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Das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar - etwa die genetische Vielfalt der Menschen | Copyright: Jean-Luc Dubin. Musée de l´Homme

Freitag, 4. Mai 2018

200 jahre karl marx

nach: boingboing.net








"Marx war als Revolutionär ungeeignet"

Interview: Historiker Thomas Welskopp über den morgigen 200. Geburtstag des Philosophen, seine Aktualität, das umstrittene Denkmal in Trier und warum er das "Kommunistische Manifest" zur Lektüre empfiehlt

Herr Welskopp, was halten Sie davon, Karl Marx mit einer großen Statue, gestiftet aus China, anlässlich seines morgigen 200. Geburtstags in seiner Geburtsstadt Trier zu ehren?

Thomas Welskopp: Ich finde es unangemessen, denn das Denkmal steht im völligen Gegensatz zu den beiden Ausstellungen in Trier, in denen gerade jede Form von Personenkult um Marx vermieden wird und stattdessen eine behutsame Historisierung erfolgt. Die Skulptur hingegen betreibt eine Ikonisierung, die nicht angebracht ist.

Dann Marx lieber als Ampelmännchen würdigen?

Welskopp: Das ist eine humorvolle Annäherung, die mir gefällt, weil sie so etwas Spielerisches, Witziges hat.

Marx anlässlich seines 200. Geburtstags ansonsten intensiv zu würdigen, ist aber angebracht für Sie?

Welskopp: Ja, denn er gehört nicht nur zur deutschen Geistesgeschichte, sondern zur Weltgeschichte.

Auf dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin steht "Sorry, das haben wir nicht gewollt". Kann man das, was in Marx' Namen angerichtet wurde, wirklich von seinem Werk abtrennen, wie in dem Slogan suggeriert?

Welskopp: Wir sollten Marx' Vorstellungswelt im 19. Jahrhundert verorten. Er hat damals klar formuliert, dass er in seiner Lebensspanne nicht mehr mit einer Revolution rechnet, ebenso wenig wie mit dem Zusammenbruch des Kapitalismus. Angesichts von Reformen des Kapitalismus in England nach 1870 dachte er sogar darüber nach, dass ein gesellschaftlicher Umbau des Kapitalismus hin zum Sozialismus auch mittels Reformen möglich sei, wenn das Volk nur genügend Beteiligungsmöglichkeiten erhalte. Damit hielt er offenbar auch einen schleichenden Übergang zum Sozialismus für machbar. So jemanden kann man doch nicht haftbar machen für das, was andere in seinem Namen aus seinem Werk gemacht haben.

Er war also gar kein lupenreiner Revolutionär?

Welskopp: Er war kein politischer Aktivist wie später Lenin, sondern vielmehr einer der großen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts und als solcher völlig ungeeignet als Revolutionär.

Was von Marx? Theorie hat denn heute noch Gültigkeit?

Welskopp: Seine umfassende Analyse des kapitalistischen Systems.

Und die trifft weiter zu, obwohl sein Hauptwerk "Das Kapital" vor nunmehr 150 Jahren erschienen ist, als der Kapitalismus im Gegensatz zu heute noch nicht einmal voll entfaltet war?

Welskopp: Marx hat erkannt, dass es eine der Eigenschaften des Kapitalismus ist, seine Grundlagen fortwährend zu revolutionieren. Er kapitalisiert seine eigenen Krisen. Er hat im Grunde damals bereits einen Kapitalismus beschrieben, der heute erst zu seiner vollen Entfaltung gekommen ist. Darin war er visionär. Deshalb ist dieses Werk immer noch aktuell.

Vor Jahren hieß es, Marx ist tot. Neuerdings heißt es eher, er ist quicklebendig. Wozu neigen Sie?

Welskopp: Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 ist er nicht mehr so tot wie vor Jahren, als er vor allem als Stein gewordenes Denkmal gesehen und in ebensolcher Form gewürdigt wurde. Seit zehn Jahren befassen wir uns wieder mit seiner Person, seinem Werk und auch seiner Zeit, dem 19. Jahrhundert, das unglaublich dynamisch und interessant war. Marx war eine Schlüsselfigur dieser Zeit und sein Werk liefert heute wieder Antworten.

