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Mittwoch, 21. Februar 2018

art 1968


Geiger Rupprecht "Documenta 1968" (pinterest)

»Sie haben gesagt: ›Was wir machen, ist Kunst‹«
Thomas Kellein, ehemaliger Direktor der Kunsthalle Bielefeld, über Künstler und die 68er-Bewegung
1968 und die Kunst – das ist ein weites, spannendes Feld. Haben Künstler die Entwicklung gespürt? Wie ist die Documenta 1968 gelaufen? Darüber hat Andreas Schnadwinkel mit Dr. Thomas Kellein (62), dem ehemaligen Direktor der Kunsthalle Bielefeld, gesprochen.

Was war damals der Grund »1968. Die Große Unschuld« erst 2009 und nicht 2008 zum 40. Jahrestag in der Kunsthalle zu zeigen?

Thomas Kellein: Der Hauptgrund war, dass wir 2007 die Ausstellung »1937« gezeigt haben. Das war bis dato die größte Ausstellung, die die Kunsthalle Bielefeld jemals gemacht hat. »1937« war sehr erfolgreich, aber auch sehr anstrengend, weil wir gezeigt haben, in welchen Ländern 1937 welche Kunst produziert wurde. Das forderte alle Ressourcen. Deswegen kam erst nach »1937« die Idee, und wahrscheinlich zu spät, das zweite wichtige Jahr des 20. Jahrhunderts ins Auge zu fassen:1968.

Hat es sich im Nachhinein als günstige Fügung erwiesen, den 1968-Medienhype im Jahr 2008 ins Land gehen zu lassen, um dann mehr Aufmerksamkeit zu haben?

Kellein: Bei 1968 wurde schon im Dezember 2007 klar, dass der Jahrestag von allen abgefrühstückt würde. Im März 2008 war das Thema in den Medien eigentlich schon durch. Was aber überhaupt nicht vorkam, war die Frage: Was ist 1968 denn künstlerisch passiert? Als ich 2007 und 2008 mit Künstlern über 1968 sprach, zum Beispiel auch mit Georg Baselitz, sagten viele, dass es kaum ein kunstfeindlicheres Jahr als 1968 gegeben hätte.
Thomas Kellein (rechts), mit Georg Baselitz 2009 im
Klostergarten Dalheim - war 1996-2010 Direktor der
Kunsthalle Bielefeld. Seit 5 Jahren ist er Leiter
der Kunstberatung der Privatbank Berenberg

Inwiefern war 1968 kunstfeindlich?

Kellein: Alles stürzte sich auf die Politik und auf gesellschaftliche Veränderungen, die Kunst erlebte insofern eine Art Generalverdacht. Baselitz ging weg aus Berlin, weil es in Berlin wenig opportun und kaum noch möglich war, Künstler zu sein. Kreativität passte nicht in die Absicht der Studenten und Professoren, politischen Widerstand zu organisieren. Die Illusion aus heutiger Sicht, dass Studenten die deutsche Arbeiterschaft überzeugen könnten, die Revolution zu starten, wurde damals ja nicht belächelt, sie wurde entweder stark genährt oder stark gefürchtet.


War Georg Baselitz ein typischer Künstler für 1968?

Kellein: Baselitz war ein untypischer Künstler für 1968. Man hat ihm ja lange vorgeworfen, dass er ein Oberreaktionär sei. Diesen Streit genoss Baselitz, das steigerte die Reputation. Er wollte Malerfürst sein wie übrigens auch Markus Lüpertz, während andere sich um Gesellschaft, Architektur und Konzeptkunst kümmerten.

Also ist eher Anselm Kiefer ein typischer 68er-Künstler?


Anselm Kiefers "Heroische Sinnbilder" gelten als
wichtige Werke der "68er-Kunst" - dpa
Kellein: Wenn man den »Marsch durch die Institutionen« auf die Kunst überträgt, dann ist Anselm Kiefer einer der wichtigsten 68er-Künstler. Seine »Heroischen Sinnbilder«, Selbstporträts mit Hitlergruß in der Landschaft, wurden politisch angegriffen, in der Kunstszene jedoch respektiert. Gut zwei Jahrzehnte später aber gab es kaum noch ein westliches Museum, das Anselm Kiefer nicht geschätzt hätte. Als ich Anfang der 80er oft in New York war, um für die Staatsgalerie Stuttgart Ausstellungen vorzubereiten, wurde ich häufig gefragt, ob ich ein Werk von Anselm Kiefer besorgen könne. Kiefer war ganz zu Anfang nicht unbedingt Maler, sondern eher Konzeptkünstler, der mit einer Haltung auftrat. Es waren die Haltungen oder »Attitüden«, die man sehr schnell mit »1968« in Verbindung brachte: Arte Povera, Land Art, Conceptual Art.

Gibt es außer Anselm Kiefer noch andere Künstler, die durch 1968 groß herauskamen?

Kellein: Sicherlich, viele Künstler, Carl Andre und Bruce Nauman zum Beispiel. In Deutschland geschah das von 1968 an stilprägend in der Galerie Konrad Fischer in Düsseldorf.

Was hat 1968 Positives für die Kunst bewirkt?

Kellein: Die Hauptleistung der 68er-Künstler besteht darin, dass seitdem nichts mehr an der zeitgenössischen Kunst vorbeiführt. Das haben sie erreicht. Sie haben gesagt: »Wir sind da. Was wir machen, ist Kunst. Und es reicht, wenn wir sagen, dass es Kunst ist.«

Hat 1968 in der Kunst auch die Emanzipation der Frau gestärkt?

Kellein: Als wir die Ausstellung »1968« gemacht haben, waren wir bestürzt, dass die Gleichberechtigung der Frau damals noch mit ganz wenigen Ausnahmen kein Thema war. Sexuelle Freiheit und Antibabypille waren Ausdruck von Hedonismus im Sinne von sexueller Befriedigung, nicht jedoch wirklich von Befreiung. Im Grunde wurden Künstlerinnen nur geduldet und nicht gefördert. Große Ausnahmefiguren waren Yoko Ono, Yayoi Kusama und Valie Export. Zwei davon sind heute Weltstars.

Wer waren 1968 die Weltstars der Kunst?

Kellein: Joseph Beuys natürlich, Christo, und umstritten war Georg Baselitz. Einflussreiche 68er-Kunst gab es hauptsächlich in Deutschland, Österreich, Italien, Frankreich und den Niederlanden. Und nicht nur wegen des Vietnamkriegs sehr stark in den USA.

Gab es vor 1968 in der Kunst eine Strömung, die den kommenden gesellschaftlichen Umbruch vorspürte?

Kellein: Eine sehr weitreichende erträumte gesellschaftliche Veränderung ging vor 1968 von der Fluxus-Bewegung aus. In der Kunsthalle Bielefeld haben wir mal den Fluxus-Künstler George Maciunas gezeigt. Diese Kunst ist wahnsinnig komisch, aber auch schrecklich, weil sie alles entlarvt. Ein Beispiel: Man geht mit einem 100-Mark-Schein in die Bank und wechselt den Geldschein so lange in andere Währungen, bis nichts übrig ist. Das ist Fluxus, da wird der Glaube an die hohe Kunst sehr stark zerbröselt.
Zwei Weltstars der Kunst: Andy Wahol (links) und Joseph Beuys - fotografiert 1979 (dpa)

Was ist mit Andy Warhol?

Kellein: Warhol war ein unglaublich kluger, weiser und scharfsinniger Künstler, der über seine Kunst nie redete und so tat, als wäre er permanent auf Droge und gar nicht zurechnungsfähig. Das gehörte zu seiner Attitüde und war eine Form von Unschuld.

