir riechen können.




Im eindrucksvollen digitalen Katalog, der auch Briefe, Gedichte und kurze Texte der Gefangenen enthält, ist eine Videoarbeit von Mansoor Adayfi (Link anclicken) eingebaut, der vor der Kamera von den Anfängen seiner künstlerischen Arbeit im Gefängnis berichtet. "Einige der Zeichnungen waren eine Mischung aus Hoffnung und Schmerz. Die See bedeutet einfach Freiheit, die niemand kontrollieren kann", sagt Adayfi darin. "Menschen werden immer alles tun, um ihre Gedanken der Hölle entkommen zu lassen", hört man ihn im Hintergrund abstrakter Wasser- und Wellenbilder sagen. 2016 konnte er Guantánamo endlich als freier Mann verlassen. (Quelle: DW)

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"Untitled (Hands Holding Flowers Through Bars)" von Muhammad Ansi.
(Foto: Muhammad Ansi)


"Bisher mussten die Häftlinge ihre Artefakte lediglich den Militärzensoren vorlegen, die prüften, ob in ihnen versteckte Botschaften, politische Aussagen oder sicherheitsrelevante Informationen zum Lager enthalten waren." 
"versteckte botschaften" sind ja eigentlich in jeder kreativen arbeit irgendwo und irgendwie enthalten - wenn auch nicht die kriminellen oder militärisch-sicherheitsrelevanten - nach denen gefahndet wurde... 

in diesen arbeiten aus guantánamo von verschiedenen insassen dort sind natürlich eine menge - vielleicht von dumpfen miltitärköppen übersehene botschaften enthalten: der "geruch" der freiheit - der "durst" nach dem lebenselixier "wasser" - die angesichts der erlebten traumata unbewusste sehn- und fühlsucht zum "fruchtwasser" ... - zum verlangen nach einer neugeburt in freiheit nach dieser durchlebten hölle dort.

das sind ja noch immer die "blinden flecken" in der amtsführung von obama, dass er guantanámo trotz des versprechens als vorab geehrter friedens-nobelpreisträger nicht beseitigen konnte: ein perfektes und perfides kz im freiheitlichsten land der welt: rache und "auge um auge - zahn um zahn" - in einem der christlichsten staaten - wenigstens nach eigener einschätzung.

und trump beschäftigt ja sogar einen evangelikalen andachtsprediger, der für eine solche moralische ausrichtung im weißen haus zuständig scheint.

und das ist ja auch der blinde fleck in der amtsführung unseres jetzigen bundespräsidenten steinmeier, der als kanzleramtschef und geheimdienstkoordinator der rot-grünen bundesregierung damals ein inoffizielles angebot der amerikaner, den inzwischen freigekommenen guantanámo-häftling murat kurnaz schon im jahr 2002 freizulassen, nicht angenommen hat. und steinmeier erklärte später sogar im rückblick: "ich würde mich heute nicht anders entscheiden." ... - ist das die "menschlichkeit" eines heutigen bundespräsidenten ... ???
wiederholt forderte kurnaz wenigstens eine entschuldigung steinmeiers. nach dessen wahl zum bundespräsidenten äußert sich der frühere guantanàmo-häftling im interview enttäuscht darüber, dass steinmeier sich dazu nicht durchringen kann... 

und dabei geht es also nicht einmal um "versteckte botschaften", sondern um ganz einfache mitmenschliche bekundungen, die aber selbst im "christlichen abendland" mit füßen getreten werden, wenn es denn irgendwem gegenüber "politisch" opportun erscheint - und wenn es auch nur der eigene starrsinn ist ... - aber trotzdem: "der islam gehört zu deutschland", wie es wiederholt der bundespräsident wulff seinerzeit und frau merkel ausdrückten ...

und so will ja nun die amerikanische regierung all diese kunstwerke der guantanámo-häftlinge verbrennen lassen - und die eventuellen verkaufserlöse will auch die us-regierung einstreichen, da die arbeiten ja in einer vom staat finanzierten "kunsttherapie" entstanden seien ...

aber es bleiben - zumindest offiziell in deutschland - : "einigkeit und recht und freiheit" ... - S!