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Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar - etwa die genetische Vielfalt der Menschen | Copyright: Jean-Luc Dubin. Musée de l´Homme

Samstag, 21. April 2018

liga ist liga

»Walser und Grass in die Seniorenliga versetzt«

Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal über Schriftsteller und die 68er-Bewegung

Hatte 1968 eine große Bedeutung für die deutschsprachige Literatur? Oder waren die Zeiten gar nicht so politisch, dass sich die Revolte auf dem Buchmarkt niederschlagen konnte? Darüber hat Andreas Schnadwinkel mit dem Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Klaus-Michael Bogdal von der Universität Bielefeld gesprochen.

1968 und die Literatur: Waren die Phasen vor und nach der Bewegung wichtiger als das Jahr selbst?

Klaus-Michael Bogdal: Ja, das kann man so sagen. In den 60er Jahren differenziert sich die Nachkriegsliteratur stark aus. Je nach Prägung und Strömung verhalten sich die Schriftsteller dann im Jahr 1968 recht unterschiedlich. Was vorher war, kann man also nicht abtrennen. Und was danach kam, ist von der allgegenwärtigen 68er-Revolte geprägt. Einige konservative Schriftsteller lehnen die Ideen der jungen Generation allerdings vehement ab. Die deutsche Literatur reagiert jedoch mehrheitlich neugierig auf die Bewegung oder nimmt an ihr teil. Nicht wenige Autoren und Autorinnen hatten sich schon vorher mit den Umbruchprozessen in der Gesellschaft beschäftigt und 1968 mit vorbereitet.



Was hatte mehr Einfluss auf die Literatur um 1968: Die US-amerikanischen Beatniks um William S. Borroughs oder die Gruppe 47 samt Hans Magnus Enzensberger?

Bogdal: Da nennen Sie zwei zentrale Kräfte, die sogar aneinander gerieten. Zum einen politisierten sich viele Mitglieder der Gruppe 47 zunehmend, zunächst im Gefolge des Auschwitz-Prozesses und wachsenden Auseinandersetzungen mit der braunen Vergangenheit der Führungseliten in Staat, Politik und Wirtschaft. Die Gruppe traf sich 1967 in Princeton im US-Bundesstaat New Jersey und stritt über die Haltung der Schriftsteller zum Vietnamkrieg, der ebenfalls zur Politisierung beitrug. Autoren wie Peter Weiss und Günter Grass positionieren sich dort unterschiedlich, was die Radikalität ihrer Kritik betraf. Zum zweiten war die Einebnung des Unterschieds zwischen Hochkultur und populärer Kultur nicht mehr zu übersehen, die in den USA ihren Anfang genommen hatte. Spektakulär und provokativ wirkte die Hinwendung von Künstlern zur Popkultur, die sich noch innerhalb der Hochkultur einen Namen gemacht hatten. Eine Schlüsselfigur war Rolf Dieter Brinkmann als Übermittler und Herausgeber der Literatur der amerikanischen Beat-Generation und als Autor von Werken wie dem »Godzilla« betitelten Gedichtband von 1968.

1968 hat der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in seinem »Kursbuch Nr. 15« den »Tod der Literatur« proklamiert. War das nur Provokation oder mehr?

Bogdal: Das war eine typische dialektische Denkfigur des Adorno-Verehrers Enzensberger. Er registriert zutreffend den Bedeutungsverlust hochkultureller Literatur in vielen Bereichen. Gleichzeitig kann man aber nachlesen, dass er diesen Verlust an Bedeutung als Chance sieht, weil die Literatur damit von den hoch geschraubten Ansprüchen an sie entlastet würde. Enzensberger ist politischer Autor, aber er glaubt nicht mehr wie die bekannten Autoren der Gruppe 47, mit Romanen oder Gedichten gesellschaftliche Veränderungen bewirken zu können. Dafür sind 1968 seine politischen Vorstellungen zu radikal, als dass Literatur zu ihrer Verwirklichung etwas Entscheidendes beitragen könnte.

In den Bestseller-Listen von 1968 steht in der Belletristik Siegfried Lenz’ »Deutschstunde« hinter Simmel und bei den Sachbüchern Rudi Dutschke hinter Erich von Däniken. Haben sich politische Bücher 1968 gut verkauft?

Bogdal: Na ja, der absolute Bestseller des Jahres hat den symptomatischen Titel »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung« des britischen Autors Eric Malpass. Das ist auch 68: sich der Revolte entziehen, Tradition bewahren, Risiken meiden. Aber es ist ebenso zutreffend, dass politische Bücher viel gelesen und von den Studenten geradezu verschlungen werden. Enzensbergers »Kursbuch« ist auch ein Verkaufserfolg.

Welche Autoren hat 1968 groß gemacht: Peter Handke und Elfriede Jelinek?