Welches Werk von Karl Marx lesen Sie am liebsten?

Welskopp: Ganz klar: das Manifest der Kommunistischen Partei.

Warum?

Welskopp: Weil das ein so explosiver, dynamischer Text ist, der in seinem Duktus vorwärts drängt und auch literarisch so gut gearbeitet ist.

Und sein Inhalt?

Welskopp: Ist für mich eine kühne, knappe Zusammenschau einer Zeitdiagnose, verbunden mit einer Zukunftsprognose. Seine Einzelbeobachtungen halten zwar nicht alle stand, aber viele von ihnen sind heute noch Thema für uns.

Welche sind das?

Welskopp: Marx beschreibt zum Beispiel die Zukunftsvision eines globalisierten Kapitalismus, der die Nationalstaaten völlig hinter sich lässt. Das finde ich sehr treffend beschrieben und letztlich erstrebenswert.

Und das Endziel einer kommunistischen Gesellschaft?

Welskopp: So einer "Zukunftsausmalerei", wie die Sozialdemokraten das damals nannten, hat er sich ja konsequent verweigert.

In der letzten Zeit sind zahlreiche neuen Bücher über Marx erschienen. Welche empfehlen Sie zur Lektüre?

Welskopp: Wer sich umfassend informieren will, der sollte zu Gareth Stedman Jones' umfangreicher Marx-Biografie greifen. Ein wirklich gutes, knappes Buch hat Wilfried Nippel vorgelegt und Dietmar Dath hat einen 100-seitigen mitreißenden Essay verfasst, der pointiert, klar und sehr gut geschrieben ist. Das ist mein Favorit für den Einstieg in die Marx-Lektüre.

Wer Marx im O-Ton lesen will, liest was?

Welskopp: Ich empfehle, mit dem Manifest der Kommunistischen Partei anzufangen, weil es ein so starker Text ist. Von dort aus kann man sich alles andere gut erschließen.

Und das Kapital?

Welskopp: Nur Mut, Band eins ist überhaupt nicht so rätselhaft, wie immer behauptet wird. Es ist ein starker Text, dessen Lektüre sich sprachlich und literarisch auch heute noch lohnt. Und veraltet ist er schon gar nicht. Wir können immer noch viel über das kapitalistische System erfahren.

Wird der Zusammenbruch des Kapitalismus, den Marx vorhergesehen hat, kommen?

Welskopp: Marx hat die Prognose von dessen Zusammenbruch ja auch selbst schon immer weiter nach hinten verschoben. Ich arbeite gerade an einer historischen Theorie des Kapitalismus aus der Perspektive der Akteure. Ich gehe dabei davon aus, dass wir noch sehr, sehr lange mit dem Kapitalismus zu tun haben werden trotz all seiner Krisen. Ich glaube, Marx würde das heute auch so sehen.

Menschlich soll er nur schwer erträglich gewesen sein?

Welskopp: Seine Zeitgenossen nannten ihn einen "eckigen Charakter". Er konnte sehr gut mit Leuten, mit denen er sich politisch auf einer Linie sah. Aber Andersdenkende bekämpfte er massiv. Gegen sie hat er richtig ausgeteilt. Dabei schreckte er auch vor antisemitischen Ausfällen nicht zurück. Letzteres erkläre ich mir mit einem gewissen Maß an jüdischem Selbsthass.

Stimmt es nun eigentlich, dass Marx mit Geld nicht umgehen konnte?

Welskopp: Das stimmt. Er lebte gerne gut, hatte aber nie genug Geld für diesen Lebensstil, denn auch Erbschaften waren schnell ausgegeben. An der Börse hat er zudem ohne Erfolg spekuliert. Sein Freund Engels hat ihn finanziell unterstützt und zahlte ihm später gar eine Rente.

Was hätten Sie ihn gerne gefragt?

