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Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar - etwa die genetische Vielfalt der Menschen | Copyright: Jean-Luc Dubin. Musée de l´Homme

Mittwoch, 18. April 2018

schlechtes gewissen





Kultur / Medien

Mit Hakenkreuz ins Theater

Eklat: Wer bei der Aufführung von George Taboris "Mein Kampf" im Theater Konstanz ein Hakenkreuz-Symbol im Saal trägt, erhält freien Eintritt. Die Idee sorgt für große Aufregung

Von Kathrin Drinkuth

Ein Hakenkreuz, Symbol für massenhaftes Morden der Nazis, als Gratis-Eintrittskarte für eine Theaterstück? Ein Witz? Was sich der in der Türkei geborene deutsche Kabarettist und Regisseur Serdar Somuncu als Provokation am Theater Konstanz ausgedacht hat, ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Am Dienstag beantwortet er bei einer teils sehr emotional geführten Debatte mit Journalisten gut eine Stunde lang Fragen zur Aktion, bevor er aufsteht und zur Lichtprobe geht, um weiter an der für Freitag geplanten Premiere von George Taboris Stück "Mein Kampf" zu arbeiten.

Die Debatte dreht sich darum, was Theater eigentlich kann und darf. Das Schauspielhaus in Konstanz bietet den Zuschauern zur Vorführung von George Taboris Stück "Mein Kampf" einen umstrittenen Deal an: Wer zur Aufführung im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol trägt, erhält freien Eintritt. Wer dagegen eine Karte kauft, kann sich entscheiden, ob er einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft tragen will.

Ist das Geschmacklosigkeit, wie es unter anderem die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Konstanz dem Theater vorwirft? Oder ein misslungener Marketing-Gag? Weder noch, heißt es beim Theater. Mit der Idee habe man zeigen wollen, wie leicht Menschen bestechlich seien. Theaterintendant Christoph Nix sieht darin zudem eine Auseinandersetzung mit Rassismus: "Und das Theater ist der einzige Ort, an dem unmittelbar solche Auseinandersetzungen stattfinden."

Auch Regisseur Somuncu verweist darauf, dass Antisemitismus in Deutschland zunehmend hoffähig sei - dem müsse man entgegenwirken. Es gehe darum, die demokratische Verfassung in Schutz zu nehmen, sagte er. "Aber nicht dadurch, dass wir uns zum Opfer machen oder uns zurückziehen in Räume und kleine abgezirkelte Bereiche, in denen wir mit Gleichgesinnten Gleichgesinntes austauschen - sondern offensiv raus auf die Straße und zwar direkt ins Gesicht unserer politischen Gegner." Aufgabe des Theaters sei es, praktische Anleitungen für Diskussionen zu geben - "und genau das ist die Idee meiner Inszenierung".

Bislang seien bereits mehrere Anfragen für eine Freikarte im Gegenzug für das Tragen eines Hakenkreuz-Symbols eingegangen, sagte Nix. Ein Treffpunkt für Nazis soll das Theater nicht werden.

Man werde darauf achten, dass es bei den insgesamt 14 Vorstellungen jeweils nur eine Handvoll Menschen mit Freikarte sei. Am Eingang werde streng kontrolliert und auch intensiv darauf geachtet, dass die Symbole nach der Veranstaltung wieder eingesammelt würden. Zudem seien Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, falls es zu Zwischenfällen kommen sollte.

Dass die Premiere auch noch ausgerechnet auf den Geburtstag von Adolf Hitler fällt, ist nach Angaben von Nix ein früherer Wunsch seines Freundes George Tabori (1914-2007). Das Theater habe zudem ein Gutachten eingeholt, um mögliche juristische Fragen zu klären. Denn grundsätzlich ist das Tragen von Hakenkreuzen in der Öffentlichkeit verboten, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz sagt. Es seien bereits mehrere Anzeigen eingegangen, die nun geprüft würden.

Das Schauspielhaus wiederum verweist darauf, dass die Verwendung aus seiner Sicht erkennbar eine künstlerisch-vermittelnde Funktion habe. Deshalb drohe keine Gefährdung der demokratischen Rechtsordnung oder des politischen Friedens.

Wie genau die bei den Aufführungen verwendeten Symbole - sowohl Hakenkreuz als auch Davidstern - aussehen sollen, gibt das Theater derzeit ohnehin noch nicht preis. "Das werde erst noch entschieden", sagte Somuncu vage. "Wir sind noch im aktiven Prozess der Inszenierung - es kann auch sein, dass wir am Ende die Zuschauer dazu aufrufen werden, sich eine Mickey Maus anzuheften."

Taboris 1987 uraufgeführte Groteske hat die "Wiener Jahre" Adolf Hitlers als Bewohner eines Männerwohnheims zum Thema.



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Kommentar
Gedankenlos
Anke Groenewold | NW

Jetzt hat also auch das Theater Konstanz entdeckt, wie man mit Provokation bundesweit Aufmerksamkeit erzeugt. Die Erklärungen, die Intendant und Regisseur zu der Aktion gegeben haben, sind vage bis banal. Das legt den Schluss nahe, dass es überwiegend um gedankenloses Marketing geht. Wieso fördert es die "Auseinandersetzung mit Rassismus", wenn das Publikum Hakenkreuze und Davidsterne trägt? Was daran ist eine "Anleitung zur Diskussion"? Der inszenierte Aufreger hat zur Folge, dass über das Theater diskutiert wird, was es darf oder nicht, nicht aber über Rassismus.