Haben Sie Ihrer 1968-Ausstellung deshalb den Untertitel »Die Große Unschuld« gegeben?

Kellein: Ja. Dieser kindliche Ansatz, dass es nichts gibt als meine Einstellung, meine Ideen und meine Phantasie, ist die große Unschuld. Einerseits ist diese Egozentrik befreiend, andererseits ist das schrecklich. Dass wir uns, jeder einzelne Mensch, heute für so wichtig halten wie Sonne und Mond, geht natürlich auf die 68er-Zeit zurück. Keine nachfolgende Generation hat so gesponnen wie die 68er.


BILD-Zeitung zur Ausstellungseröffnung in Bielefeld


Welche Bedeutung hatte 1968 die Documenta?

Kellein: Das waren drei verschiedene Veranstaltungen. Die eine war die offizielle Eröffnungsfeier mit Bürgermeister, die zweite war die Störung dieser Eröffnungsfeier durch Demonstranten, und die dritte war eine Anti-Documenta von Künstlern wie Wolf Vostell, die sich ausgeschlossen sahen. Unter den Störern war übrigens ein gewisser Jörg Immendorff, der einen Kunststoff-Eisbären auf einen Besenstiel gesteckt hatte und sagte: »Ich will hier mal den Eisbären reinhalten«. Darüber habe ich mich immer kaputt gelacht. Was für ein kurioser Unsinn!

Gehören die Schüsse der Radikalfeministin Valerie Solanas auf Andy Warhol auch zu 1968?

Kellein: Auf jeden Fall. Das Attentat zeigt auf dramatische Weise, wie wenig Frauen damals und auch noch später in der Kunst zu sagen hatten. 1972 beklagte sich die Künstlerinnen-Gruppe »Guerilla Girls« beim Documenta-Leiter Harald Szeemann über fehlende Gleichberechtigung. Szeemann schrieb einen Satz zurück: »Frauen sollen Suppe kochen.« Das habe ich in einem Archiv gefunden, es war ein dickes Ei.

Ob Biennale in Venedig oder Documenta in Kassel. Heute kommt Kunst kaum ohne die Flüchtlingskrise aus. Muss Kunst politisch und aktuell sein?

Kellein: Man muss unterscheiden zwischen Kunst, die mit Kriegsgewinnlertum zu tun hat, und Kunst, die politisch ist. In meinen Augen wird die Kunst zum Teil dafür missbraucht, dass sie diese Themen aufgreift. Dann haben alle ein schlechtes Gewissen, und die Politiker können ihre Zuschüsse rechtfertigen. Das ist mir zu billig. Natürlich muss Kunst politisch sein, sonst hätte es keinen Goya und keinen Beuys gegeben. Aber nicht so penetrant mit dem Zeigestock.

Quelle.: westfalen-blatt.de/68er - Teil 6  - 21.02.2018 - oder click here



Museum Fridericianum 1968 - documenta 4: Tom Wesselmann, Great Ameriacan Nude *No.98 (1968), *Mouth No. 15 (1968) (c) Tom Wesselmann/VG Bild-Kunst; Richard Smith, Second Time Around 1-5 * (1967); Roy Lichtenstein,*Yellow Broshstroke II (1965), (c) Roy Lichtenstein/VG Bild-Kunst; Escobar Marisol, The Dealers (1965/66), Couple (1965/66); Robert Indiana The great Love (1966), (c) Robert Indiana/VG Bild-Kunst; Larry Poons, One Credit (1967), (c) Larry Poons/VG Bild-Kunst - Foto: Hans-Kurt Boehlke - documenta 4, Kassel




natürlich war ich seinerzeit in kassel bei der documenta - natürlich habe ich neben joseph beuys gestanden - und sein etwas grau-schwarz wirkender hinterer hals zum weißen kragen hat mich damals fasziniert oder irritiert, das weiß ich nicht mehr so genau - und all die leute, mit denen er sich umgab. und seine politischen äußerungen vom anthroposophischen von rudolf steiner zunächst beeinflusst - aber dann mit viel 68er zeitgeist verrührt und seinem absturz-trauma als weltkriegs-kampfflieger - alles das - die ganze mixtur, die dann ja auch überging in die "grüne bewegung", der er ja nahestand - wo er dann auch auf den ober-"68er" rudi dutschke stieß - allerdings jahre nach 68 ... nachdem man rudi dutschke schon fast zum krüppel geschossen hatte ...

"die basis war der kunstbegriff, die gestaltung der gesellschaft auf der grundlage der selbstbestimmung und freiheit." beuys kandidierte bei der europawahl 1979 und machte dazu gemeinsam mit rudi dutschke wahlkampf - und der spätere bundesinnenminister otto schily war damals dabei als rechtsanwalt der raf - ehe er sich später der spd anschloss.


wenn man von der kunst bei den "68-ern" spricht muss man auch die kleinere aber nicht weniger spektakuläre aktion "LIDL" von jörg immendorff ind chris reinecke unbedingt erwähnen: LIDL war ein aktionsprojekt, bestehend aus mehreren kunstaktionen zwischen 1968 und 1969.

ziel der „LIDL“-kunstaktionen war es, das verhältnis von darstellung und zeigbarem, bildmacht der sprache und sprachhaftigkeit der bilder zu hinterfragen (= ein bild sagt mehr als 1000 worte ...). es war der versuch, bewegung in die konservative nachkriegsatmosphäre der brd zu bringen. „LIDL“ ist ein nonsens-wort, das vom geräusch einer babyrassel abgeleitet war und das immendorff als schlachtruf für seine spätdadaistischen auftritte diente ...
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in diesen tagen wird ja viel über die "68-er" resümmiert - im guten wie im schlechten.

viele, die heute vor allem negativ darüber schreiben, waren damals erst 8-10 jahre alt - und die verbreiten nur das "igittigitt" ihrer konservativen eltern weiter, so scheint es mir, oder sind eben in einer 68-er landkommune so frei verzogen worden, dass sie sich nun straffe "führung und eine starke hand" wieder herbeisehnen, der ihre eigenen kinder jetzt endlich wieder "flink wie windhunde, zäh wie leder und hart wie krupp-stahl" macht - damit sie zuhause nicht herumflennen - aber sie sitzen ja meist sowieso vor dem smartphone und wischen! 

die meisten aber, die sich zu "68" zu wort melden, übersehen die kulturelle tiefe und breite und die befreiung vom alten mief und pulverdampf der braunen ns-zeit dieser 68-er völlig - und haben keine ahnung über die kulturelle und politische und internationale dimension des ganzen ... 

dazu gibt es einen lesenswerten aufsatz in der stockkonservativen "welt" von alan posener, der ja das "links-konservative - aber dafür jüdische aushängeschild der "welt" gegenüber dem alten jüdisch zynisch-konservativen schlachtross henryk m. broder ist - der alan posener stellt also fest, dass "1968" fast eine internationale "jüdische weltverschwörung" als reaktion auf den holocaust war ...

da sei auch noch mal auf die "beat"-literatur eines jack kerouac und eines allen ginsburg und ihrer "bewegung" mit der cut-up-lyric in den usa hingewiesen - von wo es überallhin ausstrahlungen in die internationale literatur gab: rolf d. brinkmann und dann uwe timm in deutschland als beispiele ... - und die mainzer minipressen-messe mit den alternativ-verlagen und dem zentralorgan eines "ulcus-molle"-infos von "bibi" wintjes aus bottrop ... - und was wäre die musik ohne die forschungen und experimente eines john cage ... beuys berichtet ja im video von einer ähnlichen "akustischen" kunstaktion ...

das war nicht alles "unmöglich" und "igittigitt" - trotz grau-anthraziter nacken alter abgestürzter kampfflieger - das wurde nur zu schnell vom kapitalismus aufgefressen - weil es zu "gefährlich" für all die geldzähler wie onkel dagobert aus entenhausen wurde - und weil man sich deshalb einen solchen "alternativen geschäftszweig" schnell zu eigen machen musste - mundtot machen durch "integration" als geschäftsmodell - ein altbewährtes multinational globalliberales turbo-kapitalismus-mittel zum einschläfern der breiten massen ...und zum abfedern jeden widerstands ... - das funktioniert bis heute - typen wie joseph beuys oder donald trump - wer ist ihnen lieber ??? - urteilen sie selbst ...   - S!