Welskopp: Wahrscheinlich, wie er das System nennen würde, das er in seinem Buch "Das Kapital" analysiert hat, denn das Wort Kapitalismus kommt darin nicht vor.

Das Gespräch führte Stefan Brams





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Vita

Karl Marx wird am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Seine jüdischen Eltern sind der Rechtsanwalt Heinrich Marx und Henrietta Marx. Um seinen Beruf weiter ausüben zu können, tritt der Vater zum Protestantismus über, die Kinder werden getauft.


  • 1830-1835: Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier.
  • 1835-1841: Studium (Jura, Philosophie und Geschichte) in Bonn und Berlin.
  • 1841: Promotion an der Universität Jena zum Doktor der Philosophie.
  • 1841-1842: Redakteur der liberalen Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe in Köln.
  • 1842: Marx lernt Friedrich Engels (1820-1895) kennen.
  • März 1843: Hochzeit mit Jenny von Westphalen, einer Jugendfreundin aus Trier. Das Paar geht nach Paris.
  • 1844: Gemeinsam mit Arnold Ruge (1802-1880) Herausgeber der Zeitschrift Deutsch-Französische Jahrbücher.
  • 1845: Ausweisung aus Paris auf Betreiben der preußischen Regierung, Aufgabe der preußischen Staatsbürgerschaft, staatenlos. Umzug nach Brüssel.
  • 1848: In London wird das von Marx und Engels gemeinsam verfasste "Manifest der Kommunistischen Partei" veröffentlicht.
  • 1848-1849: Rückkehr nach Köln, Herausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung, die dem linken Flügel der Demokraten nahesteht.
  • 1849: Nach dem Scheitern der Revolution Ausweisung und Umzug nach London ins Exil.
  • 1859: Veröffentlichung der "Kritik der politischen Ökonomie".
  • 1864: Gründung der "Internationalen Arbeiter-Assoziation", für die er die Statuten verfasst.
  • 1865: Bruch mit dem 1863 von Ferdinand Lassalle gegründeten "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein".
  • 1867: Veröffentlichung des ersten Buches von Marx' Hauptwerk "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie". Die Bücher II und III in drei Bänden werden nach seinem Tod von Friedrich Engels herausgegeben.
  • 1875: Marx' "Kritik des Gothaer Programms" erscheint.
  • 2. Dezember 1881: Tod von Jenny Marx.
  • 14. März 1883: Marx stirbt in London.


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Karl Marx hat zahlreiche Werke hinterlassen. In ihnen - wie auch in seinen vielen Reden - finden sich etliche Zitate, die später in die Geschichte eingegangen sind. Eine Auswahl:
»Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.«
Kritik des Gothaer Programms, 1875 
»Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«
Marx-Engels-Werke MEW, S. 9, 1859 
»Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.«
Manifest der Kommunistischen Partei 
»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.«
MEW, 3, S. 7, 1845 
»Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.«
Manifest der Kommunistischen Partei 
»Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht.«
MEW 23, S. 779, 1867 
»Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben dafür eine Welt zu gewinnen.«
Manifest der Kommunistischen Partei 
»Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.«
MEW 3, S. 35, 1846/1932 
»Aber ein Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ist kein heiliger Zweck.«
Rheinische Zeitung Nr. 135 vom 15. Mai 1842 

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Zur Person 
Thomas Welskopp ist Professor für die Geschichte moderner Gesellschaften an der Universität Bielefeld, wo er seit 2004 lehrt. 
In seiner Habilitationsschrift "Das Banner der Brüderlichkeit" (2000) beschäftigte er sich mit der Frühgeschichte der deutschen Sozialdemokratie, in der auch ein gewisser Karl Marx eine bescheidene Rolle spielt.  
Für die Kataloge der anstehenden Karl-Marx-Ausstellungen in Trier hat er zwei Beiträge veröffentlicht. Welskopp setzt sich in ihnen mit dem Thema "Karl Marx und die Arbeiterbewegung" sowie dem "Manifest der Kommunistischen Partei" auseinander.


© 2018 Neue Westfälische
03 - Bielefeld Süd, Freitag 04. Mai 2018



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