© 2018 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Mittwoch 18. April 2018

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gewiss fällt dieser pr-gag eines provinz-theaters in eine höchst sensible zeit - auch nach dem eklat zur "echo"-verleihung und der stimmung im lande insgesamt in der auseinandersetzung mit populismus und afd.

ansonsten ist für mich diese idee durchaus nachvollziehbar - und sie hat es bei näherer betrachtung auch in sich: wer normal sein billet an der abendkasse ersteht kann ja den davidstern wählen - wer aber sich partout verführen lässt vom "freien eintritt", bekommt eben das hakenkreuz in die hand gedrückt.

ob das dann tatsächlich getragen wird oder in die tasche gesteckt wird, sei mal zunächst dahingestellt.

mich erinnert das ganze prozedere auch an den film "die welle", in dem in einem gruppendynamischen psychoversuch demonstriert wird, wie rasch eine schulklasse durch bewusste manipulationen des lehrers in eine recht willen- und selbstlose gurkentruppe verwandelt wird (click here) - und dazu auch an das sogenannte "milgram-experiment", in dem die bereitschaft durchschnittlicher personen getestet wird, autoritären anweisungen auch dann folge zu leisten, wenn sie in direktem widerspruch zu ihrem gewissen stehen (click here) ...

das ganze hat also für mich neben allem aufmerksamkeitgeheische schon auch ein symbolträchtiges "gschmäckle": unsere eltern und großeltern schlitterten ja auch oft ebenfalls "ohne eigenes zutun", aber zumeist auch ohne den eigenen widerstand zu mobilisieren, geradezu besoffen durch die raffiniert gesetzten psychodynamischen und massenhysterischen fänge des tiefbraunen hakenkreuz-symbol-sumpfes: in den schulen prangten ganz selbstverständlich bei hitlers geburtstag die transparente und flatterten die hakenkreuz-fahnen - und viele lehrer waren ns-parteigenossen - ebenso wie übrigens die meisten ärzte damals: also von den sogenannten akademischen "bildungs-eliten" bis hinunter zum "lumpenproletariat" ...

das hakenkreuz drückte symbolhaft damals den herrschenden allgemeinen "zeitgeist" aus, dem sich wohl niemand entziehen konnte - und nur eine verschwindend kleine minderheit ballte dabei die faust in der tasche - die jugend wurde zum kriegsertüchtigenden hj- und arbeitsdienst verpflichtet - mit unterricht in eugenisch-arischer rassenlehre: das "reich" übernahm die umfassende erziehungs- und bildungsarbeit ...

und wenn man seinen widerstand nicht "teuer erkaufte" oder als jüdisch glaubender landsmann zur kennzeichnung per davidstern verpflichtet wurde - mit dem andauernden tödlichen damoklesschwert der vernichtung über dem haupt - trottete man eben in diesen sumpfigen zeitgeist hinein - und verkörperte ihn mit.

begrifflich ist "nazis" ebenso ungenau wie beispielsweise "die 68er" - jetzt in den kommentaren zum 50. allerorten: 
  • während die einen immer die handvoll protestierend-krakeelender studenten damit bezeichnen gehören für andere eben alle menschen dazu, die 1968 zwischen ca. 16 und ca. 30 jahre alt waren - also in etwa die jahrgänge 1940-1950 ... - die den "ruck durch die nation" damals in vielen lebensbelangen mitinszenierten und spürten und lebten und fühlten...
 - ähnlich missverständlich ist es beim begriff "nazis":
  • während die einen die uniformierten hakenkreuz-armbinde tragenden aktiven parteigenossen damit bezeichnen - sind es für andere - durchaus legitim gemessen an den überwältigenden wahlerfolgen der nsdap - die gesamtbevölkerung der jahrgänge von ca. 1880 - ca. 1925, die sich in hohem maße für adolf hitler engagierten: aktiv und passiv - auch damals schon mit: "das wird man ja wohl noch sagen dürfen" - und vielleicht mit gezielten denunziationen und später auch kollaborationen beim anschwärzen und verfolgen z.b. des "verdächtigen nachbarn" beim ortsgruppenleiter oder bei der "braunen nsv-gemeindefürsorgerin" wenn "etwas in der nachbarschaft wohl nicht ganz stimmte" ...
um "nazi" zu sein oder als "nazi" zu denken benötigte man eben keine mitglieds- bzw. "eintritts"-karte, was man ja leider auch heutzutage wieder vor augen geführt bekommt (stichwort: cottbus) - die genannten generationen hatten oft als zeichen des zeitgeistes auch unsichtbar ein "hakenkreuz" auf der stirn bzw. "ein brett vor dem kopf" - vor allen dingen, wenn man so "mit dem strom" im "mainstream" - im gleichschritt - mittrottete: "führer befiehl - wir folgen" ...

mit seinem pr-gag hält der offensichtlich nicht ur-deutschstämmige serdar somuncu [ˈseɾdaɾ ˈsomund͡ʒu] (* 3. juni 1968 in istanbul, türkei) durchaus legitim - als deutscher kabarettist, autor, regisseur und politiker - ziemlich provokant der "nazi"-generation und all ihren nachkommen und der gesellschaftlichen gemengelage heutzutage rigoros den spiegel vor - und zur bundestagswahl 2017 trat er außerdem als kanzlerkandidat der partei die PARTEI an. gelegentlich tritt er auch als musiker, schauspieler und synchronsprecher in erscheinung.

der aufschrei über seinen pr-gag - und der tröpfchenweise anschwellende aufschrei bei der "echo"-verleihung ein paar tage vorher - hat meines erachtens auch viel mit dem kollektiven und nur verdrängten aber nicht aufgearbeiteten "schlechten gewissen" im bewusstseinskollektiv dieses "abendländisch-christlich-jüdischen" volkes "der dichter und denker" - und des zumindest bis diesen sommer amtierenden fußball-weltmeisters - zu tun ... respekt und chapeau allen beteiligten, diese verdrängung immer wieder offenzulegen ... - S!