Dienstag, 20. Februar 2018

SPIEGEL.de/bento und DIE WELT: afd-dr. med. gedeon stolpert über den stolperstein



Der baden-württembergische AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon fordert ein Ende der Stolperstein-Aktionen. Mit den Steinen wird in vielen deutschen Städten den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Gedeon bezeichnet sie nun als "Erinnerungs-Diktatur".


Auf seiner Homepage hat er einen öffentlichen Brief gegen die Steine veröffentlicht. Den Brief richtet Gedeon vor allem an den Oberbürgermeister der Stadt Singen.

Der Hintergrund: Singen plant, drei Stolpersteine für Ernst Thälmann und seine Familie zu verlegen. Thälmann war zur Zeit des Nationalsozialismus Chef der Kommunistischen Partei Deutschlands und wurde von den Nazis verfolgt. 1944 wurden er und seine Familie im Konzentrationslager Buchenwald getötet.

Nun behauptet AfDler Gedeon über die Stolpersteine:

"Mit ihren Aktionen versuchen die Stolperstein-Initiatoren ihren Mitmenschen eine bestimmte Erinnerungs-Kultur aufzuzwingen und ihnen vorzuschreiben, wie sie wann wessen zu gedenken hätten."

Die Forderung erinnert an den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, der im Januar vergangenen Jahres ebenfalls ein Ende der "lächerlichen Bewältigungspolitik" forderte (bento). 

Wer ist Gedeon?
Der AfD-Politiker sitzt im Landtag von Baden-Württemberg – dort allerdings als fraktionsloser Einzelabgeordneter. Er fällt immer wieder durch antisemitische Äußerungen auf, selbst in der Partei ist er umstritten. Mehrere AfDler wollten Gedeon bereits aus der Partei ausschließen (bento). Das Ausschlussverfahren wurde jedoch im Dezember aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Anderen mangelt es nicht an Beweisen: Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt Gedeon offiziell einen Holocaust-Leugner. Der AfD-Politiker wollte dagegen klagen, verlor aber erst kürzlich vor Gericht. (Die Zeit)

Worum geht es bei der Stolperstein-Aktion?
Die Stolpersteine werden seit vielen Jahren durch den Künstler Gunter Demnig in ganz Europa verlegt. Es handelt sich um kleine goldene Pflastersteine, auf denen Namen und Lebensdaten von Opfern der Nationalsozialisten eingraviert sind. (Stolpersteine.eu)

So sehen die Stolpersteine aus:



Wer durch eine Stadt spaziert, wird durch die Steine so auf die Vergangenheit des Ortes aufmerksam gemacht – und erfährt, wie viele Leben durch die Nationalsozialisten ausgelöscht wurden.

Meist werden die Steine vor dem letzten Wohnsitz der Betroffenen ins Gehwegpflaster eingelassen. Oft handelt es sich um jüdische Familien, derer gedacht wird. Aber auch andere NS-Opfer – Opfer des Euthanasieprogramms oder politisch Verfolgte zum Beispiel – bekommen Stolpersteine.

In ganz Europa sind nach Angaben von Demnig mittlerweile mehr als 60.000 Steine verlegt, die meisten davon in Deutschland.

Der AfD-Politiker Gedeon will nun aus zwei Gründen gegen die Stolpersteine vorgehen:
1. Ihm ist die Erinnerungskultur zuwider. 
2. Ihm ist speziell auch Ernst Thälmann zuwider. Der Kommunist wollte angeblich eine "rote Diktatur" in Deutschland errichten, schreibt Gedeon. Ihn jetzt zu würdigen, verwandele Deutschland in eine "Groß-DDR".
Dass es eine der wahrscheinlich spannendsten Leistungen Deutschlands ist, sich kritisch mit seiner Vergangenheit auseinander zu setzen und an düstere Kapitel zu erinnern, scheint der Abgeordnete der AfD nicht zu verstehen.

Dabei kann man sich durchaus um die Form des Gedenkens streiten:

So sprach sich die ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden, Charlotte Knoblauch, wiederholt gegen die Gedenksteine aus – allerdings aus ganz anderen Gründen. "Für mich ist der Gedanke unerträglich, dass diese Menschen und die Erinnerung an sie erneut mit Füßen getreten wird", sagte sie bei einer Debatte um Stolpersteine in München. Unter anderem wegen ihres Engagements sind Stolpersteine München auf öffentlichem Grund untersagt. (Süddeutsche Zeitung)

Und der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Hamburgs, Daniel Killy, warf dem Künstler vor, sich einen "politisch korrekt ummantelten Businessplan" geschaffen zu haben. (NDR)

Eine Sache ist aber für alle klar: Das Gedenken an den Holocaust ist wichtig für Deutschland – ob in Schulbüchern, auf Steinen oder in Form von Denkmälern.

bento - click here

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STOLPERSTEINE

Scharfe Kritik an Gedeons Forderung

Deutschlandweit erinnern Stolpersteine an die Opfer der NS-Herrschaft. Der AfD-Politiker Gedeon forderte ein Ende der Aktion. Es werde versucht, Menschen eine „bestimmte Erinnerungs-Kultur aufzuzwingen“.

Stefan Raabe putzt Stolpersteine in Berlin
Foto: Berliner Zeitung
Nach der Kritik des AfD-Politikers und baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon an Stolpersteinen zum Gedenken an NS-Opfer hat das Internationale Auschwitz Komitee die rechtspopulistische Partei scharf angegriffen. „Die AfD bekämpft immer brachialer und skrupelloser, was die Überlebenden von Auschwitz als Zeitzeugen in der deutschen Gesellschaft bewirkt haben“, sagte der Vizepräsident des Komitees, Christoph Heubner, am Montag. Diese werteten Jargon und Inhalte der „schäbigen Botschaften“ als persönliche Angriffe. Sie seien ein Versuch, die Überlebenden und ihre Erinnerungen aus der Gesellschaft herauszudrängen.

Gedeon hatte ein Ende der Stolperstein-Aktionen gefordert. „Es gibt angemessenere Arten des Gedenkens im Rahmen von Gedenkstätten, von denen wir hier genügend haben“, schrieb der 70-Jährige an den Oberbürgermeister und den Gemeinderat der Stadt Singen. „Mit ihren Aktionen versuchen die Stolperstein-Initiatoren ihren Mitmenschen eine bestimmte Erinnerungs-Kultur aufzuzwingen und ihnen vorzuschreiben, wie sie wann wessen zu gedenken hätten. Wer gibt diesen oft sehr penetranten Moralisten das Recht dazu?“, hieß es dort weiter.

Gedeon hatte den Appell auch auf seiner Internetseite veröffentlicht. Die Stadt plant, drei solche Gedenksteine für den KPD-Chef Ernst Thälmann und seine Familie zu verlegen.

Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) kritisierte Gedeons Forderung scharf. „Umso lauter ihr Ende gefordert wird, desto mehr Stolpersteine brauchen wir“, erklärte Maas. „Wir tun alles, um es zu schützen“, so Maas. „Jeder Form von Antisemitismus müssen wir uns entschlossen entgegenstellen.“

Nachdem Günther Jauch an einer Stolperstein-Putz-Aktion
  teilgenommen hatte - legte er noch ein paar Blümchen  nieder ... -
Quelle: inFranken
Maas erklärte, die Stolpersteine lehrten „uns, dieOpfer des Nationalsozialismus niemals zu vergessen“. Es sei ein unverdientes Geschenk, dass es in Deutschland wieder jüdisches Leben gebe.

Stolpersteine werden seit vielen Jahren deutschlandweit verlegt. Sie erinnern an die Opfer der NS-Herrschaft – in der Regel jeweils vor dem letzten Wohnsitz der Betroffenen. Europaweit gibt es inzwischen 60.000 Stolpersteine.

Der Arzt Gedeon gilt auch parteiintern einigen als Antisemit. Ein Landesschiedsgericht der AfD hatte ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn im Dezember aus Mangel an Beweisen eingestellt. Der Abgeordnete bleibt im Landtag aber aus der Fraktion ausgeschlossen; er sitzt dort als Einzelabgeordneter.

Gedeon war erst am Dienstag vor dem Landgericht Berlin mit einer Unterlassungsklage gegen den Zentralratspräsidenten Josef Schuster gescheitert. Schuster darf nach dem Urteil – geschützt durch das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung – Gedeon einen „Holocaust-Leugner“ nennen. Aus Sicht Schusters versucht der AfD-Politiker, den Völkermord der Nazis an den Juden zu bagatellisieren und zu relativieren.

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"Mit ihren Aktionen versuchen die Stolperstein-Initiatoren ihren Mitmenschen eine bestimmte Erinnerungs-Kultur aufzuzwingen und ihnen vorzuschreiben, wie sie wann wessen zu gedenken hätten. ... Es geht nicht nur um eine Inflationierung von Gedenken, sondern auch darum, dass hier aus Erinnerungs-Kultur immer mehr Erinnerungs-Diktatur wird. Das sollte man nicht weiter unterstützen!", schreibt der unsägliche dr. med. wolfgang gedeon auf seiner homepage dazu. die freie meinungsäußerung in diesem demokratischen land ermöglicht ihm das ja. 
gedeon, ein gynäkologe aus cham (bayern) hat ja sowieso schon eine äußerst bunte politische odyssee hinter sich: nach seinem austritt aus der katholischen kirche von links außen (kpd/ml) als "maoist" und "kommunist" über die "esoterik" (heilsteine und wünschelrute) nun hin zur afd und nach ganz rechts außen - ähnlich dem rechtsanwalt horst mahler mit dessen irrwitziger reise durch das politische sprektrum von ganz links bis rechtsaußen.

dr. gedeon ist mein jahrgang - also auch irgendwie ein 68-er - und da sollte er zumindest auch inzwischen gelernt haben, zu akzeptieren, dass andere menschen, betroffene und verwandte, den ns-opfern so gedenken wollen und mit den mitteln, wie sie es schlicht für richtig halten. 

das ist eben kein aufzwingen einer "erinnerungs-diktatur", sondern das legitime recht, den opfern einer inflationären millionenfachen ns-tötungsmaschinerie zu gedenken. wenn herr dr. med. gedeon dem nicht zu folgen in der lage sein will, kann er ja einfach über die stolpersteine hinwegsehen und versuchen, nicht darüber zu stolpern - oder andere wege zu gehen ... - und darin kennt er sich ja inzwischen aus ... 

ich hatte diese hier offen zutage tretende tatsächliche ablehnung gegen die stolpersteine in deutschland und europa gerade der afd bzw. ihr nahestehender "politiker" immer vermutet, aber ich habe es zuvor niemals so explizit schwarz auf weiß gelesen ... 

und besonders desolat und makaber - ja tragisch - ist dann ja in diesem zusammenhang noch die im hintergrund zwischen zentralrat der juden bzw. lokalen jüdischen gemeinden vereinzelt auftretende gemeinsamkeit neben der afd in dieser lautstarken und vehementen ablehnung - wenn auch aus unterschiedlichsten motiven heraus ...

aber auch die vielen nachfolgeorganisationen der alten tötungs- und deportationsanstalten und -lager,  die sich erst nach und nach öffentlich zu ihrer geschichte bekennen - sowie das totschweigen und ausblenden vieler längst bekannter tödlicher verstrickungen und fakten von damals in familien und archiven und im schulischen unterrichtsalltag ...

der historiker götz aly vermutet, dass ungefähr jeder achte erwachsene deutsche beispielsweise in familie und verwandtschaft mit dem ns-"euthanasie"-geschehen irgendwie verbunden ist. diese zahl erhöht sich entsprechend wenn man die opferzahlen des gesamten europäischen holocaust zusammenrechnet.

es wäre auch für die enkel- und urenkel-generation an der zeit, endlich diese verstrickungen von damals in den eigenen familien sowohl auf täter- und auch opferseite und die der vielen stummen augenzeugen und denunzianten aufzuarbeiten.
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als pate eines stolpersteins für meine tante erna kronshage (1922-1944), die in der "euthanasie"-aktion der nazis ermordet wurde, muss ich mich auch noch einmal besonders zu der stolperstein-kritik vom vorsitzenden der jüdischen gemeinde in hamburg, daniel killy, wenden (lesen sie unbedingt dazu den schon oben erwähnten ndr-beitrag). killy hatte behauptet, der künstler gunter demnig würde mit der stolperstein-aktion "millionen" verdienen ... 

für einen stolperstein wie den, der sich hier in der abbildung dreht, zahlt der jeweilige pate 120,00 uro inklusive der fachmännischen verlegung und verankerung auf einem öffentlich-städtischen grund (meist gehwege, bürgersteige in der nähe des letzten wohnsitzes des ns-mordopfers). 

dafür kommt oft der künstler und stolperstein-"erfinder" gunter demnig persönlich mit seinem ganzen know-how und seinem werkzeug und legt selbst hand an mit presslufthammer und bohrmaschine und befestigungsmörtel und spachtel, den stein zu legen. insgesamt liegen in europa mittlerweile über 60.000 dieser steine vor ort - und so entsteht ein gesamteuropäisches "martyrologium". und natürlich passt das einer afd und vielleicht auch anderen europäischen holocaust-leugnern und rechts-populisten nicht in den kram. 

im preis inbegriffen ist also die logistik, der kleine pflasterstein selbst: die individuelle gravur der metallplatte, die stoßfeste befestigung der dinge miteinander, die erd- bzw. straßenbauarbeiten mit der verlegung des steins (ca. 30 min. dauer vor ort). hinzu kommen ja noch kosten für unterkunft und verpflegung, werkzeugbenutzung, fahrtgeld usw. für gunter demnig oder seine crew.: wenn man das alles zusammenzieht, kann man von einem "millionen"-geschäft wohl kaum noch sprechen - in wirklichkeit ist es ja zumindest ideell ein schnäppchen.

es ist mir völlig schleierhaft - weshalb frau knobloch in münchen und herr killy in hamburg da so einen "bohei" veranstalten, der ja letztlich ihre sache mit ist - und wie man nun sieht, sich sogar auf umwegen darin mit der afd gemein machen - ihr engagement dagegen bei aktionen gegen höcke und gedeon und afd geschieht da wohl mehr im stillen ... - wenigstens höre ich da in den medien nicht so viel wie zum widerstand gegen die stolpersteine ... - was ist da nur los ??? - S!



Montag, 19. Februar 2018

marias testament - in wort, schrift und bild

S!NEDi|art: schreihals - update: 19-02-2018


NICOLE HEESTERS IN MARIAS TESTAMENT

Die etwas andere Marienlegende

Von Monika Nellissen | welt.de

Nicole Heesters glänzt in ihrem großen Monolog 

Atemloses Schweigen, dann orkanartiger Beifall. Nicole Heesters glänzt in Colm Tóibíns Monolog „Marias Testament“ an den Hamburger Kammerspielen. „Das war es nicht wert, dass er die Welt erlöst hat“, ist ihr bitteres Fazit.

Stille. Zwei Tische, der eine vollgestellt mit Küchenutensilien, der andere, kleinere, geschmückt wie ein Altärchen mit ewigem Licht und Blumen. Eine Frau und ihre Stimme. Was für eine Stimme! Nicole Heesters. Sie spielt in den Kammerspielen die Mutter Gottes in Colm Tóibíns Monolog „Marias Testament“.

Nein, sie spielt nicht, sie ist ganz einfach eine Frau, die Mutter eines Mannes, der berühmt ist und gefährlich wegen seiner Wunderkraft und deshalb den furchtbaren Tod am Kreuz erleidet. Was hat sie falsch gemacht? Hätte sie dieses Schicksal verhindern können? fragt sie sich. Nein. Aber sie will jetzt Zeugnis ablegen, wie es wirklich war, wie sie es erlebt hat und wie es die Legendenbildung nicht vorsieht. „Das war es nicht wert, dass er die Welt erlöst hat“, ist ihr bitteres Fazit. Atemloses Schweigen, dann orkanartiger, nicht enden wollender Beifall. Nicole Heesters ist Ereignis.

Eine andere Auslegung der Marienlegende

Anderthalb hoch konzentrierte Stunden lang ist die Heesters das vitale Kraftzentrum in einem Monolog, der Maria nicht als schmerzensreiche, als reine zeigt, der der Makel der Erbsünde durch die unbefleckte Empfängnis genommen ist. Sie ist eine Mutter, die ihren Jungen, der selbstverständlich Joseph zum Vater hat, nicht beschützen konnte.

Jetzt blickt sie, die glaubt, bald sterben zu müssen, zurück, und gibt zwei hier unsichtbaren Chronisten, ehemaligen Jüngern, die sie gleichermaßen bewachen wie beschützen, buchstäblich ihre Sicht, also die Wahrheit, zu Protokoll.

Manche mögen die Auslegung der Marienlegende durch den irischen Schriftsteller Colm Tóbín als blasphemisch empfinden, doch bringt sie uns Maria als Mensch viel näher, als es jene im Neuen Testament merkwürdig unbeschriebene Frau tut, die auf Bildern als liebliche Heilige, oder schöne Madonna Jesus als Kleinkind, oder den mit Wundmalen übersäten Toten in ihrem Schoß darstellen.

Diese Maria  räumt in ihren Erinnerungen auf

Hier ist Maria eine alte, wenngleich schöne, aufrechte, ungebrochene Frau, die genau das tut, was eine liebende Mutter macht, die möglicherweise in ihrer Erziehung Fehler gemacht hat und jetzt mit sich hadert, weil sie auch in entscheidenden Augenblicken versagt hat. Sie konnte den Anblick ihres am Kreuz gequälten, sterbenden Sohnes nicht ertragen und ist weggelaufen. Sie war eben keine Heldin, keine Heilige. Sie war und ist ein mit Fehlern behafteter Mensch.

Dieser Tatsache stellt sie sich nun in ihrem Testament. Sie räumt auf in ihren oft unbequemen, schmerzhaften Erinnerungen. Sie erzählt jetzt die Wahrheit, weil sie sie ja als Zeugin erlebt hat. Die sie aber lange Zeit als „Träumerei“ verdrängt hat. Das muss endlich aufgeschrieben werden. Schluss mit der Legendenbildung!

Elmar Goerden, verantwortlich für Bühnenbild und Textfassung, hat sich als Regisseur vollkommen auf Nicole Heesters fokussiert. Sie steht an der Bühnenrampe, reibt und knetet unaufhörlich ihre Handknochen, die Gelenke. Sie ist unruhig, nervös. Wird es ihr gelingen, so sachlich wie möglich das Erlebte den beiden Chronisten zu schildern, mit denen sie innere Zwiesprache hält?

Energisch, geradezu wütend, räumt sie das Altärchen zur Erinnerung an ihren Sohn ab. Das ewige Licht. Weg damit. Auch die Blumen. Devotionalien, Plunder, die ihrer Schilderung hinderlich sein könnten. Nur der Stuhl für ihren Sohn, der im Monolog ebenso wenig Jesus genannt wird, wie sie Maria, bleibt stehen.

Die „Horden“, die „Nichtsnutze“ der Jüngerschaft

Sie hat sich jetzt von äußeren Dingen befreit, kann sich ihrem Haushalt widmen und mit klarer Stimme erzählen. Sie ist eine starke Frau, die lacht, wenn sie sich an „alberne Anekdoten“ erinnert, wird zornig und ist voller Verachtung, wenn sie an die „Horden“, die „Nichtsnutze“ der Jüngerschaft denkt.

Es schmerzt sie, dass sich ihr Sohn von ihr abgewandt hat. Sie glaubt nicht an das Wunder bei der Hochzeit von Kanaan, bei dem ihr Sohn Wasser in Wein verwandelt hat. Wie soll das gehen? Sie verurteilt das Wunder der Auferstehung des Lazarus, der bereits beerdigt ist und dennoch zum Leben erweckt wird, um erneut zu sterben. Das macht sie wütend. Zynisch.

Sie begehrt auf, hadert, zweifelt, weint, nur kurz wird sie vom Schmerz überwältigt, sie duldet keine Sentimentalität sich selbst gegenüber. Sie wird ganz ruhig, verstummt, schreit sich den Kummer und die Empörung über den normalen Irrsinn während der Kreuzigung, die wie ein Volksfest gefeiert wird, von der Seele. Es geht doch um ihren Jungen, ihr Kind, nicht um den Erlöser, durch dessen Tod die Menschheit errettet werden soll. „Das war es nicht wert“, bilanziert sie.

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irgendwie ist das mein "marien-jahr" - wenn ich als protestant das mal so ausdrücken darf. schon weihnachten habe ich ein marienbild kreiert (link)- zu einem kommentar von alan posener aus der "welt", der auch die maria sehr menschlich und weniger als "göttliche mutter" beschrieb.

das - was da jetzt in den hamburger kammerspielen als monolog in der hauptrolle mit nicole heesters gezeigt wird, sind auch die gedanken einer alten frau über ein ganz normales leben und die allmähliche entfremdung von ihrem sohn jesus. für sie war er kein "christus" - und ihrer meinung nach hat er sich mit den "falschen leuten" umgeben.

ich mag das, wenn man dieses "göttlich" überzogene wieder auf "den boden der tatsachen" stellt - wenn man zeigt, dass sie alle menschen wie du und ich sind ... und wenn da oben der himmel allmählich mangels masse schließen muss, weil sie alle "mitten unter uns" sind.

maria ist für mich ein junges mädchen, vielleicht etwas altklug - etwas einsam und meist allein - und der vater ihres ersten kindes muss sich als reisender tischler verdingen: ein tagelöhner - alles ganz normal ... hochintelligent dann auch der sohn - aber eigentlich ganz normal ... na - eben wie die meisten geschichten, die von der begegnung des menschen mit gott handeln ... - 

ich habe mir jetzt das buch von tóibín auf mein "kindle" heruntergeladen - und freu mich schon auf die lektüre ... S!

schneck

gif-quelle: stadt bremerhaven


gestern las ich
das smartphone-gewische
sei eine sucht
83 prozent der menschen hier
haben sich bereits ganz bös infiziert
und twitter und consorten
spielten nur auf dieser klaviatur:
wischen wischen wischen 
und noch mehr wischen
immer weiter, immer länger, immer besser

jedes like auf meinem account
löst glückshormone aus
immer ein kleiner lottogewinn
immer eine anerkennung
ist doch toll - wenn selbst werner
aus buxtehude schreibt - 
das sei aber geil
was ich da hochgeladen hätte
inge auch wieder - wieder die inge
wie inge wohl tatsächlich aussieht

ist doch schön:
187 tweets habe ich ausgelöst
mit meinem foto von dem
alten schneckenhaus
in dem ich früher saß - 
finde ich doch echt geil:
so macht das leben 
einfach mehr spaß ...
und ich erleben was ...
finde ich wirklich - echt geil ...

sinedi




S!|photography: schneck

Samstag, 17. Februar 2018

durchzogen von hirn

XXL = CLICK HERE

hallo -

zu dem großartigen aufsatz von dr. andreas weber im aktuellen "zeit"-feuilleton habe ich in meiner stellungnahme bezug genommen auf meine überlegungen "neulich" zum "mikrobiom" und zum "bauchhirn".

ich habe dazu noch mal in den annalen des "http://sinedi2.rssing.com/catalog.php?indx=8720313" - meinem heimlichen "darknet" aller blog-einträge von mir von anno-dunnemals - recherchiert ...

es war also schon 2014 - als ich mich in 3 ausführlichen posts damit beschäftigt habe.

in dem dortigen "archiv"/catalog ist inzwischen das arte-video vom "bauchhirn" neu verlinkt worden - deshalb stelle ich es hier zum besseren verständnis all meiner manchmal vielleicht damals etwas hanebüchenen, stichwortartigen skizzen neu ein: 



... und setze nachfolgend nochmal die links zu diesen (leider nicht mehr im original layouteten) beiträgen:

→ 1. http://sinedi2.rssing.com/chan-8720313/all_p28.html#item546

→ 2. http://sinedi2.rssing.com/chan-8720313/all_p28.html#item547

→ 3. http://sinedi2.rssing.com/chan-8720313/all_p29.html#item572

vielleicht interessiert sie das ja noch - auch in ergänzung zum "weber-artikel" ... S!

Donnerstag, 15. Februar 2018

leben (be)schreiben

S!|photography


Schläft ein Lied in allen Dingen

Der große Erfolg der Bücher und Zeitschriften über Natur folgt einer neuen Weltsicht, die bei allen Lebewesen Gefühle entdeckt


VON ANDREAS WEBER | DIE ZEIT 08/2018 vom 15.02.2018 | S.42 FEUILLETON

Was, wenn alles ganz anders wäre? Wenn nicht nur Menschen eine Innenwelt hätten, sondern alles, was lebt? Wenn nicht nur Menschen Subjekte wären, sondern auch Bäume, Gräser, Affen und Schmetterlinge?
Bis vor Kurzem galt solche Hoffnung als sentimentale Schwärmerei. Doch heute hat sie sich durch harte Verkaufszahlen den Rang einer ernst zu nehmenden Position erstritten. Die Ahnung, dass wir vielleicht doch nicht inmitten automatenhafter Biomaschinen leben, lässt ein Genre auf dem deutschen Buchmarkt boomen, das noch vor einem Jahrzehnt niemand ernst nahm: das Schreiben über Natur.

Eine bislang nur im anglophonen Sprachraum vertretene Sparte hat auch in Deutschland Bestsellererfolge. Die Klassiker des Genres, von Henry David Thoreau über Roger Deakin bis Gary Snyder, verkaufen sich genauso gut wie Bände über Krähen, Kröten, Nelken und Brennnesseln – Titel, die jeder Literaturagent noch vor Kurzem nur müde belächelt hätte. Vorläufiger Kulminationspunkt des Booms ist Das geheime Leben der Bäume des Försters Peter Wohlleben, das ein echter Weltbestseller geworden ist und seit 139 Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste steht. Das Genre trifft einen Nerv. Vielleicht, mag sich der Leser denken, schläft ja doch ein Lied in allen Dingen!

Gerade das macht die Eliten skeptisch. Spöttisch. Zynisch. Wer nachliest, was deutsche Rezensenten über Naturliteratur schreiben, fühlt sich an das Verdikt erinnert, das Richard Strauss über Rachmaninows 2. Klavierkonzert fällte: »Gefühlvolle Jauche.«

Naturschönheit? Da waren wir doch schon einmal! Das ist doch Romantik! Und Romantik, das wissen wir, legte den Grundstein für die krassesten Entgleisungen des Denkens. Sie ist der röhrende Hirsch schaler Eigentlichkeit oder schlimmer noch: das Sinnlose, aufgeladen mit Sentimentalität.

Naturverachtung hat sich nicht nur in den Wirtschaftsetagen breit gemacht, sondern auch in den Deputaten des Geistes. Wer in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren Geisteswissenschaften studierte, lernte vor allem eins: Natur ist eine Fiktion, ausgedacht von uns Menschen. Bestenfalls ist die Biosphäre eine sinnentleerte Maschine, auf die wir unsere Suche nach Bedeutung projizieren, die aber in Wahrheit kalt und ungerührt bleibt. Wen dennoch das Aufblühen im Frühling rührt, der ist einfach naiv.

Und jetzt das: Millionen kaufen Bücher und Zeitschriften, in denen nicht nur die Begegnung mit anderen Lebensformen als Schlüssel zum eigenen Selbstverständnis ausgekostet wird, sondern diesen anderen Lebensformen sogar Gefühle zugesprochen werden, die den unsrigen kaum nachstehen. Muss das nicht als massive Verdummung bekämpft werden?

Was aber ist, wenn die Verlage, die von der neuen Naturwelle profitieren, recht haben und die Kulturkritik mit ihrem verbreiteten Spott das nicht wahrhaben will? Was, wenn das florierende Nature-Writing die jahrhundertealte Gegenüberstellung des Humanen und der Anderen auflöste und somit eine ganz neue Wirklichkeitssicht einschleuste?

Was sich hinter der naturschwärmerischen Welle abzeichnet, könnte etwas sehr Ernsthaftes sein: das Bild einer Welt, in der wir Menschen unseren Platz wiederfinden. Nicht in der Heimat einer trivialen Idylle, sondern in einer radikalen Gegenseitigkeit, in der auch den nicht menschlichen Mitspielern jene schöpferischen und emotionalen Qualitäten nicht fremd sind, die wir allein für unser eigenes Artmerkmal halten.

Abb.: Anne ten Donkelaar -
aus der Serie "Broken Butterflies"
Wer über sentimentale Blümchenbuchliebhaber spottet und über Esoteriker, die es in den Bäumen raunen hören, verkennt, dass Blümchen und Bäume mit Menschen eine entscheidende Eigenschaft gemeinsam haben: Sie sind verletzliche Wesen, die aus dem unbekannten schwarzen Loch eines winzigen Keimes entstehen, eine eigene Geschichte mit Aufschwüngen und Rückschlägen erleben, sich mit anderen verbinden müssen, um Nachkommen zu zeugen und Nahrung aufzunehmen, um sie selbst zu werden und wieder zu vergehen.

Andere Geschöpfe, ob Torfmoose oder Javaner-Affen, teilen, um es mit Hannah Arendt zu sagen, mit uns das »Schicksal der Gebürtigkeit«. Oder wie es eine andere unsentimentale Intellektuelle, die Polin Wisława Szymborska, formuliert, sie werden vom »selben Stern in Reichweite gehalten«. Man könnte sogar Adorno, Feind jeder trüben Eigentlichkeit, bemühen, um die Hingezogenheit zu anderem Leben zu erklären, der sagt: »Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzunehmen.«

Wie auch immer: Der aktuelle Boom der Naturbücher und Landlusttitel reagiert auf eine neue kulturelle Eruption. Er folgt den Ergebnissen einer Biologie, die sich wie keine andere Naturwissenschaft gerade selbst neu gebiert. Konzepte, die Biologen noch in den 1990ern so sicher galten wie Newtons Schweregesetz vor dem Einschlag der Relativitätstheorie, sind heute als Altlasten entsorgt.

So ist das einst jedem Schüler eingebläute Dogma, dass die Umwelt niemals die Gene beeinflussen kann, begraben. Mittlerweile weiß man, dass Traumata, die eine Großmutter erlebt hat, noch das Genom der Enkel durcheinanderbringen können. Botaniker entdecken wirklich ein geheimes Leben bei Pflanzen, die fühlen und kommunizieren wie Menschen, nur anders. Zoologen weisen Emotionen heute sogar bei so roboterhaft wirkenden Wesen wie der Erdhummel nach, die sowohl unter Verstimmung leiden wie Euphorie auszudrücken vermag.

Statt zu spotten, sollten wir unseren Blick schärfen: für den splitternden Umbruch, der gerade jetzt, in diesen Tagen, die Wissenschaft vom Leben erfasst. Die Biologie steht vor ihrem Quantensprung, und dieser ist nicht technisch, sondern sentimental. Der Bioforscher ist mit seinen Subjekten auf untrennbare Weise verschränkt. Denn wer Lebewesen erforscht, ist selbst eins. Wer Leben untersucht, spricht auch über sich selbst. Was gestern noch kühle Naturwissenschaft war, wird dadurch zur Biopoetik, zu einer Wissenschaft des Lebens in der ersten Person.

Der Naturbuch-Boom markiert also das Heraufdämmern einer Weltsicht. Diese knüpft einerseits da an, wo Hölderlin, Schelling, Wordsworth und Coleridge im 19. Jahrhundert aufhören mussten, nämlich bei der Idee, dass alles, was eine berührbare Außenseite hat, auch eine empfindsame Innenseite hat, genau wie wir. Andererseits reagiert sie auf die Erkenntnisse der Biologie, die sich vom Maschinenmodell der Natur verabschiedet hat.

In der angelsächsischen Kultur war dieser Boden anders als in Deutschland immer fruchtbar. Dort blieb mit Emerson, Thoreau und Whitman die Romantik bis ins 20. Jahrhundert aktuell. Die Sparten Ökophilosophie und Nature-Writing gehen heute fruchtbar ineinander über, setzen sich mit der Biologie auseinander und probieren neue Kommunikationsformen und eine radikal subjektive Sprache.

Was dort im Werk von Protagonisten wie Rebecca Solnit, Robert MacFarlane und Gary Snyder entsteht, ist eine poetische Wissenschaft des Lebens. Diese ist nicht regressiv, sondern tastende Forschung. Von dieser Forschung hatte sich die deutsche Kultur lange abgeschnitten. Das wird jetzt vorsichtig revidiert.

Es gibt ein wirksames Gegenmittel gegen die deutsche Furcht, dass Nature-Writing und Biopoetik nichts als verträumter Kitsch wären, nichts als ein schaler Aufguss der ersten Romantik. Dieses Gegenmittel ist die Idee, mit der die historischen Romantiker damals stecken geblieben sind, die radikale Konsequenz ihres Denkens, die schnell vergessen wurde. Sie geht so: Wenn die Welt seelenförmig ist, dann ist Seelisches, Ausdruck, Schönheit, ja sogar Identität nicht der Triumph souveräner Subjektivität, sondern ein massiv distribuierter Prozess. Dann ist Sein immer nur Sein durch Teilen. Ein Wesen ist nicht eine Seele, die einen Körper bewohnt wie ein mehr oder weniger schickes Konsumgut, sondern sie ist ein Teil der Welt, der nur blühen kann, wenn andere mit ihm solidarisch sind.

So gesehen ist die Rede von »der Natur« unbedingt zu korrigieren. Sie ist keine feste Größe, sondern ein Gewirr von sowohl lebensspendenden als auch tödlichen Gestaltungsprozessen, die Individuen formen wie Meere ihre Wogen und deren Essenzen sich wieder vermischen. Keiner ist einer, immer sind wir viele (was nicht erst Richard David Precht, sondern schon Goethe behauptet hat). Alles ist unauflöslich vermengt.

Das ganze Lebensreich ist »queer« – gebrochen, widersprüchlich, nicht auf den sauberen Nenner einer Individualität zu bringen. Wir selbst haben in unserem Körper mehr Gene von unseren Darmbakterien als eigene. Ein Fünftel unserer DNA stammt von Viren ab, die vor langer Zeit unsere entfernten Vorfahren umgebracht haben, bis diese das infektiöse Erbgut als etwas Neues, Nützliches eingemeindeten.

Eine solche Sicht auf die Natur und uns selbst würde helfen, den Spott der Gebildeten gegenüber den Naturliebenden und Naturliteraten abzubauen. Auch der Körper ist ein Sprachspiel, aber nicht weil er Fiktion ist, sondern weil alles Körperliche existenzielle Poesie und Bedeutung ist. Das zu sehen ließe uns verstehen, dass wir in einer Welt der graduellen Fremdheit und Verwandtschaft leben und nicht: wir hüben und der Rest drüben.

Auch wir selbst stimmen mit uns nicht zu hundert Prozent überein, mit der Partnerin vielleicht zu sechzig Prozent und mit unserem Hund zu dreißig – Ebenen der Überlappung, aus denen Sinn geschaffen werden kann, der freilich niemals erschöpflich ist.

Auf dieses Argument setzt der Ökophilosoph und Björk-Intimus Timothy Morton in seinem neuen Buch Humankind. Morton, bislang Star-DJ eines wilden Zynik-Slams, stellt die Romantik auf die Füße. Er zeigt: Was uns alle empfindungsfähig macht, ist das Gebrochene, Unperfekte aller biologischen Individualität. Die Welt ist zersplittert, die der Tomaten genauso wie unsere eigene.

Folglich müssten die Texte, welche diese Revolution avant la lettre beschreibt, eigentlich gar nicht Nature-Writing heißen, nicht Natur-Schriftstellerei. Sondern vielleicht »Leben schreiben«, das eigene und das der anderen Lebewesen, die ebenso einen Körper haben, der empfindet und der kaputt gehen kann.
Dieses Leben »zu schreiben« erfordert Mut gegenüber den Zynikern, die Fühlen für uncool halten. An denen arbeitete sich kürzlich eine Studierende im Schreibseminar einer Berliner Universität ab. Sie schämte sich, dass sie in einem poetischen kleinen Aufsatz einen Schmetterling erwähnte, weil das ihrer Meinung nach kitschig sei. Sie unterbrach sich extra, um vor ihrem Fauxpas zu warnen, bevor sie die angeblich kitschige Schmetterlingspassage las. 
Und dann fing sie ihren Fehler auf, indem sie unmittelbar danach lakonisch die Dimensionen des gegenwärtigen Insektensterbens umriss. Wer dem exponentiellen Schwinden der Insekten – 80 Prozent der Insektenbiomasse in den letzten zwanzig Jahren – gerade noch entgangen ist, sollte nicht verspottet werden.
Der Schmetterling beschwört etwas ganz anderes: Er ist kein Abgesandter von Mutter Natur, sondern unsere zerbrechliche Freude, die aufflackert, bevor das Leben von der Sachzwangmaschine unter schalen Vergnügungen begraben wird. Das bunte Insekt als Idyll trennt uns ab, der bedrohte Falter vermag uns zu verbinden, auch mit uns selbst. Er erinnert uns an unsere Solidarität mit dem Leben. 


Und Leben ist das, 
was sich selbst will, 
indem es anderes, 
was auch sich selbst will, 
zu berühren vermag, 
zu streicheln, 
zu verdauen.

»Ich spiele Perlspanner, um die Lebensformen / der ganzen Welt in eine einzige zu bringen. / So dass ich dem Tode antworten kann, wenn er kommt ...« schreibt die dänische Lyrikerin Inger Christensen – auch sie eine der Kräfte hinter dem Comeback der Natur ohne Sentimentalität.

Schmetterlinge, das sind ja die Blüten der Luft, das, was Blumen wären, wenn sie fliegen könnten. Sie sind es, weil sie sich ganz in ihre eigene Verletzlichkeit geben und blind in Kauf nehmen, zu Billionen an Windschutzscheiben und Kühlergrills zu zerschellen, wenn man sie denn noch ließe. In ihnen bildet sich die Einsicht ab, dass wir den anderen brauchen, um blühen zu können, dass wir uns öffnen und den anderen einlassen müssen. Und dass Schönheit etwas ist, in dem die Welt zu unserem Atem wird.
Timothy Morton nennt solche Schönheit in einem kühnen Schlenker, der den Psychoanalyse-Imperator Freud und seinen Vollstrecker Lacan mit einem einzigen Federstrich abhakt, das »Symbiotisch- Reale«: die Sphäre des Lebens, in der jeder des anderen Geist und jeder des anderen Echo ist. Das »Symbiotisch-Reale« ist das, was vom »selben Stern in Reichweite gehalten wird«. Es ist ein dauerndes Sehnen nach mehr Wirklichkeit und ein dauerndes Vergehen in der Wirklichkeit des anderen. Es ist keine Rettung im Idyll, sondern ein machtvolles Gefühl.
Wir können uns in dieser neuen Wirklichkeitssicht noch nicht wirklich zurechtfinden. Aber es ist die Sphäre, welche die Millionen Leser von Peter Wohllebens beseelter Waldwelt wiedererkennen, weil sie in ihr leben. Diese neue Wirklichkeit hat vielleicht nicht die simplistische Form, die solche Waldliteratur manchmal annimmt. Aber sie folgt doch einer Erkenntnis, die der Beginn einer neuen kulturellen Epoche sein könnte, und zwar in jeder Form des Austauschs, auch des ökonomischen: Wir alle, wir verletzlichen Körper, sind durch und ineinander, und dieses Durch- und Ineinandersein ist keine effizient absurrende Mechanik, sondern ein seelisches Geschehen intensivster Betroffenheit.

Was sich da abzeichnet, ist kein Paradies, in dem eine gute Mutter uns an ihre Brust nimmt, wenn wir nur brav Biotope schützen. Es ist ein Begehren, in dem jede Geburt einen Tod voraussetzt, in dem alles, was wir erhalten, von einem anderen erst losgelassen werden musste. Wir sehnen uns danach, zu empfangen, aber auch freizulassen, um zu geben. Wir sind lebendig, und die anderen sind es auch. Aber wir sind es nur miteinander und durch einander, in der Sehnsucht, zu blühen, indem mein Gegenüber blühen darf.


geboren 1967, lebt als Autor und Hochschuldozent in Berlin und Italien. Zuletzt erschien sein Buch »Sein und Teilen« 2017 im transcript Verlag

"Wir selbst haben in unserem Körper mehr Gene von unseren Darmbakterien als eigene. Ein Fünftel unserer DNA stammt von Viren ab, die vor langer Zeit unsere entfernten Vorfahren umgebracht haben, bis diese das infektiöse Erbgut als etwas Neues, Nützliches eingemeindeten."
Gedachte Darstellung eines Mikrobioms - nach naturalnews.com


ich muss meine leser unbedingt teilhaben lassen an diesem text, den ich im neuesten "zeit"-feuilleton fand. also - ganz ehrlich - ich bin ganz überwältigt - ganz hin & weg - von sprache und sinn dieses textes - auch weil er sich mit vielen überlegungen deckt, die ich so vor mich hin ausbrüte - die ich aber nie so prägnant zum ausdruck bringen könnte.

bitte - bitte - lassen sie sich nicht von der länge des artikels abschrecken, ihn auch wirklich ganz zu lesen ...

ich meine - es ist vielleicht ein schlüsseltext - zumindest für mich - ein text, der mich anrührt ... 

ich habe mich vorgestern ja noch mit dem für mich kaum leserlichen botho-strauß-essay vom "anschwellenden boxgesang" von vor 25 jahren beschäftigt. das war so ein text, der trotz seiner intellektuellen verquastheit anscheinend etwas bewirkt hatte - ein "abschluss-epilog" zum "marsch durch die institutionen" der 68-er vielleicht - sozusagen der schluss-doppelpunkt: von jetzt an geht es wieder "rääts heröm" ...

dieser text hier nun vom biologen andreas weber ist da etwas ganz anderes, da wird mir zumindest ein ganz frischer luftzug zugewedelt mit den flügelpaaren all der schmetterlinge, die noch verpuppt winterschlaf halten, die vielleicht irgendwo jemandem im bauch herumflattern, die im schmetterlingshaus irgendwelcher botanischer gärten herumwedeln ... - und die auf ihren start in den frühling warten ... - immer wieder neu und doch nach dem uralten ritus der individuellen metamorphose ...: ent-wicklung - verpuppung - ent-wicklung usw. ...

wie gesagt - ich bin ganz hin und weg und mir stehen die tränen in den augen: alles kommt darin vor: auch die fülle des mikrobioms, mit dem ich mich neulich erst ausführlich beschäftigt habe: sein millionen von jahren währendes alter, das die körper immer wieder neu besiedelt und uns schon im mutterleib teilweise über- und eingetragen wird: eine metapher vielleicht für "ewiges leben" ... seine partnerschaft in und zu leib und leben, die ich als gabe erhalten habe ... - (click here)

hoffentlich sind diese geschriebenen "natürlichkeiten" nicht nur wieder eine welle, weil in china ein sack reis umgekippt ist, oder etwa der flügelschlag eines schmetterlings einen tsunami ausgelöst hat - eine welle, die nach dem anplanschen auf den sand einfach vergeht und ganz sachte wieder wegsackt. ich weiß noch, als wenigstens in unseren damals esoterisch angehauchten kreisen alle welt zu "rudolf-steiner-vorträgen" schritt: ommmm ... - aber diese odysseen haben nach meiner wahrnehmung wieder nachgelassen ...

tja - da bleibt vielleicht nur ein spätes ehrfurchtsvolles staunen - und das gefühl der geborgenheit in der geborgenheit ... danke - und meine früheren Überlegungen dazu: CLICK HERE
S!
So gesehen ist die Rede von »der Natur« 
unbedingt zu korrigieren. 
Sie ist keine feste Größe, 
sondern ein Gewirr von sowohl lebensspendenden 
als auch tödlichen Gestaltungsprozessen, 
die Individuen formen wie Meere ihre Wogen 
und deren Essenzen sich wieder vermischen. 
Keiner ist einer, immer sind wir viele 
(was nicht erst Richard David Precht, 
sondern schon Goethe behauptet hat). 
Alles ist unauflöslich vermengt.

noch ein tipp: wenn sie mal in nächster zeit ganz mies drauf sind, dann versuchen sie sich an diesen text von andreas weber zu erinnern - und ihn erneut zu lesen: ich glaube zu ahnen, dass es danach besser wird ...


S!|repro aus dem Erstdruck des Eichendorff-Gedichts