Bogdal: Zunächst einmal werden Großschriftsteller wie Martin Walser und Günter Grass in die Seniorenliga versetzt, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollen. Sie und andere wie Heinrich Böll, Max Frisch und Siegfried Lenz sind zwar weiterhin erfolgreich und genießen ein hohes Ansehen, aber als Leitfiguren der vielfältigen Veränderungen und der neuen sozialen Bewegungen, die nach 1968 einsetzen, spielen sie keine entscheidende Rolle mehr. Mehr als moralisches Gewissen in Streitfragen vom Terrorismus über Umweltprobleme bis zur Atomaufrüstung. Grass ist im Unterschied zu Enzensberger schon für die 68er als Sozialdemokrat der Mitte eher ein politischer Gegner als ein Stichwortgeber. Für die Generation von Schriftstellern, die in den 60ern und 70ern mit dem Schreiben beginnen, bedeutet die Krise der Nachkriegsliteratur eine Chance. Sie müssen nun konzeptionell und ästhetisch nicht mehr in den Fußstapfen der Gruppe 47 unterwegs sein. Sie können sich zum Beispiel wieder experimentell mit der Tradition avantgardistischer Literatur auseinandersetzen. Insofern öffnet 1968 gleich mehrere Türen: Peter Handke, Elfriede Jelinek, Hubert Fichte oder Rolf Dieter Brinkmann. Zur neuen Vielfalt gehört auch die Konkrete Poesie, für die Bielefeld über lange Jahre zu einem wichtigen Kommunikationsort wird.

Jede anständige Bewegung erzeugt eine Gegenbewegung. In der Literatur hat Marcel Reich-Ranicki das Anfang der 70er Jahre »Neue Subjektivität« genannt. Was versteht man darunter?

1968 und die Literatur: Bücher von Siegfried Lenz, Christa Wolf und anderen prägten den Zeitgeist der Protestgeneration. Foto: Gert Westdörp | NOZ


Bogdal: Peter Handke und andere verstehen darunter, dass sie bei ihrem Schreiben nicht mehr von der Analyse der gesellschaftlichen Macht- und Lebensverhältnisse ausgehen, sondern vorrangig danach fragen, wie die Individuen diese Verhältnisse subjektiv erleben: leidend oder glücklich. Man versucht, eine Sprache zu finden, mit deren Hilfe man die Innenwelt ausleuchtet, ohne sich dem Zwang zu unterwerfen, die Erfahrung wieder auf die gesellschaftliche Realität zurückzuspiegeln. Wenn Handke nachspürt, wie die Krankheit und der Tod seiner Mutter auf ihn wirken, dann ist das ein anderes Schreibkonzept als die Beschreibung von Schizophrenen inklusive der Forderung, alle psychiatrischen Kliniken zu schließen, die unsere Normalität auf Kosten des Ausschlusses der Kranken aufrechterhalten.

Heute verkaufen Autoren auch mit ihrer politischen Haltung Bücher. Ist das streng genommen noch Literatur?

Bogdal: Das hängt einzig von der Qualität der Texte ab. Man kann eine Sprache finden, die ästhetischen Ansprüchen genügt, und sich in dieser Sprache politisch positionieren. Das literarische Konzept des Realismus mit politischer Ausrichtung kann wie bei Uwe Timm durchaus zu bedeutender Literatur führen.



War Rolf Hochhuth ein Vorläufer der 68er?

Bogdal: Ja, thematisch und auch formal. Der authentische Wahrheitskern und die dokumentarische Präsentation sind die Stärke seiner Stücke. Diese Verbindung hat literarisch zu 1968 hingeführt.

Erleben wir durch die Flüchtlingskrise und das Aufkommen des Rechtspopulismus in Deutschland so etwas wie 1968, wenn politische Autorinnen wie die umstrittene Juli Zeh den Leuten in der Provinz den Puls fühlen?

Bogdal: Vielleicht. Solche Autoren können ja schreiben und nähern sich kritisch gesellschaftlich zen­tralen Themen. Die Erzählung muss nicht zwangsläufig in der Gegenwart oder der Zukunft spielen, wenn man an Daniel Kehlmanns »Tyll« oder Feridun Zaimoglus Martin-Luther-Roman »Evangelio« denkt. Diese Geschichten finden in der Vergangenheit statt und erzählen sehr beeindruckend über die heutige Zeit.

Wenn bei der Leipziger Buchmesse die Antifa gegen rechtsgerichtete Verlage protestiert, ist das ein Hauch von 68?

Bogdal: Durchaus, vor allem im Rückblick auf die Auseinandersetzungen bei den Frankfurter Buchmessen 1968 und 1969. Wenn junge Leute sich dort zeigen, wo Bücher gelesen werden, halte ich das generell für ein gutes Zeichen.



WESTFALEN-BLATT Nr. 93, 21./22.04.2018

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Ein Gedicht von Rolf Dieter Brinkmann

Zerstörte Landschaft mit
Konservendosen, die Hauseingänge
leer, was ist darin? Hier kam ich

mit dem Zug nachmittags an,
zwei Töpfe an der Reisetasche
festgebunden, Jetzt bin ich aus

den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstückelte Pavane, aus totem

Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?

Wer hat gesagt, dass sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau.